Nr. 37/2020 vom 10.09.2020

Die Uhr, die dich gesund stupst

Die Apple Watch ist mehr als ein schickes Statussymbol aus Aluminium. Die diversen Sensoren der Smartwatch sammeln intime Daten und befeuern Apples Sturm auf den Gesundheitsmarkt.

Von Florian Wüstholz (Text) und 
Sebastian König (Illustration)

«Wenn wir in die Zukunft schauen, von dort zurückblicken und uns die Frage stellen, was der grösste Beitrag von Apple für die Menschheit war, wird es um Gesundheit gehen.» So kündigte Apple-CEO Tim Cook Anfang 2019 in einem Interview mit dem US-Fernsehsender CNBC seine ganz grossen Visionen an. «Wir sind dabei, die Gesundheit zu demokratisieren. Wir ermächtigen das Individuum, seine Gesundheit selbst in die Hand zu nehmen.»

Bereits heute ist Apple ein potenter Digitalisierungstreiber im Gesundheitswesen. Seit über fünf Jahren baut der Silicon-Valley-Konzern die eigenen Kompetenzen und Infrastrukturen im Gesundheitsbereich massiv aus: mit Ärztinnen, Gesundheitsberatern und Ingenieurinnen, mit Software und Hardware, die voll auf die Vermessung der Gesundheit ausgerichtet sind, oder mit Kliniken für die eigenen Angestellten.

Genau wie Google, Amazon, Facebook und Microsoft will sich Apple ein möglichst grosses Stück vom lukrativen Gesundheitskuchen abschneiden. Es lockt ein Billionenmarkt, der punkto Digitalisierung noch massiv unterentwickelt ist. So schätzten AnalystInnen von Morgan Stanley letztes Jahr, dass Apple im Jahr 2027 allein mit Health-Produkten zwischen 15 und 313 Milliarden Umsatz machen könnte. Eine Prognose mit gigantischer Spannweite, aber sie zeigt, in welche Richtung es für Apple, dessen Gesamtumsatz 2019 bei 260 Milliarden US-Dollar lag, gehen soll.

Vorherbestimmtes Verhalten

Der kompetitive Vorteil von Apple liegt in der nahtlosen Verschmelzung von Hardware und Software: vor allem in der Apple Watch, die einen Marktanteil von über 55 Prozent bei «Wearables» und Smartwatches hat. Bei der Einführung vor fünf Jahren wurde die Apple Watch noch belächelt – unter anderem wegen einer Variante aus purem Gold für 10 000 Dollar. Heute ist sie mehr als ein teures Gadget für Selbstvermesserinnen und -optimierer, die ihre Schritte zählen oder ihren Puls messen wollen. Die Uhr kann inzwischen etwa ein EKG an der Fingerkuppe erstellen und Stürze erkennen. Die neuste Version, die demnächst vorgestellt wird, misst mit speziellen optischen Sensoren den Sauerstoffgehalt im Blut und soll frühzeitig Panikattacken oder erhöhten Stress feststellen. Den UserInnen dienen jede Menge kleiner Stupser, die sie zu einem gesunden Lebensstil motivieren sollen: Erinnerungen für kurze Atemübungen, Vibrationen bei zu langem Sitzen oder ein «personalisiertes Ziel» täglich verbrauchter Kalorien.

Für Technikphilosophin Anna-Verena Nosthoff und Kulturwissenschaftler Felix Maschewski manifestieren sich in diesen Wearables viele der aktuellen, durch Technik getriebenen gesellschaftlichen Entwicklungen. Die beiden haben letztes Jahr gemeinsam das Buch «Die Gesellschaft der Wearables» veröffentlicht, worin sie über «digitale Verführung und soziale Kontrolle» durch Smartwatches und Fitnesstracker schreiben. «Solche Technologien können uns gewisse neue Handlungsmöglichkeiten geben», sagt Maschewski zur WOZ. «Wir wissen mehr über unseren Körper, fühlen uns damit vielleicht sogar souveräner und selbstbestimmter.» In der richtigen Dosis können uns die modernen Uhren gar verlorene Autonomie zurückgeben – zum Beispiel, wenn sich ältere Menschen dank Sturzerkennung wieder mehr Mobilität zutrauen. «Aber sobald sich viele Menschen selber vermessen und ihre Daten den Techkonzernen liefern, wachsen im Hintergrund neue Geschäftsmodelle, die unsere Selbstbestimmung wiederum unterminieren können.»

