Nr. 39/2013 vom 26.09.2013

Sätze, die man in die Tasche stecken möchte

Einen «Roman in zwölf Runden» nennt Jens Steiner sein «Carambole». Damit hat er es auf die Shortlist für den Schweizer Buchpreis geschafft.

Von Ulrike Baureithel

Carambole ist ein Spiel mit Ursprung in Indien und folgt einfachen Regeln. Man schubst kleine flache Steine in ein Loch in einer Ecke des Spielfelds. Manchmal werden die falschen Steine angestossen, aber gelegentlich stellt sich heraus, dass es doch die richtigen sind. Ein Spiel wie das Leben – oder auch wie die Literatur. Jedenfalls wenn man beides so versteht wie Jens Steiner, der sein gleichnamiges zweites Buch nach diesem Spielprinzip organisiert. Ein Stein wird angestossen, mit ungewissem Ziel, ohne eigentlichen Anfang und ohne Ende: Geschichte «in Ewigkeitsaugenblicken», wie es an einer Stelle heisst, alles deutlich sichtbar, und doch wird nichts deutlich.

In Freysingers Garten

Zwölf Runden mit verschiedenen Figuren spielt der 1975 geborene Steiner durch. Schauplatz ist ein nicht näher präzisiertes Schweizer Dorf, in dem die Zeit stehen geblieben ist. «Zwei Wochen bis zu den Sommerferien», hebt der Roman an, «und noch immer ist nichts passiert.» Wartend hängen Igor, Fred und Manu in Freysingers Garten ab, lassen sich von Schorsch, der behauptet, aus Korsika zu stammen, abwegige Geschichten erzählen und fantasieren eine Entführung zusammen, «weil endlich einmal etwas passieren muss».

Doch das Leben macht nicht nur «einen grossen Bogen» um die Peergroup, auch in der Familie der fünfzehnjährigen Renate, die zwischen ihren sprachlosen Eltern wie auf einem anderen Stern existiert, bewegt sich nichts. Vater Edgar emigriert in den Schuppen und weint tonlos, während die «abgebrochenen Sätze der Mutter irgendwo hängen» und aufgereiht bleiben wie die Häuser «auf der Perlenschnur der Dorfstrasse», auf der sich der Dorfstreicher herumtreibt. Auch er wartet, während er sich im «Hirscheneck» ein Leben erfindet.

Keiner kann mehr wegsehen

Das Dorf dagegen wartet vergeblich auf «den Netten», der einmal auszog und eine Tenniskarriere gemacht hat; und hinter drei Fernrohren und mehreren Spiegeln sitzt ein Mörder, gefangen in seiner Schuld, der tagein, tagaus die Kinder seiner Opfer beobachtet und darauf harrt, dass sie mit ihm abrechnen, damit «der Schmerz endlich auf ihn überspringen kann». Nur Freysinger hat aufgehört zu warten, zumindest auf Marisa, die einmal kam und ihm «den Appetit auf die Welt» ins Haus brachte. Eines Tages kommt er zu früh aus dem «Hirscheneck», und es passiert etwas, das das Warten aus dem Takt bringt, und keiner kann mehr wegsehen.

Nach der sechsten Runde sind fast alle Steine ins Spiel gebracht, und der Autor legt eine Pause ein für ein philosophisches Hauptstück. Auftritt einer älteren Version der jugendlichen Troika, ein «Geheimbund ohne Mission», der sich regelmässig zum Carambolespielen trifft. Neben einem ausgemusterten Paläontologen und einem Gärtner für minimalistische Existenz findet sich auch Schorsch wieder, der wie die beiden Zufallsfreunde Gustavo und Ricardo mediterran zu einem Giorgio mutiert ist. Es handelt sich um drei vom Leben Versprengte, mit unterschiedlichen philosophischen Neigungen und dem Wunsch, sich mit der Zeit, die kein Warten mehr für sie bereithält, zu versöhnen.

Doch im Unterschied zu seinen berühmten literarischen Vorgängern, Jean-Paul Sartre oder Max Frisch, die ihre Figuren immer wieder an die Ausgangsschleifen zurückbrachten, bleibt die neue Chance bei Steiner höchstens angedeutet. Er lässt sie in jeder Hinsicht graben, aber weniger in der Vergangenheit als in der Gegenwart des Augenblicks, an den Anfängen, die das Ende bereithalten: «In jedem Kleeblatt steckt schon der nächste Kuhfladen», fasst Ricardos siebenjähriger Sohn diese Unausweichlichkeit zusammen. Was geschieht, hat längst begonnen.

Kein Kern der Geschichte

Als Schriftsteller interessieren Jens Steiner, bildlich gesprochen, die Kleeblätter, die Anfänge der Geschichten, die er detailreich und gelegentlich so bildstark ausmalt, dass man die Sätze in die Hosentasche stecken möchte wie Ricardos Hand, in die er seine «Haselnüsse der Bedürfnisse» gepackt hat. Doch wie die nicht zu Ende geführten Sätze, an denen die DorfbewohnerInnen würgen, bleiben auch die zwölf Geschichten in der Luft hängen, dem Erzähler liegt es fern, zum Kern der Geschichte vorzudringen. «Ich wollte wissen, wie ihre Geschichten anfangen.» Sie in das Loch des Spielbretts zu befördern, bleibt den LeserInnen überlassen, und sie müssen sich darauf einlassen, denn «von der Normalität her» ist hier «nichts zu verstehen».

Dass Steiner mit solchen Sätzen die Leseanweisung gleich mitliefert, verweist allerdings auf die Unsicherheit eines zwischen philosophischer Betrachtung und erzählerischem Feuer schwankenden Autors.

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