Nr. 41/2013 vom 10.10.2013

Apokalypse in Herrliberg

Mögliche Folgen der 1:12-Initiative für den Schweizer Sport.

Von Etrit Hasler

Gehen wir das Gedankenspielchen doch endlich einmal durch: Was würde eigentlich geschehen, wenn die 1:12-Initiative an der Urne angenommen würde? Also, nur im Sport jetzt, weil im Rest der Schweiz, das wissen wir alle, ist die Antwort höchstens: Immer noch viel zu wenig, egal was für apokalyptische Szenarien uns die Wirtschaftsverbände um die Ohren hauen. Aber im Sport? Die Frage hat sich einfach noch niemand gestellt.

Alle Fussballklubs des Landes würden natürlich sofort eingehen. Sagte ich «alle»? Ich meinte natürlich: fast alle. Sagte ich «fast alle»? Ich meinte natürlich: keiner. Erstens sind die Fussballer in den Profimannschaften (im Unterschied zu den PlatzwartInnen und den WurstverkäuferInnen) ohnehin alle als eigenständige Aktiengesellschaften ausgelagert – das hat der Schweizer Fussballverband in seiner Weisheit schon vor Jahren so bestimmt, wahrscheinlich, weil sie gemerkt haben, woher der Wind wehen wird. Und zweitens gibt es nur wenige Spieler, die innerhalb einer Mannschaft obenaus schiessen – was ja noch naheliegend ist, so was ist schlecht fürs Zusammengehörigkeitsgefühl.

Verlässliche Zahlen über Fussballersaläre sind zwar sehr schwierig zu bekommen, aber wenn man den Boulevardzeitungen glauben darf, war Alex Frei kurz vor seinem Abgang beim FC Basel mit 1,7 Millionen Franken pro Jahr der absolute Spitzenrenner, was wohl gefühlte zwanzigmal mehr war als der tiefste Lohn in der gleichen Mannschaft. Nun, wäre Alex Frei also noch Fussballer, müsste sein Lohn massiv nach unten korrigiert werden. Oder er gefeuert. Somit ist wohl das Einzige, was man der 1:12-Initiative in diesem Zusammenhang vorwerfen kann, dass sie einfach zu spät kommt.

Nun gut, mögen Sie da einwerfen, das mag für die Spitzenvereine gelten, weil die jetzt schon mit buchhalterischen Tricks arbeiten, aber was ist mit all den Amateurklubs? Ganz einfach, da herrscht meist jetzt schon ein Lohnverhältnis von 0:0. Und ob das jetzt mathematisch grösser oder kleiner ist als 1:12, das müssen sie einen Mathematiker fragen und nicht mich. Ungerecht ist es allemal.

Bei unserem überfliegenden Topverdiener Roger Federer ändert sich wahrscheinlich gar nichts. Schliesslich spielt der ja allein und ist sozusagen seine eigene Firma. Wahrscheinlicher ist es da schon, dass sich sein neuer Nachbar, ein gewisser abgewählter Bundesrat, plötzlich beschweren könnte, dass er – der ja inzwischen nur noch von der Bundesratsrente lebt – rund 200-mal weniger verdiene als dieser Jungspund, der ja nicht einmal militärtauglich gewesen sei. Blocher würde sich wahrscheinlich in null Komma plötzlich in den Gemeinderat von Herrliberg wählen lassen und eine kommunale Verordnung erlassen, die das Lohnverhältnis von 1:12 nicht nur innerhalb der gleichen Firma, sondern auch innerhalb der gleichen Kommune für rechtsverbindlich erklärt – etwaige Überschüsse müssten der Gemeindekasse zugeführt werden.

Die Juso, die in einem uncharakteristischen Anfall von Geduld bis dahin brav die Klappe gehalten hätte, würde dann ebendiese Verordnung zum Anlass nehmen, Christoph Blocher den Titel «Held des Proletariats» zu verleihen und ihn zum Ehrenmitglied zu machen, was diesen so weit verwirren würde, dass er sofort verlangen müsste, erneut als Bundesratskandidat aufgestellt zu werden. Justizdirektor Martin Graf müsste intervenieren und umgehend eine betreute Massnahme inklusive Kickboxtraining mit «Carlos» anordnen, da es sich bei Blocher ja offensichtlich (da Juso-Mitglied) um einen gefährlichen Jugendstraftäter handle. Da sich Herrliberg wohl weigerte, diese Therapie, die satte 29 000 Franken im Monat kostet, zu übernehmen, würde der Kanton die Gemeinde kurzerhand enteignen, unter Budgetaufsicht stellen und mit Rogers Millionen einen neuen Autobahntunnel finanzieren. Verdammt. Jetzt bin ich doch auch noch bei den apokalyptischen Szenarien gelandet.

Etrit Hasler ist zwar zu alt, um noch in der Juso zu sein, würde sich dort aber wohlfühlen, nicht zuletzt, weil er auch nie die Klappe halten kann.

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