Nr. 24/2018 vom 14.06.2018

Populismus ist nicht die Antwort

Was haben ein Konvertit wie Nicolas Blancho und die SVP gemeinsam? Die Philosophin Isolde Charim bringt in ihrem klugen neuen Buch Ordnung in umstrittene Fragen unserer Zeit – und hilft uns so, die Gegenwart zu decodieren.

Von Daniela Janser

Dieses Buch ist wie eine frisch geschliffene Brille, mit der man die Gegenwart plötzlich viel klarer sieht. Es rückt auch Bereiche zurecht, die zuvor verschwommen blieben. So lernt man mit Isolde Charim etwa verstehen, warum der von Gerhard Pfister verordnete Rechtskurs der CVP keinen Erfolg hat: weil Nachahmungen in der Politik nie funktionieren. Die altmodisch-konservative CVP bietet negativen Leidenschaften wie dem lustvollen Ausleben von fremdenfeindlichen Ressentiments schlicht nicht den passenden «Emotionsraum», wie Charim das in einem ähnlichen Zusammenhang beschreibt.

Während andere die Welt mit sträflich vereinfachten Bildern oder in komplizierten Systemen «erklären», legt die Wiener Publizistin und Philosophin ihren Fokus in «Ich und die Anderen» dahin, wo Lebenswelten, Gefühle und Identitäten in Zeichensysteme übersetzt werden: dorthin also, wo Bedeutung hergestellt wird, sei es in der Religion, Politik oder Kultur. Gerade die Kultur sieht Charim als zentralen Schauplatz, wo Gesellschaft ganz grundsätzlich verhandelt wird – was die Rechte anscheinend besser begriffen hat als die Linke.

Man erkenne das auch daran, dass zeitgenössische PopulistInnen gerade «nicht gegen das ökonomische Kapital, sondern gegen den kulturellen Wandel» mobilisierten, schreibt Isolde Charim. Und beschleicht uns nicht auch hierzulande manchmal das Gefühl, der einzige Chefredaktor, der sich für kulturelle Fragen interessiert, sei Roger Köppel mit all seinen Auslassungen zu «grossen Männern der Geschichte», Geschlechterthemen und AC/DC?

Lederhosen und Holzkühe

Als entscheidende Kunstfigur für die Gegenwart nennt Charim die Sängerin und Genderkünstlerin Conchita Wurst. Diese ist nicht wie einst die Frau mit Bart eine billige Jahrmarktssensation, sondern sie inszeniert ein clever konzipiertes Zeichenspiel um die neuralgischen Punkte unserer Identität: Gezielt verwischt sie die Codes des Geschlechtlichen und stellt sich auf die Seite des Uneindeutigen und Wandelbaren. Aus etwas scheinbar Natürlichem und Männlichem wie einem Bart macht sie eine kulturelle Signatur der Verwirrung – und verweist uns so alle darauf, dass unser Geschlecht und unsere Identität instabiler sind, als wir gemeinhin vorgeben.

Auf der poppolitischen Ebene ist Wurst somit das exakte Gegenstück zu Alpenrockstars wie dem Österreicher Andreas Gabalier oder auch dem Schweizer Marc A. Trauffer, die so tun, als ob sich Rockmusik und geschlossene Alpenkultur einfach so zu einem geerdeten Ganzen verschmelzen liessen. Die suggerieren, es könne tatsächlich eine volle, gefestigte Identität geben, die ohne moderne Brüche und Widersprüche funktioniert und sich zudem mit alten Accessoires wie Lederhosen, angemalten Holzkühen oder Edelweisshemden versichern lässt. Bei Gabalier und Trauffer wird nicht etwa das Volkstümliche per Rockmusik modernisiert, sondern umgekehrt: Die einst progressive Rockmusik, so Charims Analyse, wird zweckentfremdet und verheimatlicht. Der Rock werde mit «reanimierten Zeichen» des Volkstümlichen zurück in eine stur als «grosses Dorf» verstandene Welt geholt.

Identität gibts nur im Plural

Als Leitmotiv zur Beschreibung unserer Gegenwart setzt Charim dagegen auf den Begriff der Pluralisierung. Was meint sie damit? In aller Knappheit das, was sowohl der Rechtspopulismus als auch religiöse FundamentalistInnen bekämpfen: eine vielfältige Gesellschaft, die eben «kein gemeinsames Narrativ mehr hat, kein Weltbild, ‹das von allen geteilt wird›». Angesichts solcher «nackten» Demokratien ohne vordefinierte Gestalt haben populistische Bewegungen mit ihren zurechtgeschneiderten Identitätskostümen ein leichtes Spiel.

Folgt man Charims Argumentation, kommt man aber auch zum Schluss: Wer verneint, dass wir in einer pluralisierten Welt leben, könnte gerade so gut behaupten, die Erde sei eine Scheibe. Die Pluralisierung ist eine unumstössliche Wahrheit unserer Zeit, sie prägt den urbanen Start-up-Hipster genauso wie die Bergbäuerin mit ihren zwanzig Kühen. Zudem gilt: Die Pluralisierung ist nichts Äusserliches, «sie de-territorialisiert alle. Nicht nur jene, die sich physisch bewegt haben.» Und sie ist «auch dort präsent, wo sie negiert wird».

