Nr. 40/2013 vom 03.10.2013

Ausgezählte Qualität

Das «Jahrbuch Qualität der Medien».

Von Stefan Keller

Letzte Woche war es wieder einmal so weit: Eine Gruppe von ForscherInnen um den Zürcher Mediensoziologen Kurt Imhof publizierte ihr «Jahrbuch Qualität der Medien» und stellte die Befunde in einer Pressekonferenz vor. Wie jedes Jahr protestierten sofort die Zeitungsverleger und verschickten ein vorgefertigtes Communiqué noch während der Konferenz. Sie äusserten Zweifel an der «Objektivität und auch an der wissenschaftlichen Seriosität» des Berichts, das hatten in früheren Jahren neben den Verlegern auch einige Chefredaktoren von besonders kritisierten Medien getan.

Es ist ein Ritual: Die einen sagen, die Medien seien im Durchschnitt schlechter geworden, dazu veröffentlichen sie ein dickes Buch mit Zahlen. Die anderen sagen, die Medien seien gut genug und würden von der Wissenschaft bloss schlechtgeredet. Das Buch wird nicht gelesen – es ist aber auch fast unlesbar geschrieben –, und weil kein Verleger und kaum ein Journalist oder eine Journalistin die Forschungsergebnisse inhaltlich widerlegen oder bestätigen können, beschränkt man sich am Ende auf Glaubensbekenntnisse und auf Rechthaberei.

Dass die Medien schlechter werden und ihrer demokratiepolitischen Aufgabe immer weniger genügen, gehört andererseits seit vielen Jahren zu den Gemeinplätzen jeder Feierabenddiskussion. Schon als Anfang der Achtziger alternative Zeitungen wie die WOZ und die deutsche «tageszeitung» gegründet wurden, waren die politische Einseitigkeit und die mangelnde Qualität der Mainstreamblätter wichtige Argumente der jungen GenossenschafterInnen («Wir warten nicht auf bessere Zeitungen» war ein früher Slogan der «taz»). In den letzten fünfzehn Jahren hat sich nun ein bedeutender Teil des Medienkonsums ins Internet und zur Gratispresse verlagert. Abonnierte Zeitungen verlieren kontinuierlich LeserInnen, aber auch Anzeigeneinnahmen in grossen Beträgen (183 Millionen Franken im letzten Jahr). Die kostenlosen Pendlerzeitungen legten lange zu, während journalistisch gemachte Onlinemedien beliebt sind, aber nur selten rentieren: Im Netz fliesst das Werbegeld zu Firmen wie Google oder Facebook oder in reine Inserateportale, statt dass es die redaktionelle Arbeit finanziert.

Zumindest diese Behauptung des «Jahrbuchs Qualität der Medien» kann leicht verifiziert werden: dass es nach dem «Take-off einer Gratiskultur» immer noch nicht gelungen ist, neue Geldquellen zu erschliessen, um die JournalistInnen zu bezahlen. Logischerweise werden Medien nicht besser, wenn sie an Geldmangel leiden und Stellen abbauen. Dass die Verleger so tun, als wäre dies anders, hat ebenfalls eine gewisse Logik: Ihre dicken Dividenden ziehen sie ja trotzdem aus den Verlagen heraus.

Wirklich provokant ist die Studie der Leute um Kurt Imhof, weil sie sich anmasst, die sinkende Qualität mathematisch zu messen. Jahr für Jahr zählen die ForscherInnen viele Tausend Artikel aus und sortieren sie nach Kriterien, die zwar offengelegt sind, im Einzelfall aber ganz unterschiedlich angewandt werden können. Eine wichtige Frage ist beispielsweise, wie stark ein Artikel bestimmte Ereignisse in gesellschaftliche Zusammenhänge einordnet. Bei allem Verständnis: Gute Texte bestehen oft auch aus Andeutungen und Zwischentönen, sie lassen sich nicht einfach quantifizieren. Und bei aller Skepsis: Jenseits von Kulturpessimismus und Rechthaberei brauchen JournalistInnen mit Berufsstolz wohl dringend Strategien für ein anständiges Handwerk in schwieriger Zeit.

Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft/Universität Zürich: «Jahrbuch 2013. Qualität der Medien. Schweiz – Suisse – Svizzera». Schwabe Verlag. Basel 2013.

Stefan Keller ist WOZ-Redaktor.

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