Nr. 42/2013 vom 17.10.2013

Endloser Stream

Von Berthold Seliger

Eine Empfehlung also, ein «Liebhaberstück»? Eines bloss? Müsste es nicht ein endloses Liebhaber-Perpetuum-mobile sein, ein «unendliches Programm» von Musik, wie es sich Franz Kafka in einem Brief an Felice Bauer 1912 gewünscht hat? Ein Stream von unterschiedlichster Lieblingsmusik also, der sich den aktuellen Befindlichkeiten ständig anpasst?

Es würde Musik mit Haltung dazugehören, die gleichzeitig Halt gibt in Scheisszeiten und Kraft zum Kämpfen, die glücklich macht und tröstet und dissident ist und mal melancholisch, mal lustig, mal tanzbar und mal möglichst viel von all dem gleichzeitig. Musik, die «Heimat» im blochschen Sinn darstellt und zu der man zeitlebens zurückkehrt.

Also beispielsweise ein Stream aus Schuberts «Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus» (natürlich die Einspielung von Peter Anders und Michael Raucheisen von 1945), aus Mahlers «Kindertotenliedern» (die Version von Heinrich Rehkemper und Jascha Horenstein von 1928 muss es sein!) – denn «Mahlers Symphonik plädiert gegen den Weltlauf» (Adorno).

Eislers «Solidaritätslied» oder Morton Feldmans «Coptic Light» könnte dazugehören, Walter Gibbons, Alexander Krejns «Ode auf den Tod von Lenin» (1925), die Wegscheider Musikanten, Neil Youngs «Walk Like a Giant» mit Crazy Horse und manchmal sein «Helpless», Franz Josef Degenhardts «Wölfe mitten im Mai» und Jeb Loy Nichols᾽ «To Be Rich Is a Crime», Jacques Brel und Serge Gainsbourg, der Wu-Tang Clan und Velvet Underground, Bonnie «Prince» Billy, Jens Friebe und Tortoise und Townes und … denken Sie sich das alles als einen endlosen Stream wunderbarster und erregendster Musik, und das Cover zu diesem unendlichen Programm hätte, sagen wir, Max Ernst gestaltet. Wär das was?

Aber wenn Sie jetzt gerade einen einzigen Tipp brauchen: Nehmen Sie «Scheiss-Autoreferentialität» von Corazón. Der Track «Sag mir, wo du stehst» hält alles, was das Cover verspricht. Es lohnt sich, die vergriffene EP in den Weiten des Netzes zu suchen!

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