Womit wir im Herzen der dialektischen Argumentation von «Ich und die Anderen» sind. Denn natürlich sind auch Trauffer oder die SVP unwiderruflich Teil unserer buntscheckigen Gegenwart, in der Identität und Herkunft nur im Plural zu haben sind. Rechte Heimattümelei ist da bloss behelfsmässiger Identitätskitt für das Mängelwesen Mensch. Das Gleiche gilt für alte linke Sehnsüchte wie die nach einer einigenden Superformel in der Rückkehr zum Klassenkampf. Und auch ein konvertierter Islamist wie Nicolas Blancho kann trotz Bart und traditioneller Tracht seine und die gesellschaftliche Identitätskrise – Charim nennt es unser «identitäres Prekariat» – nur notdürftig überspielen.

Exzess des Religiösen

Wie Isolde Charim analysiert, sind gerade offensichtliche Konvertiten wie Blancho nicht nur wandelnde Symptome für Orientierungsnöte, sondern sie verweisen auch auf die Tatsache, dass heute letztlich alle Gläubigen KonvertitInnen sind. Muss sich doch in einer säkularisierten Welt jedeR bewusst dafür entscheiden, religiös zu sein, da es immer auch die Möglichkeit gibt, konfessionslos zu leben oder einen anderen Glauben zu wählen. Zudem wollte man sich früher in einer religiösen Gemeinschaft aktiv entsubjektivieren – das Ziel war es, im Meer der Gläubigen zu verschwinden. Heute hingegen diene Religion vielmehr einer Ich-Steigerung, wie das Beispiel Blanchos und seiner KampfgefährtInnen vom Islamischen Zentralrat ebenfalls deutlich zeigt.

Die Burka als ein anderes heiss diskutiertes religiöses Thema ist für Charim erst mal ein «unschlagbares Symbol». Anders als das Kopftuch, das viele Interpretationen zulasse und gerade auch für die Trägerin und für Umstehende je sehr Unterschiedliches bedeuten kann, ist die Burka ein volles Zeichen: Sie stehe für einen Exzess des Religiösen – der nun auf politischer Ebene, so könnte man den Faden weiterspinnen, in einen Exzess des Verbietens umschlägt. Doch anstatt Verbote zu fordern, will Charim verstehen, wie die Burka vor allem unser eigenes Unbehagen und unsere Ambivalenz gegenüber dem Fremden blosslegt. Die realen Burkaträgerinnen selbst, die in unseren Breitengraden sowieso kaum vorhanden sind, bleiben dabei weitgehend eine Blackbox.

Massive Verwirrung trifft auf trügerisch simple Identifikationsangebote – was ist zu tun? Im Epilog weist Charim diese grosse Frage klar zurück: Sie sei bloss ein Fetisch oder ein Symptom der Sehnsucht nach einer neuen «grossen Erzählung». Eine solche kann und will Charim nicht liefern. Aber sie zeigt in ihrem Buch, dass die Identitätsfrage ins Herz der Politik gewandert ist. Die Rechten wie die FundamentalistInnen haben Zulauf, gerade weil sie diese Frage unermüdlich beackern. Wenn Identität heute als problematische «Kampfzone» oder als bedroht erfahren wird und auch ökonomische Probleme oft als kulturelle artikuliert werden, müsste es darum gehen, die Deutungshoheit auf diesem kulturellen Feld zurückzuerobern.

Versprechen für die Zukunft

Dabei muss man die eingebildeten Ungerechtigkeiten ebenso im Auge behalten wie die realen. Denn es ist ja gerade die gefühlte Kränkung der weissen Männer, die dazu führt, dass sich diese bei den Rechten zusammenrotten, in einem Bündnis der Ähnlichen, das sie gegen den bösen Pluralismus «da draussen» schützen soll. Für sie müsste man bessere Antworten parat haben als eine verlogene Rückkehr zu schon längst zerbröselten Schollen.

Der Wohlfahrtsstaat sei so eine Antwort gewesen, argumentiert Charim. Gegründet als «Bollwerk gegen den Faschismus», hat er den Leuten nicht nur Geld gegeben, sondern eine Identität und Integration in Würde: Auch die Ärmsten sollten BürgerInnen mit Rechten und Ansprüchen sein. «Etwas mehr Sozialhilfe» ist deshalb keine Lösung, wie Isolde Charim betont, vielmehr gehe es darum, ein «Begehren nach Anerkennung» einzulösen. Und zwar nicht mit aggressiven negativen Emotionen und laut polternden, obszön geniessenden Führerfiguren, wie sie die Rechten propagieren. Sondern mit einer positiven Vision, einem Versprechen für die Zukunft, wie es einst der Wohlfahrtsstaat war. Darauf könnte sich die Linke heute wieder besinnen.

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