Nr. 40/2013 vom 03.10.2013

Tränengas versus Anverwandlung

Von Stefan Howald

An der Art Basel wurde im Juni dieses Jahrs ein Protest gegen das als Verhöhnung der Armen dieser Welt empfundene «Favela Café» letztlich mit Tränengas aufgelöst. In Hamburg ist man ein wenig schlauer und lässt einen politischen Protest an einer Kunstausstellung als künstlerische Erweiterung durchgehen.

In einer Retrospektive zum Werk des spanischen Künstlers Santiago Sierra in den Phoenix-Hallen in Hamburg steht auch eine Skulptur mit dem Titel «Acht Personen, die dafür bezahlt werden, in Pappkartons zu bleiben». Am letzten Freitag schlüpften plötzlich zwölf Flüchtlinge aus Schwarzafrika in die zellengrossen Kartonhäuser, hängten Transparente auf und baten um Spenden oder noch besser um einen Lohn für die Belebung der Installation.

Zurzeit fordern rund 300 Flüchtlinge, die aus Lampedusa nach Deutschland eingereist sind, ein humanitäres Bleiberecht. Die aktuelle kunstpolitische Aktion mit einigen von ihnen ist von der Hamburger Künstlerin Nadja Hollihore initiiert worden. Der «Süddeutschen Zeitung» erklärte sie, es habe nahegelegen, Sierras Kunst und die aktuelle politische Situation zusammenzubringen. Die Aktion sei nicht nur eine Besetzung, sondern auch eine Erweiterung der Arbeit unter dem neuen Titel «Underdog Restaurationsskulptur».

Tatsächlich hat Santiago Sierra mit seinem Werk immer wieder politisch provoziert und die Asylproblematik schon früher thematisiert. Die jetzt besetzte Aktion «Acht Personen, die dafür bezahlt werden, in Pappkartons zu bleiben» wurde ursprünglich in Guatemala-Stadt durchgeführt und später in Berlin mit sechs tschetschenischen Flüchtlingen wiederholt. Da diese laut deutschem Gesetz nicht bezahlt werden durften, entschädigte sie Sierra privat. Und machte daraus eine neue Aktion: «Sechs Arbeiter, die nicht bezahlt werden können, dafür entschädigt, in Pappkartons zu bleiben». Entsprechend zeigte sich der Künstler von der jetzigen Aktion «begeistert».

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