Nr. 43/2013 vom 24.10.2013

Im Islam (sind Religion und Staat untrennbar)

Islamophobe und IslamistInnen halten beide am Mythos fest, dass die politische und die religiöse Sphäre im Islam eine Einheit sei.

Von Nahyan Niazi

RechtspopulistInnen, die muslimische Frauen im Westen «entschleiern» wollen, sind die MeisterInnen der geistigen Verschleierung, wenn es um den Islam geht: «Der Islam ist die einzige Religion, die eine juristisch-politische Komponente hat», behauptete etwa SVP-Politiker Oskar Freysinger im «Tages-Anzeiger».

Entsprechend wird der Islam generell von vielen als Bedrohung eines demokratischen Miteinander wahrgenommen. Dass es zwischen der religiösen und der politischen Sphäre keine Trennung gebe, ist jedoch ein Mythos, den nicht nur IdeologInnen der rechten Seite verbreiten, sondern auch IslamistInnen selbst.

Dem Mythos hält Mohammed Ayoob, Professor für Internationale Beziehungen und Islamkenner, entgegen, dass schon kurz nach dem Tod des Propheten Mohammed im Jahr 632 eine klare Grenze zwischen dem politischen und dem religiösen Bereich gezogen worden sei. Nach muslimischem Glauben endete mit dem Tod Mohammeds die Zeit der Offenbarungen. Die auf Mohammed folgenden ersten vier Kalifen konnten sich beim Erlass ihrer Dekrete nicht auf göttliche Inspiration berufen. Ihre Interpretationen wurden offen infrage gestellt. Und einen Klerus darf es im Islam nicht geben, denn alle Gläubigen sind vor Allah gleich.

Der Streit um die Nachfolge Mohammeds führte zu einem innerislamischen Schisma zwischen SunnitInnen und SchiitInnen. Die Abspaltung in diese beiden islamischen Hauptströmungen war vor allem Ausdruck politischer Stammesrivalität, «ein Kampf um die Krone», wie der Historiker Tariq Ali schreibt. In der Folge nährten muslimische Herrscher die Fiktion der Unteilbarkeit von Staat und Religion, um ihre Dynastien zu legitimieren. Dabei hielt die weltliche Elite meist das Zepter in der Hand.

Tariq Ali erinnert daran, dass das heutige Saudi-Arabien auf einen Pakt aus dem Jahr 1744 zwischen dem «Emir und Raubritter Muhammad Ibn Saud» und dem radikalen Prediger Ibn Wahhab zurückgeht. Die Idee war und ist, dass der Wahhabismus dem Haus der al-Saud als «Bewahrer der heiligen Stätten» die Macht sichern helfen soll, während die Wahhabiten Saudi-Arabiens Partnerschaft mit den «Ungläubigen» aus Britannien und später den USA ignorieren. Hauptsache, der Ölfluss ist garantiert.

Aber in den siebziger Jahren änderte sich die Situation: Bevölkerungswachstum und die mit der Flut von Petrodollars verbundenen höheren sozialen Erwartungen sowie wachsende Ressentiments gegen westlich geprägte Sitten und Konsum waren ein Grund. Ein weiterer war politischer Natur: Radikale Mitglieder der Muslimbrüder, in den sechziger Jahren von Staatspräsident Abdel Nasser aus Ägypten verjagt, fanden in Saudi-Arabien Zuflucht. Ihre vom ägyptischen Denker Sayyid Qutb inspirierter Dschihad gegen den «antiislamischen» Nationalismus Ägyptens und Syriens stiess bei den Konservativsten und Ärmsten auf Gehör. Der Golfkrieg und Israels vom Westen geduldeter Kolonialismus radikalisierten viele MuslimInnen vollends. Der von oben konstruierte Wahhabismus der al-Saud hat bis heute die Funktion, ein Garant des Status quo zu sein. Der von Qutb beeinflusste Wahhabismus von unten wurde jedoch zum Erzfeind des Status quo: Das saudische Regime, das mit den US-ImperialistInnen kollaborierte, wurde als korrupt betrachtet. In seiner 1996 geäusserten Dschihad-Deklaration hielt Usama Bin Laden fest: «Das grösste Desaster für Muslime seit des Propheten Tod ist die Besetzung Saudi-Arabiens.»

Die anarchische Situation Afghanistans in den neunziger Jahren nach dem Abzug der Sowjetunion war dann genau der Nährboden, den Bin Laden und al-Kaida nutzten und der die vom pakistanischen Geheimdienst geschulten Taliban hervorbrachte. Die Taliban waren entwurzelte Kriegswaisen, und wie der Talibankenner Ahmed Raschid erläutert, war ihr einziger Halt der primitive Glaube an einen puritanischen Islam. Die Kriegsmüdigkeit der AfghanInnen und das Fehlen jeglicher sozialer Sicherungssysteme ermöglichten es den Taliban erst, die Macht zu ergreifen.

Mit Islam hat das Aufkommen eines totalitären Fanatismus wenig zu tun, mit dem lokalen Kontext, dem Fehlen von Bildung und erträglichen sozialen Bedingungen viel eher.

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