Nr. 40/2013 vom 03.10.2013

Den Burka-Ärger ernst nehmen

Von Linda Stibler

Nach der Annahme der Vermummungsverbotsinitiative im Tessin wittern fremdenfeindliche Kräfte Morgenluft. Endlich kann wieder ein Thema populistisch beackert werden. In der letzten Ausgabe hat die WOZ deshalb ein Verbot des Burkaverbots gefordert und sich dabei auf die Religionsfreiheit und Menschenrechte bezogen. Das Tragen einer Burka ist aus linker Sicht aber auch schlicht als ein öffentliches Ärgernis wahrnehmbar, dem gesetzliche Grenzen gesetzt werden sollen.

Unsere Gesellschaft hat im Lauf der Zeit die meisten Kleidervorschriften beseitigt. Das ist der individuellen Freiheit geschuldet, auch wenn gewisse Moden befremdlich und abstossend erscheinen mögen. Es gibt aber auch Grenzen. Sowenig jemand in der Öffentlichkeit splitternackt herumrennen kann, sowenig ist die Maskierung des Gesichts akzeptabel. Eine offene Gesellschaft ist darauf angewiesen, dass ihre Mitglieder sich gegenseitig erkennen können. Die explizite Weigerung, sein Gesicht zu zeigen, ist immer suspekt, sofern ein Gesicht nicht vor Schaden geschützt werden muss. Mit Maskierungen können kriminelle Machenschaften vertuscht werden – auch rassistische Verbrechen. Selbstredend sind die weder an Religion noch an die Herkunft gebunden. Vermummung kann aber auch als Provokation verwendet werden; das Tragen eines Gesichtsschleiers oder einer Burka ist ein Zeichen der Unterwerfung der Frau. Und Frauen werden – gerade hier, in der säkularen Welt – von ultrakonservativen Patriarchen und religiösen Fanatikern dazu benutzt, diese Provokation in die Öffentlichkeit zu tragen.

Glücklicherweise sind Burkaträgerinnen eine Randerscheinung, sie bleiben aber ein öffentliches Ärgernis. Eine selbstbewusste Gesellschaft kann mit solchen Situationen umgehen, zum Beispiel indem sie mit bestehenden gesetzlichen Regelungen Grenzen setzt. Wer diesen öffentlichen Ärger aber nicht ernst nimmt, leistet der multikulturellen Gesellschaft einen Bärendienst. Dann hat die SVP ihr Ziel erreicht: Es wird über vermeintliche Probleme debattiert anstatt über die wirklich brennenden politischen und sozialen Fragen.

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