Nr. 43/2013 vom 24.10.2013

Ein unbekanntes Rollobjekt

Im Rollstuhl durch Cochabamba in Bolivien – Erfahrungen aus einem Land, in dem Gesetze das Leben mit Behinderung erleichtern sollen, aber oft an der Umsetzung scheitern.

Von Dorothee Wilhelm (Text und Foto)

Schnappschuss im Kleinbus: Mit RollstuhlfahrerInnen wird im öffentlichen Verkehr in Bolivien nicht gerechnet.

Mein Freund J. hat sich im letzten Jahr verpflichtet, drei Jahre für eine Schweizer NGO in Bolivien als Agronom zu arbeiten. In diesem Sommer habe ich J. besucht, weil ich ihn vermisse und weil ich seine Bolivienerfahrungen hautnah nachvollziehen wollte.

Das war natürlich unmöglich, wie mir ein wenig Nachdenken gezeigt hätte: Wir sind auf so verschiedene Art in Bolivien, dass die Schnittmenge unserer Erfahrungen klein ausfällt. Ich gehe für drei Wochen einen Freund besuchen, er ging allein für drei Jahre, um zu arbeiten. Er ist ein grosser blonder Mann auf zwei Füssen, ich bin Rollstuhlfahrerin. Er arbeitet von morgens bis abends, ich habe in diesen drei Wochen Zeit. Ich bin ursprünglich Deutsche, er ist Schweizer. Er ist Ökologiespezialist, ich suche die psychosozialen Projekte seiner NGO auf. Zwangsläufig fällt meine Kurzzeitperspektive beliebiger und subjektiver aus als die von Menschen, die dort leben; ich sehe sozusagen die Trailer vieler Filme.

Die Trailer beginnen auf der Hinreise. Mein Sitznachbar auf dem Flug von Miami nach Santa Cruz ist charmant und aufmerksam: Ich brauche nur nach oben zu schauen, schon stellt er für mich die Luftdüse anders ein. Irgendwann erzählt er mir, er sei Kolumbianer, in Miami ansässig und verkaufe Land um Santa Cruz herum. Wunderschönes Land, er hat auch Fotos zur Hand. Es sei eine einmalige Gelegenheit, denn noch wüssten nur ganz wenige von dieser Chance zum Landerwerb, das Zeitfenster sei klein. Diese Rede höre ich ihn noch zweimal gegenüber anderen Fluggästen halten. Mein netter Nachbar ist ein Landräuber.

Hakenkreuze und Zuckerrohr

Eine Randbemerkung lenkt mich vom Landraub ab: Um Santa Cruz herum gebe es eine grosse deutsche Community. Die Deutschen seien aus Argentinien hergekommen, nachdem der israelische Geheimdienst Mossad 1960 Adolf Eichmann in Buenos Aires verhaftet hatte. Mein Sitznachbar erzählt mir, sein grösster Kunde in der Nähe von La Paz habe eine Hakenkreuzfahne in der Stube hängen. Die Gruppe Unión Juvenil Crucenista, eine militante rechtskonservative Jugendorganisation, hat nachweislich LandarbeiterInnen und Mitglieder der Landlosenbewegung, die gegen Landmonopolisierung kämpfen, angegriffen sowie Molotowcocktails gegen die staatliche Fernsehstation geworfen.

Es sieht so aus, als habe Santa Cruz ein Naziproblem. Und ein Landräuberproblem.

Dabei verfügt Bolivien über Gesetze, die die Landnahmen verhindern sollen. Aber laut AktivistInnen aus Bolivien nützen sie wenig. Im Amazonasgebiet zum Beispiel kaufen brasilianische und argentinische Unternehmen die Wälder auf, um Soja und Zuckerrohr anzubauen – oft mit Zustimmung von korrupten Regierungsbeamten, sagt ein Umweltschützer. Im Departement Santa Cruz kaufen auch Europäerinnen und US-Amerikaner.

In Cochabamba angekommen, haben wir Pech. Mein Freund J. zieht sich am zweiten Tag einen Hexenschuss zu, als er versucht, mich die Treppe hinunterzutragen. Er kann in der Folge nicht mehr aus seiner Wohnung; ich habe zwar eine rollstuhlgängige Unterkunft, kann aber nicht zu ihm. So bin ich einige Tage auf mich gestellt. Trotz Warnung des Freunds davor, mich per Rollstuhl im Strassenverkehr zu bewegen, mache ich mich auf, die Stadt zu erkunden.

Von Lücke zu Lücke

Die Trottoirs sind übersät mit Schlaglöchern. Ich beobachte Teenager, die wie hierzulande mit Kopfhörern SMS schreibend unterwegs sind, ohne darauf zu achten, was vor und neben ihnen passiert. Rätselhafterweise stolpern die Teenager in Cochabamba nie und blicken auch nicht auf beim Überqueren der Löcher. Wie machen sie das?

Ich rolle wegen der Schäden in den Trottoirs häufig auf der Strasse. Das ist tatsächlich gefährlich, denn AutofahrerInnen in Cochabamba rechnen nicht mit meinesgleichen, auch nicht mit VelofahrerInnen. Mit dem Velo ist hier kaum jemand unterwegs, und wenn, ist es ein Gringo. Der Anblick einer Rollstuhlfahrerin im Strassenverkehr ist so fremd, dass mich die Hunde anbellen, von denen es etwa dreimal so viele gibt wie in der Schweiz. Kleine Kinder fürchten sich vor meinem Gefährt. Bis auf einen einzigen Mann betteln alle anderen Leute, die ich im Rollstuhl sehe. Dieser Mann schaut mich so überrascht an wie ich ihn.

