Nr. 40/2013 vom 03.10.2013

Nichts für die Tauben

Law and Ohren

Von Susi Stühlinger

Es war genial. Er lärmte wie fünf Fasnachtscliquen und war dabei gerade mal so gross wie das Döslein mit den Minzpastillen, das er zur Sicherheit stets dabeihatte. Der Schrillalarm für bedrohte ZivilistInnen war das mit Abstand Beste, was dem Stadtbasler Sicherheitsdirektor Baschi Dürr seit seinem Amtsantritt in den Sinn gekommen war.

Ein sanfter Ruck an der Reissleine, und das Ding ging ab wie Susanne Leutenegger Oberholzer beim Steuerstreit. Und nicht nur für die BürgerInnen Basels, sondern auch für die Polizeiarbeit selbst könnte der Schrillalarm von grossem Nutzen sein. Man könnte ihn zum Beispiel loslassen, wenn linksextreme Teenies sich an der Art Basel zu irgendwelchen Gegenveranstaltungen zusammenrotteten: Da das Gehör von Jugendlichen angeblich besonders empfindlich auf hochfrequente Töne sein soll, liesse sich eine solche Zusammenrottung in null Komma nichts auflösen, ganz ohne Tränengas und Gummischrot. Eindeutig: Mit den 20 000 Schrillalarmen, die seine BeamtInnen derzeit unter der Bevölkerung verteilten, würde sein Basel zum sichersten Fleck im ganzen Land.

Nun würde endlich Schluss sein mit dem ewigen Baschi-Bashing, nichts mehr mit «Waschi-Baschi», «Buschi Dürr» und all den anderen Demütigungen, die er sich in der kantonalen Konferenz der Justiz- und Polizeidirektoren hatte gefallen lassen müssen. Er brauchte nicht nach einer nationalen Datenbank für Gewaltverbrecher zu rufen und auch nicht nach einem einheitlichen Strafvollzug, wie es allerorten derzeit gross in Mode war. Sollte der Zürcher Kollege Martin Graf doch weiterhin die Kuscheljustiz bekämpfen und sich mit delinquenten Sondersettings herumschlagen.

Sollte der Nationalrat doch befinden, dass die Leute statt zur Geldstrafe verdonnert vermehrt eingesperrt werden müssten, bis die «Druggete» in den Vollzugsanstalten die ersten Todesopfer forderte – in Basel würden die Gefängnisse leer sein, denn: Mit dem Schrillalarm würden all die Verbrechen erst gar nicht passieren. Den KollegInnen bliebe fast nichts anderes übrig, als seine bestechend einfache und auch noch kostengünstige Innovation zu übernehmen, und bald würden die Schrillalarme im ganzen Land für Ruhe und Ordnung sorgen. Und er, Baschi Dürr, Pragmatiker und Wehrpflichtgegner, würde in die Annalen der Sicherheitspolitik eingehen.

Es kam dann doch anders, denn auch ganz ohne 115-Dezibel-Schrillen waren die SicherheitspolitikerInnen im Land bereits taub. Taub für alles, was nicht nach Verschärfung, Härte und Repression klang. Sie suchten lieber nach weiteren Methoden, die Rechte und Chancen des Einzelnen aufgrund eines diffusen Sicherheitsbegriffs einzuschränken, bis es irgendwann so weit wäre, dass die ganze Bevölkerung eingesperrt und verwahrt sein würde – verwahrt wie die 5000 verbleibenden Schrillalarme in der Asservatenkammer, die linksautonome Jugendliche dereinst im Rahmen einer öffentlichen Tanzveranstaltung zwecks Abwehr auf die heranrückende Polizei geschleudert hatten.

Susi Stühlinger hat während der Sessionen der BundespolitikerInnen öfters Schreialarme.

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