Denn die ins Uhrgehäuse eingebauten Algorithmen mögen uns zwar vordergründig zu einem «besseren Selbst» verhelfen. Gleichzeitig dienen sie aber der Maximierung des Profits. Denn das ist die Logik des Überwachungskapitalismus: Längst genügt es nicht mehr, unser Verhalten durch das Sammeln von Daten kennen und vorhersagen zu können. Heute wollen die Techkonzerne unser Verhalten vorherbestimmen und mit freundlichen Stupsern, geschickten Narrativen und strategischen Kooperationen subtil verändern.

So geben wir mit jedem Blick auf unser Handgelenk ein Stück unserer Autonomie ab und übergeben die Entscheidung, wie wir unser Leben führen sollen, an einen undurchsichtigen Algorithmus. Ein Beispiel gefällig? Die für Smartwatches von Fitbit entwickelte App «JalapeNO!» soll UserInnen davon abhalten, sich ständig ins Gesicht zu fassen – gerade während einer Pandemie keine dumme Idee. Eine kurze Vibration am Handgelenk – quasi der moderne elterliche Zeigefinger – reicht, um uns in die «richtige» Richtung zu schubsen.

«Das mag eine nützliche oder hilfreiche Sache sein», sagt Nosthoff. «Aber wer ist hier eigentlich der Entscheidungsträger? Bei vielen Wearables delegieren wir die Selbstbestimmung an eine subtil und häufig intransparent agierende Technologie, an die wir uns dann anpassen. Die Grenzen zwischen Selbst- und Fremdkontrolle sind fliessend.» Nosthoff und Maschewski sehen besonders im institutionalisierten Gebrauch dieser Technologien eine mögliche Verschiebung zu einer «kontrollierten Freiheit». Wir fühlen uns durch unsere Gadgets «empowered» und mit neuem Wissen ausgestattet. Tatsächlich geben sie aber vor, wie wir unser Leben zu führen haben, und im gesamtgesellschaftlichen Einsatz normieren sie unser Verhalten.

Das haben natürlich auch Versicherungen gemerkt. So schloss Apple mit den US-Krankenversicherungen Aetna, United Healthcare oder Devoted Health Deals ab, dank denen Versicherte günstiger eine Apple Watch kaufen können, sofern sie sich algorithmenkonform verhalten – und zum Beispiel jeden Tag ihre «Ringe schliessen»: Kalorien verbrennen, genügend Bewegung, nicht zu viel sitzen. Doch nicht nur in den USA wollen Krankenkassen Menschen zu einem gesünderen Lebensstil verpflichten. Auch in Deutschland locken verschiedene Versicherungen mit einem Zuschuss an die Anschaffung einer Smartwatch. Und in der Schweiz gibt es bei der Helsana Gutscheine, wenn sich Versicherte regelmässig bewegen (siehe WOZ Nr. 48/2017).

Für Nosthoff und Maschewski haben solche Entwicklungen wenig mit der Demokratisierung der Gesundheit zu tun. Es handle sich im Gegenteil viel eher um eine Entsolidarisierung. «Wir versuchen, mit solchen Technologien unsere Gesundheit zu vermessen und Krankheiten vorherzusagen», erklärt Nosthoff. «Allerdings kann das zur Folge haben, dass wir stärker für unsere Krankheiten verantwortlich gemacht werden. Auch werden wir ständig dazu angehalten, unsere Gesundheit zu optimieren, da wir nie gesund genug sein können.» Das verändere auch die Selbstwahrnehmung, glaubt Maschewski: «Wenn wir uns die ganze Zeit überprüfen und an externen Norm- und Idealwerten orientieren, kann der Sinn für das eigene Körpergefühl verloren gehen. Jede Abweichung kann zu einem individuellen Problem werden und führt womöglich in einen Zustand des kontinuierlichen Alarmiertseins.»

