Nr. 37/2013 vom 12.09.2013

Fremdenverkehr einmal anders

Seit vier Jahren betreibt die IG offenes Davos einen Treffpunkt für Asylsuchende. Die Ressentiments sind verschwunden. Und auch die Gemeinde hat sich neu kennengelernt.

Von Dominik Gross (Text) und Ursula Häne (Foto)

Doris Schweighauser im Haus Belfort: Der Computerraum ist für die Davoser Asylsuchenden die Schaltzentrale zu ihren Familien und FreundInnen in aller Welt.

Der mondäne Bahnhof Davos Platz versprüht noch immer den Charme des Gründerzeittourismus. Die über hundertjährige Tradition des Fremdenverkehrs scheint allerdings nicht unbedingt den Blick für Fremde zu weiten, die nicht teure Erholung, sondern Schutz suchen: Als der Kanton Graubünden im Frühjahr 2009 ankündigte, in Davos ein Transitzentrum für Asylsuchende eröffnen zu wollen, löste das Querelen in der Landschaft aus. Manche hielten es für eine schlechte Idee, «Hundert von Gesetzes wegen unterbeschäftigte Personen an zentraler Lage an einem Tourismusort einzuquartieren», wie ein Komitee in einem Brief an die Behörden schrieb. Man befürchtete Imageschäden.

Mitten im Zentrum

Die lokalen Jusos, die Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in Davos und die lokale Gruppe von Amnesty International reagierten. Die IG offenes Davos wurde gegründet im Willen, sich mit der «kulturell erweiterten Situation», die sich aus der Ankunft von Asylsuchenden ergibt, produktiv auseinanderzusetzen.

Nur ein paar Hundert Meter vom Bahnhof entfernt steht das Haus Belfort, das der reformierten Kirchgemeinde von Davos Platz gehört. In den letzten vier Jahren wurde es zu einem Treffpunkt für die weltoffenen Kräfte in Davos. Äusserst beliebt ist der Computerraum, für die Davoser Asylsuchenden die Schaltstelle zu ihren Familien und FreundInnen in aller Welt. Im Transitzentrum fehlen solche Angebote. Alle zwei Monate findet im Haus Belfort zudem ein Sonntagstisch statt, an dem Asylsuchende Gerichte aus der Heimat kochen. Um die 120 Personen erscheinen jeweils. Es hat sich ein Stamm gebildet, Jung und Alt sind da. Ab und zu kommt auch die eine oder andere Touristin vorbei.

Und nebenbei haben Jusos und Kirchenleute beim Sonntagsbrunch gemerkt, dass auf der jeweils anderen Seite «auch ganz nette Menschen» aktiv sind, wie der pensionierte Pfarrer Walter Hoffmann bemerkt, der sich ebenfalls fürs «offene Davos» engagiert. Früher habe man sich auch mal «aufs Dach gegeben». Nun seien Kirche und Jungsozialisten neben vielen anderen Interessierten die tragenden Säulen des Projekts: «Es ist eine schöne Zusammenarbeit.»

Im Unterschied zum Transitzentrum, das ausserhalb der Alpenstadt am Fuss des Wolfgangpasses im Weiler Laret steht, befindet sich das Haus Belfort mitten im Zentrum. Mittlerweile gilt Davos als vorbildlich im Umgang mit Asylsuchenden, die Ressentiments in der Bevölkerung sind verstummt. Das ist wesentlich das Verdienst der Interessengemeinschaft.

Für Doris Schweighauser war von Anfang an klar, dass sie in der IG Davos mitmachen will. Die ehemalige Krankenschwester und Mutter zweier Kinder sass früher für die SP im Gemeinderat in Filisur und war für Amnesty International tätig. Seit den Anfängen im Haus Belfort führt sie die Beratungsstelle – nur knapp die Hälfte der Arbeitszeit kann ihr bezahlt werden, weshalb die IG nach weiteren finanziellen Mitteln sucht.

Schwierige Abschiede

Unzählige Gespräche hat Schweighauser in den letzten Jahren mit Menschen aus aller Welt geführt. Zu Beginn, als viele junge Eritreer ins Zentrum am Wolfgang kamen, diskutierte Schweighauser oft über das alltägliche Verhalten im öffentlichen Raum: «Manchmal wurde ich zum Beispiel gefragt, ob man Frauen in der Öffentlichkeit ansprechen darf. Gewisse Dinge, die für uns Einheimische völlig selbstverständlich erscheinen, müssen Menschen, die hier neu sind, erst erforschen.»

Meist aber gehe es in den Gesprächen um existenzielle Fragen, sagt Schweighauser: um die rechtlichen Möglichkeiten in den Auseinandersetzungen mit dem Bundesamt für Migration, ums Wohnen, Einkaufen, den öffentlichen Verkehr. Im rechtlichen Bereich arbeitet Schweighauser mit einem Netz von JuristInnen zusammen, in Zürich hat sie Weiterbildungen der Flüchtlingshilfe in diesem Bereich besucht. «Ich lerne hier immer wieder viel dazu.» Umgekehrt ist die Arbeit auch kräftezehrend.

In Schweighausers Büro hängen Fotos von Leuten, die sie teilweise über Jahre begleitete. Algerier bei einem Berglauf sind zu sehen, Eritreer auf einer Wanderung. «Vom einen wissen wir nicht, wo er heute ist», sagt Schweighauser. Zwei Porträts zeigen eine junge Afghanin, die nach einem negativen Bescheid die Schweiz verlassen musste und heute in Italien lebt. «Da war in der Heimat auch häusliche Gewalt im Spiel.» Der Abschied fällt Schweighauser oft nicht leicht.

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