Nr. 45/2013 vom 07.11.2013

Eine Insel der Freundschaft

Gonpo Khenzur und Nuri Akram besuchen die Autonome Schule Biel. Dort teilen sie mit anderen Asylsuchenden ihr Wissen über die schwierige deutsche Grammatik und finden etwas Ablenkung von der äusseren Willkür.

Von Adrian Soller

In den Räumen der Autonomen Schule Biel: Hier sind die SchülerInnen auch LehrerInnen – und umgekehrt. Foto: Autonome Schule Biel

Noch ist es still in der «Villa Fantasie». Noch drängen sich nicht vierzig Menschen Schulter an Schulter an die drei Holztische im ersten Stock des besetzten Hauses. Es ist kurz vor 18 Uhr. In einer halben Stunde beginnt der Deutschunterricht, hier an der Autonomen Schule Biel (ASB).

Die Stille im Raum wird ab und zu von zwei Stimmen unterbrochen. Sie gehören Gonpo Khenzur und Nuri Akram* – Schülern an der ASB, die Deutschkurse für Fortgeschrittene nehmen und sich auf den Unterricht vorbereiten.

Mönch und Maurer

Khenzur und Akram sprechen Englisch miteinander. Noch haben sie etwas Mühe mit dem Deutsch, dieser Sprache mit den vielen Ausnahmen und grammatikalischen Fällen. «Wir haben aber schon grosse Fortschritte gemacht», sagt der 32-jährige Khenzur, lächelt und lässt einen Pin mit der Aufschrift «Free Tibet» in seiner Hosentasche verschwinden. Khenzur und Akram sind, wie die meisten anderen SchülerInnen der ASB, vor einigen Monaten in die Schweiz gekommen: als Flüchtlinge.

Früher las Gonpo Khenzur statt Grammatikbücher buddhistische Schriften. Er war ein tibetischer Mönch. Bis zu jenem Morgen vor zwei Jahren, als chinesische Beamte und Soldaten sein Kloster besuchten – und von ihm verlangten, die eigene Sprache und den Glauben aufzugeben. Khenzur und seine Kollegen verliessen darauf den heiligen Ort. Glaube und Sprache gaben sie jedoch nicht auf. Khenzur schloss sich Demonstrationszügen an, wehrte sich gegen die chinesische Besatzung. Und plötzlich war nichts mehr, wie es gewesen war. Khenzurs Verhalten galt als Landesverrat, sein Leben war in Gefahr. Er musste Tibet verlassen. Auf Wunsch seiner Familie reiste er via Nepal in die Schweiz.

Auch Nuri Akram war sich des Lebens in seiner Heimat nicht mehr sicher. Auch er flüchtete in die Schweiz, und wenn der 21-Jährige heute daran zurückdenkt, dann versiegt sein Lächeln. Die Hände beginnen zu zittern. Akram wuchs im Iran als Kind afghanischer Eltern auf. Er und seine Familie sind Hasara. Diese ethnische Minderheit hat in Afghanistan ähnlich wenig Rechte wie im Iran. «Ich fühlte die Diskriminierung mit jedem einzelnen Herzschlag.» Akram durfte nicht einmal ein Motorrad kaufen, er durfte keinen Vertrag unterschreiben. In der Grundschule wurde er in fünf Jahren elfmal versetzt. Auch studieren durfte er nicht, und so wurde der schlanke, etwas schmächtige Mann halt Maurer.

Einfach nur leben

Heimlich las Nuri Akram Bücher. Er las alles Mögliche. Nur den Koran las er nicht mehr. Und das war gefährlich. Sein Vater prügelte ihn deshalb fast zu Tode. «Ich wollte keine Religion, keine Politik – ich wollte einfach nur leben», sagt Akram. So kam es, dass er zusammen mit anderen Flüchtlingen durch das kurdische Bergland wanderte, um von der Türkei via Griechenland und Italien bis in die Schweiz zu gelangen.

Gonpo Khenzur und Nuri Akram sind zwar «unendlich dankbar», dass sie vorerst in Sicherheit sind, die Schweiz aber hat sie beide enttäuscht. Sie haben sich das Land anders vorgestellt. «Ich wählte die Schweiz wegen der in Genf stationierten UN-Organisationen», sagt Khenzur. Er stellte sich einen friedlichen Ort vor – und rechnete nicht mit behördlicher Willkür. Doch «ob ich hier Asyl erhalte oder nicht, ist Glückssache», findet er. Weder Khenzur noch Akram haben bisher einen Asylentscheid erhalten. Khenzur ist nach mehreren Monaten noch nicht einmal zur zweiten Anhörung vorgeladen worden.

Mehr als eine Schule

Eine neue Heimat haben die beiden in der Schweiz also nicht gefunden. Umso glücklicher sind sie, dass sie von der ASB hörten. Diese ist für sie mehr als eine Schule. Und das sehen wohl alle Flüchtlinge hier so.

Die ASB-Mitglieder beschreiben ihre Schule als einen «Ort des freien Wissensaustauschs und der Solidarität». Im selbstverwalteten Verein, der eng mit der Autonomen Schule Zürich zusammenarbeitet, sind LehrerInnen immer auch SchülerInnen – und umgekehrt. Flüchtlinge, die sich schon länger in der Schweiz aufhalten, unterrichten Neuankommende in Deutsch. Dafür erfahren sie etwas über fremde Kulturen, Sprachen, Religionen – und vieles mehr.

Neben dem Schulbetrieb unternehmen die rund vierzig Mitglieder der ASB gemeinsam Ausflüge, besuchen Theaterworkshops, organisieren Filmabende oder laden zu Infoveranstaltungen und Festen. Fast alle Veranstaltungen der stark wachsenden Schule finden hier in der Villa Fantasie statt – im Umfeld des Autonomen Jugendzentrums (AJZ). Die Autonome Schule, die erst vor drei Jahren gegründet wurde, hat sich in Biel längst etabliert.

Für Akram ist die ASB jener Ort in der Schweiz, wo er Freunde gefunden hat. «Die ASB ist viel mehr als Deutschunterricht», sagt er, bevor plötzlich ein Stimmenwirrwarr die Stille aus der besetzten Villa Fantasie scheucht. Der Unterricht beginnt.

* Namen geändert.

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