Nr. 39/2013 vom 26.09.2013

Ein Planet der Glücklosen

In Kleinbasel betreiben Armutsbetroffene und Asylsuchende seit sechs Jahren zusammen ein Selbsthilfeprojekt. Das Internetcafé Planet 13 ist längst ein rege besuchter Treffpunkt für Menschen, die anderswo ausgegrenzt werden.

Von Timo Posselt (Text) und Ursula Häne (Foto)

Hier sind der Internetzugang, der Deutschkurs und die Hilfe beim Schreiben von Bewerbungen gratis: Avji Sirmoglu (rechts) mit einem Besucher im «Planet 13».

An den Wochenenden zieht an der Kleinbasler Klybeckstrasse die urbane Mittelschichtjugend ein und trinkt in den dortigen Szenelokalen. Mitten im Ausgehviertel steht aber auch ein Ort für jene, die wenig Grund zum Feiern haben: der «Planet 13». 2500 Asylsuchende und SozialhilfeempfängerInnen kommen regelmässig dorthin. Sie benützen das Internet, schreiben Bewerbungen und lernen Deutsch – alles gratis und in Selbstverwaltung. An diesem Freitagmittag ist noch nicht viel los im «Planet 13» an der «Klybeck». Vor den Schaufenstern stehen ein paar Männer, rauchen und trinken einen Kaffee. 

Am Anfang stand ein Computer

Avji Sirmoglu hat das Internetcafé vor sechs Jahren mit gegründet. Sie betreibt es zusammen mit einer Gruppe von gut fünfzehn weiteren Leuten, die alle ehrenamtlich arbeiten. Die 57-jährige Sirmoglu hat damals ihren Job in der Medienbranche verloren und damit auch ihr Arbeitswerkzeug, den Computer – sie rutschte in die Sozialhilfe ab. Auf einer Armutskonferenz lernte sie Christoph Ditzler und Sven Röhler kennen und bat sie um Hilfe. Selber hatten die beiden auch kein Geld für einen neuen Rechner, doch sie konnten einen günstigen kaputten auftreiben. «Zwei Tage und zwei Nächte lang brüteten sie über der Maschine und brachten sie wieder zum Laufen», erzählt Sirmoglu. «Christoph meinte dann, dass ich doch nur eine von vielen sei, die keinen Zugang zur digitalen Welt hätten.» Gemeinsam beschlossen sie, ein kostenloses Internetcafé zu gründen, das für alle zugänglich ist. Nach zweieinhalb Jahren Vorbereitung gründete eine Gruppe von Armutsbetroffenen mit der Hilfe eines Rechtsanwalts, der selbst Sozialhilfe bezog, einen Verein und schrieb die Selbstverwaltung fest. Die Basler Christoph-Merian-Stiftung stellte 40 000 Franken als Startkapital und einen festen Jahresbetrag von 60 000 in Aussicht. Alles war aufgegleist, man hatte aber keinen Raum.

Auf einer Velofahrt durch Kleinbasel entdeckte Ditzler ein freies Ladenlokal. Nach kurzen Verhandlungen zog der «Planet 13» als Internetcafé für Armutsbetroffene und Ausgeschlossene ein. Die Unglücks- und Primzahl 13 und der Planet als Namensgeber stünden symbolisch für die Armutsbetroffenen als «glücklose Primzahlen der Erde», so Sirmoglu. «Von den Leuten aus dem Quartier haben wir viel Unterstützung erfahren. Ein Grossteil derer, die zu uns kommen, wohnt auch in Kleinbasel.» Der Standort sei ideal: «Auf der Klybeckstrasse herrscht ein ständiges Kommen und Gehen.» Das Einzugsgebiet reiche bis tief ins Baselbiet.

«Eigentlich suche ich einen Job»

Die ersten Asylsuchenden erfuhren vom «Planet 13» durch Mundpropaganda. Sirmoglu und ihre MitbetreiberInnen bekommen deren Lebensschicksale direkt mit. Es kämen auch ehemalige Kindersoldaten zu ihnen und Frauen, die missbraucht worden seien. «Wer kümmert sich um diese traumatisierten Menschen?», fragt Sirmoglu und fährt fort: «Natürlich gibt es Stellen, die helfen könnten, aber davon wissen die Betroffenen meist nichts.» Die eigentlichen sensiblen Zonen seien nicht die Orte, sondern die Menschen mit ihren Schicksalen, so Sirmoglu. Über vieles, was sie im «Planet 13» erfahren hat, fällt es Sirmoglu schwer zu reden. Aber es gebe auch Erfolgserlebnisse zu erzählen: «Wir schrieben zusammen Berge von Bewerbungen, und die Leute fanden Jobs, wenn auch prekäre.» Ausserdem übernahm die Schule für Brückenangebote in Basel die Erstausbildung für vier minderjährige Asylsuchende. «Es ist einfach super, dass diese jungen Menschen nun endlich eine Mindestausbildung machen können», sagt Sirmoglu, die als Kind griechischer EinwanderInnen im Thurgau aufgewachsen ist.

Inzwischen ist es 14 Uhr, und die Computerzimmer im «Planet 13» sind bis auf den letzten Platz besetzt. An der Tür steht Sama. Der 34-Jährige aus Kamerun lebt seit gut eineinhalb Jahren in der Schweiz. Im «Planet 13» ist er heute Nachmittag für die Koordinierung der Computer zuständig. JedeR kann eine halbe Stunde ins Internet, dann gibt es einen Wechsel. Ständig muss Sama Neuankommende draussen warten lassen oder auf den nächsten Tag vertrösten. Am Anfang kam er hierher, um einen Lebenslauf zu schreiben und Zeugnisse auszudrucken. «Im ‹Planet 13› arbeite ich nur, damit ich beschäftigt bin», erzählt Sama, «eigentlich suche ich einen Job.» Neben dem Internet bietet der «Planet 13» auch Deutschkurse an. Ausserdem kommen jeden Montagabend unter dem Stichwort «Uni von unten» freie DozentInnen und AkademikerInnen zu Vorträgen an die Klybeckstrasse. An einer Säule hängen Postkarten von den Rändern Europas. Ehemalige BesucherInnen des Internetcafés bedanken sich darauf für die Unterstützung.

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