Nr. 39/2013 vom 26.09.2013

Kanada–Oerlikon einfach

Von Stefan Howald

Ein aktuelles Thema. Gradlinig, präzis erzählt. Mit feinen Widerhaken. Was will man von einem neuen Buch von Franz Hohler mehr?

Martin Blancpains Rückkehr aus Kanada in die Schweiz endet nach einem Tag mit einem Herzinfarkt. Sein Tod greift auch ins Leben von Isabelle Rast ein. Er ist ihr doch nur am Gleis 4 im Bahnhof Oerlikon beim Einsteigen mit ihrem Koffer behilflich gewesen, als sie zum Flughafen fahren will, um in die Ferien zu reisen.

Doch in jedem Tod steckt eine Geschichte, und so macht sich Isabelle, seltsam angerührt, auf die Spur von Martins Familienverhältnissen und -verhängnissen, auch ein wenig auf die ihres eigenen Lebens und jenes ihrer Tochter.

Franz Hohlers Buch ist durch und durch schweizerisch. Dazu gehört zwangsläufig auch eine Flucht aus der Schweiz und die versuchte Rückkehr in diese. Da Isabelles Tochter Sarah einer heftigen Liebesaffäre mit einem ghanaischen Assistenzarzt entsprang, der die beiden verlassen hat und nach Ghana zurückgereist ist, geht es gleich doppelt um die Schweiz als Migrationsland.

Oerlikon, das Zürcher Oberland, das Neuenburgische und der Weg auf die Rigi werden erkennbar durchfahren. Es gibt etliches zu reden, und in den vielen Dialogen zeigt sich Hohlers Handwerk. Ohne naturalistische Schnörkel sprechen die Leute, wie man im Alltag so verständlich wie möglich spricht.

Indem er Martin zum ehemaligen Verdingkind macht, reagiert Hohler auf eine aktuelle Debatte um ein weiteres unrühmliches Kapitel der Schweizer Geschichte. Mit den jüngsten Recherchen kann und will er nicht konkurrieren. Die Fakten werden knapp skizziert und in eine Familientragödie hinein verknüpft. Die Suche ist mindestens so wichtig wie das Gesuchte. Bestritten wird das Buch von drei Frauen: Isabelle, als Pflegefachfrau in einem Altersheim gelegentlich mit dem Tod konfrontiert und durch ein Unbehagen über ihre Lebenssituation angekränkelt; Véronique, die kanadische Witwe Martins, die trauernd und milde staunend durch die Schweiz geführt wird; Isabelles Tochter Sarah, die ein bisschen halbbatzig nach ihren «afrikanischen Wurzeln» sucht.

Das tönt alles absehbar und womöglich bieder. Aber das hiesse denn doch, Franz Hohler zu unterschätzen. Dem Vordergründigen haftet durchaus Tiefe an. Nur kommt die unaufgeregt daher und nicht herablassend. Es geht diesem Buch, könnte man sagen, um Anstand und Schicklichkeit.

Franz Hohler ist dieses Jahr siebzig geworden (siehe WOZ Nr. 9/13). Er ist eine Institution, und seine Bücher sind ein sicherer Wert. «Gleis 4» unterhält gut. Was eine Kunst ist.

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