Glaubwürdigkeit dank Kooperationen

Die Kombination dieser neoliberalen Erzählung von der Eigenverantwortung mit überwachungskapitalistischen Methoden führt gemäss Nosthoff und Maschewski dazu, dass Wearables den Sprung vom «quantifizierten Selbst zum quantifizierten Kollektiv» ermöglichen. Auch hier hat Apple die Nase vorn. So können NutzerInnen mit der 2015 von Apple eingeführten Software «ResearchKit» bequem an Gesundheitsstudien teilnehmen. Als eine der Ersten nutzte die Universität Stanford die Software – zur Entwicklung einer App, mit der Freiwillige ihre Bewegungs- und Schlafmuster sowie ihre allgemeine Fitness vermessen und für eine Herzstudie zur Verfügung stellen konnten. Schnell zogen auch Private nach.

Das britische Pharmaunternehmen GlaxoSmithKline nutzte ResearchKit 2016 für eine Studie über rheumatoide Arthritis, Novartis führte 2017 eine Studie für PatientInnen mit Multipler Sklerose durch, und Pfizer experimentierte im gleichen Jahr mit einer App, dank der sich Symptome der Autoimmunerkrankung Lupus erfassen lassen.

Doch die Rolle als blosser Dienstleister für Infrastruktur reicht Apple nicht. Ende 2017 hat der Techkonzern gemeinsam mit der Universität Stanford die gross angelegte «Apple Heart Study» lanciert. Mehr als 400 000 Apple-Watch-UserInnen nahmen daran teil – in der Forschung eine enorme Menge. Letzten September folgten drei weitere Studien: Die «Women’s Health Study» soll unter anderem dank erfasster Menstruationszyklen und gynäkologischer Befunde neue Durchbrüche für die weibliche Gesundheit bringen. Die «Hearing Study» misst Umgebungsgeräusche und unterstützt damit die «Make Listening Safe»-Initiative der Weltgesundheitsorganisation WHO. Und mit der «Heart and Movement Study» sollen Bewegungs- und Pulsdaten neue Zusammenhänge aufdecken und «gesunde Bewegung sowie eine verbesserte Herz-Kreislauf-Gesundheit fördern».

Mit solchen Kooperationen und dem vordergründig altruistischen Narrativ der Verbesserung der öffentlichen Gesundheit rückt sich der Apple-Konzern geschickt in ein positives Licht. «Damit erarbeitet sich das Unternehmen eine neue Glaubwürdigkeit», sagt Nosthoff. «Die bestehende Monopolstellung wird ausgeweitet, und die Präsenz der Techkonzerne im Gesundheitsbereich wird weiter normalisiert.»

Aber wie steht es wirklich um die Versprechen, die Tim Cook mit charmantem Lächeln vorträgt? Demokratisierung der Gesundheit, durch Apple unterstützte Ermächtigung des Individuums? Davon kann kaum die Rede sein. Denn die Gadgets können sich ohnehin nur jene leisten, die genug Geld haben, um für die eigene Gesundheit zu sorgen. Als Alternative bleibt bloss, sich durch die Versicherungen überwachen zu lassen, um an günstigere Prämien zu kommen. Statt echter Demokratisierung offenbart sich das verkorkste neoliberale Bild einer Gesundheitsoptimierung, die allen offensteht – falls sie denn das nötige Kleingeld haben oder sich nur bereitwillig datafizieren lassen.

Darunter schlummert auch die illusorische Idee, dass sich komplexe gesellschaftliche Probleme alleine mit der richtigen Technologie in Luft auflösen. «Wir brauchen sowohl auf individueller wie auf kollektiver Ebene eine reflektierte Unfügsamkeit», fordern Nosthoff und Maschewski. «Das bedeutet, eine kritische Distanz zu technologischen Innovationen und den damit verbundenen Narrativen aus dem Silicon Valley zu wahren.»

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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