Nr. 42/2013 vom 17.10.2013

An uns und in uns zählt nur, was sich zählen lässt

Unser Blutdruck im Internet, unsere Fäkalien auf dem Bildschirm: Vom «Selftracking» profitieren nicht wir selbst, sondern grosse Konzerne wie Google oder Facebook.

Von Eduard Kaeser

Jeder Mensch beobachtet sich selbst, mehr oder weniger systematisch. Viele schreiben ihre Beobachtungen nieder, führen penibel Buch über das, was ihnen täglich widerfährt.

Im 18. Jahrhundert befällt eine seltsame Mitteilsucht über die eigene Person vor allem die intellektuelle Schicht Europas. Der Typus des Hypochonders betritt die Bühne der Öffentlichkeit. Er beobachtet fleissig, oft geradezu obsessiv, alles, was in seinem Geist, Gemüt und Körper vor sich geht. Und er teilt dies auch freimütig seinen ZeitgenossInnen mit – schriftlich oder mündlich.

Einen Prototyp dieses Genres der «Konfessionen», des intimen Journals, lieferte der protestantische Prediger Adam Bernd in seiner «Eigenen Lebens-Beschreibung» 1738, in der er die LeserInnen an seinen Durchfällen, Verstopfungen, Durchblutungsstörungen, Schlaflosigkeiten, Zwangsvorstellungen, Suizidabsichten und anderen Unbilden seines persönlichen Lebens teilnehmen lässt.

Die Kartierung des Körpers

Dass solche Intimitäten allgemeine Aufmerksamkeit auf sich ziehen konnten, lässt darauf schliessen, dass es sich um eine Zivilisationskrankheit – eine «Gelehrtenkrankheit» – handelte. Der Arzt Johann Ulrich Bilguer schrieb 1767 ein Traktat über Hypochondrie, die – so lautet der damals reisserisch klingende Untertitel – «heutigentags eine fast allgemeine Krankheit ist, und eine Ursache der Entvölkerung abgeben kann». Und über den wohl berühmtesten «Hypochondristen», Immanuel Kant, schrieb sein Schüler und erster Biograf, Reinhold Bernhard Jachmann, dass «vielleicht nie ein Mensch gelebt (hat), der eine genauere Aufmerksamkeit auf seinen Körper, und auf alles, was diesen betrifft, angewandt hat als Kant».

Jachmann müsste sich heute eines Besseren belehren lassen: Es gibt durchaus Menschen, die Kant den Rang ablaufen. Zum Beispiel der US-amerikanische Computerwissenschaftler und Ernährungsmaniac Larry Smarr, der seine Physiologie bis ins intestinale Detail verfolgt und aufzeichnet. Er analysiert seinen Stuhl, indem er, wie es in einem Artikel im US-amerikanischen Magazin «The Atlantic» heisst, «tief in die Biochemie seiner Abfallstoffe eintaucht und genaue Diagramme ihres bakteriellen Inhalts erstellt.»

Smarr ist allerdings nicht fäkal fixiert, er strebt eine möglichst vollständige und objektive Kartierung seines Körpers an. Und er veranschaulicht dadurch einen Typus, der in unserem digitalisierten Leben immer häufiger anzutreffen ist: den sogenannten Selftracker. Wir sind, mit entsprechender Technologie gerüstet, imstande, unser Leben minutiös aufzuzeichnen.

Auf der Suche nach der Ursache

Schon in den 1990er Jahren gelangte Gordon Bell, ein führender Computeringenieur bei Microsoft, zu einiger Anerkennung mit einer Halsbandkamera – der Sense Cam –, die alle zwanzig Sekunden ein Bild aufnahm. Geht man von sechzehn Wachstunden aus, lieferte ihm die Kamera fast 3000 Schnappschüsse seines täglichen Lebens. Bells Sammelmanie weitete sich aus auf seine gescannten handgeschriebenen Notizen, sortierten E-Mails, registrierten GPS-Koordinaten. «Lifelogging» nennt Bell diese digitale Selbstarchivierung. «Du wirst Bibliothekar, Archivar, Kartograf und Kurator deines Lebens», enthusiasmierte er sich in einem Interview.

Es ist auch hier ein objektives Selbstinteresse, das Bell zum Lifelogging anstiftet. Man könnte in seinem Projekt eine digitale Version des delphischen Spruchs «Erkenne dich selbst» sehen. Bell sammelt alle Spuren seines Lebens mit der Erwartung, in diesem gigantischen Sammelsurium letztlich sich selbst auf den Grund zu kommen. Das «hochgeladene» Leben gewähre «verbesserte Selbsteinsicht, das Vermögen, seine eigene Biografie in proustschem Detail Revue passieren zu lassen, die Freiheit, weniger zu memorisieren und kreativer zu denken, und sogar ein gewisses Mass an irdischer Unsterblichkeit durch die Cyberexistenz».

Die Allgegenwart der tragbaren Technologie verändert nicht nur unsere Sitten und Bräuche, sie bewirkt eine subtile und schleichende Umwertung der Werte. Nichts dokumentiert dies deutlicher als eine Bewegung, die der amerikanische Technikjournalist Gary Wolf 2010 in einem manifestartigen Artikel in der «New York Times» als «Quantified Self» bezeichnet hat. Das «datengetriebene» Leben, so der Titel, wird zur digitalen Conditio humana.

Wolf stellt uns auch Muster dieser neuen Lebensweise vor. Zum Beispiel dokumentiert ein gewisser Mark Carranza seit 1984 alles, was ihm in diesen Jahren eingefallen und aufgefallen ist. Sein Computer speichert über eine Million Einträge, die meisten mit Datum versehen.

Mag der Sinn eines solchen Projekts ziemlich im Diffusen liegen, so erscheint er in einem anderen Fall einleuchtend. Bo Adler, ein junger Computerwissenschaftler, leidet an Schlafatemstillstand. Entgegen der empfohlenen Behandlung der Ärzte begann er mit Selftracking. Er trägt den ganzen Tag eine Blutdruckmanschette, einen Puls- und Beschleunigungsmesser, mit einem Computer am Gurt verbunden, um mithilfe der registrierten Daten die Ursache seines Leidens herauszufinden. Seine Idee hat durchaus etwas Subversives, richtet sie sich doch gegen die allgemein verschriebenen medizinischen Standardverfahren, indem sie die neuen Technologien zur Selbsthilfe und womöglich -heilung einsetzt.

Ein kultiger Niemand

Obwohl auffallend viele Geeks und Nerds an der Quantified-Self-Bewegung beteiligt sind, muss das neue Selbstbewusstsein ernst genommen werden. Und zwar in dem Mass, in dem es in unserem technisierten Alltag eine normative Position als «besseres Leben» beansprucht. Der Mensch beschreibt sich nicht mehr in literarischen Dokumenten, sondern in Tabellenkalkulationen. Der Analphabetismus der Zahlen und des «I like»-Klicks grassiert. Wer nichts zu sagen hat, teilt zumindest Daten über sich selbst mit. Man ist zwar ein Niemand, aber dafür kultig.

Zahlen infiltrieren die Reservate des Persönlichen und Privaten: Schlaf, Essen, tägliche Gymnastik, Sex, Stimmung, Aufmerksamkeit – ob sich hier ein modernes narzisstisches oder exhibitionistisches Streben nach Einzigartigkeit Bahn bricht, wie dies der Kritiker Evgeny Morozov vermutet, sei dahingestellt. Eindeutig ist ein Datenpositivismus, wie er sich etwa in Wolfs Worten äussert: «Hinter den Verlockungen des Quantified Self steckt die Vermutung, dass viele unserer Probleme aus dem Mangel an Instrumenten resultieren, uns selbst zu verstehen. Unser Gedächtnis ist schwach; wir sind (...) Voreingenommenheiten ausgesetzt; wir können unsere Aufmerksamkeit auf nur ein oder zwei Dinge gleichzeitig bündeln. Wir haben keinen Schrittzähler in unseren Füssen, keinen Sauerstoffzähler in unseren Lungen, keinen Glukosezähler in unseren Adern. Uns fehlen sowohl die physikalischen als auch die mentalen Apparate, um Bestand von uns selbst aufzunehmen. Wir brauchen die Hilfe von Maschinen.»

Man muss diese Worte genau lesen. Das Verhältnis von Mensch und Technik wird hier implizit umgekehrt: Der Mensch braucht Instrumente nicht, um naturgegebenen Unzulänglichkeiten zu begegnen; er nimmt nun vielmehr Mass an den Instrumenten, um an sich selbst neue Unzulänglichkeiten festzustellen. Es gibt Schrittzähler, also ist man ein ungenügend entwickeltes, schrittzählerloses Wesen. Und weil man ein weitgehend zählerloses Wesen ist, ist man auch ein zählerbedürftiges. Eine entsprechende Technologie hilft uns auf die Sprünge. Selten hat sich Technologiefrömmigkeit unverblümter geäussert. An uns und in uns zählt nur, was sich zählen lässt. Diese «Pathologie der Quantifikation», wie sie Wolf selbst nennt, ist in Kauf zu nehmen, weil sie uns machtvolle Resultate beschert: schmeichelfreie, neutrale, abstrakte, objektive Daten darüber, wer wir sind.

Selftracker schlagen diese Route ein: «Statt ihr Innenleben über Reden und Schreiben zu befragen, benutzen sie Zahlen.» In unserem Alltagsverhalten, so die begeisterten AnhängerInnen der Quantifikation, verbirgt sich ein Ich, das durch entsprechende Technologie sichtbar gemacht werden kann. Es braucht die Psychoanalytikerin nicht mehr, wir verfügen nun über einen viel potenteren Analytiker in Gestalt des Smartphones und der gespeicherten Daten. Klicke es an, und schon erscheint dein digitales wahres Selbst.

Die Vorzüge der Undurchsichtigkeit

Wer bin ich? Die alte Frage erhält durch die neuen technischen Geräte und Applikationen eine an die technischen Umwelten angepasste Bedeutung. Dabei sollten uns die hohlen Phrasen von der Befreiung nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die Vermesserei letztlich nicht um unser Selbst dreht, sondern die möglichst vollständige Anbindung an Internetimperien wie Google oder Facebook zum Ziel hat. Google bietet personalisierte Suchergebnisse an. Und je mehr wir seine Dienste nutzen, desto besser «kennt» Google unser Selbst. Der Ehrgeiz des Unternehmens richtet sich darauf, im Voraus besser als wir selbst zu «wissen», was uns gefällt oder gefallen könnte – eine pervertierte Version des «Erkenne dich selbst».

Wenn sich Wolf darüber beklagt, dass «die Leute Dinge aus unverständlichen Gründen tun (...) und sich selbst undurchsichtig» sind, müsste man sich deshalb gerade auf die Vorzüge der Undurchsichtigkeit und der Unkenntnis über sich selbst besinnen. Sie bedeuten nämlich auch die Renitenz und Resistenz gegenüber der masslosen Vereinnahmung unserer Individualität durch die Technik.

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