Auf der Strasse bewege ich mich in den Lücken zwischen parkierten Autos. Aus der Lücke strecke ich vorsichtig den Kopf heraus und warte, bis die Strasse leer ist, bevor ich an den parkierten Fahrzeugen vorbei zur nächsten Lücke eile oder die Strasse überquere, denn niemand wird anhalten. Irgendwie ist meine Nichtexistenz auch entlastend: Ich muss mich nicht über mangelnden Respekt vor meinen Rechten ärgern, denn ich habe keine.

«Wie auch nicht?»

Man rechnet nicht mit mir, ich bin nicht erkennbar, ein unbekanntes Rollobjekt. Dahinter steht keine böse Absicht: Der Taxifahrer, der die Rampe blockiert, springt aus dem Wagen und hievt mich die Stufe hinunter, als er es merkt. Einmal stürze ich im hohen Bogen auf eine Kreuzung, auf der das Lichtsignal gerade auf Grün wechselt. Ein Mann steigt sofort aus seinem Camion, ein anderer vom Motorrad, sie lesen mich auf und bedanken sich mit Handschlag beieinander. Wann immer ich irgendwo hinauf- oder hinuntermuss und um Hilfe bitte, erhalte ich die überaus höfliche Antwort: «Cómo no?» – «Wie auch nicht?» Die Leute, denen ich begegne, sind freundlich, hilfsbereit und interessiert, wen sie da angetroffen haben.

Ich erlebe viele als engagiert für ihre eigene Existenzsicherung – wer irgendetwas nicht direkt selbst braucht, eröffnet eine Tienda, einen kleinen Laden, und bietet es dort an. Falls vor dem Laden eine Coca-Cola-Werbung steht, heisst das allerdings keineswegs, dass es dort Coca-Cola gibt. Die Tafeln vor dem Laden und das Angebot stehen in keinem direkten Zusammenhang. Die Leute improvisieren tatkräftig mit dem, was sie haben.

Die Leute sind auch bereit, sich zu wehren: Wenn Gewohnheitsrechte beeinträchtigt werden, wenn zum Beispiel der Zugang zur Wiese, auf der die Nachbarschaft seit Jahren picknickt, vom neuen Eigentümer gesperrt wird, blockieren BolivianerInnen gern und häufig die Strassen. Wer zu spät zur Arbeit kommt und ein «bloqueo» als Grund angibt, hat gute Chancen, damit durchzukommen.

Eine Initiative der NGO, in der mein Freund arbeitet, stellt neuerdings Rollstühle aus einheimischen Materialien her – bis dato produzierte sie nur kunsthandwerkliche Gegenstände. Ein Projekt der NGO wird von Menschen mit Hörbeeinträchtigung betrieben. Die Anwesenden, zwischen 16 und 45 Jahre alt, sind äusserst interessiert, ihre Lage mit der in der Schweiz zu vergleichen, und sie zeigen sich stolz auf die neuen Gesetze zur Integration von Menschen mit Beeinträchtigungen.

Das bolivianische Behindertengesetz orientiert sich an der Weltgesundheitsorganisation. Diese definiert Behinderung über die internationale Klassifikation von Funktionsfähigkeit (ICF). Nach der ICF ist Behinderung das Resultat einer komplexen Interaktion zwischen Umwelt und Person und wird als eine Beeinträchtigung wahrgenommen, die auf verschiedenen Ebenen des menschlichen Daseins wirkt. Behinderung ist also nicht das Merkmal einer Person, sondern die Beziehung zwischen einer Person und ihrer Umwelt.

Inmitten von Schutt und Hügeln

José, achtzehnjährig, ist vor einem Jahr mit dem Motorrad verunfallt und seither querschnittgelähmt. Seit dem Unfall liegt er vor allem im Bett und schaut TV; nicht, weil er depressiv geworden wäre, sondern weil sein Bett im ersten Stock steht, sodass seine Brüder ihn über die Treppe tragen müssen. Das Haus steht in einer mit dem Rollstuhl kaum zu befahrenden Gegend aus Schutt und Hügeln. Ausserdem hat er keine Idee, was man vom Rollstuhl aus mit seinem Leben anfangen könnte. Der öffentliche Verkehr ist unzugänglich, wie ich aus eigener Erfahrung weiss: Einmal nehme ich ein Sammeltaxi. Zwei Männer tragen mich hinein, einer den Rollstuhl, der dann beim Fahrer auf dem Armaturenbrett liegt. Zwei kleine Mädchen setzen sich aufs Rollstuhlrad, da sie sonst keinen Platz hätten. Ich weiche im Weiteren auf Taxis aus, die für Josés Familie zu teuer wären.

Wir besuchen Josés frühere Schule, wo er nach dem Unfall die Ausbildung zum Buchhalter abbrechen musste, um herauszufinden, wie er sie fortsetzen kann. Alle Zuständigen zeigen sich dort eifrig und begeistert, aber ich lasse mir sagen, dass nicht sicher ist, ob Eifer und Begeisterung auch anhalten. Doch jetzt weiss José wenigstens, was er selbst tun kann.

Das Gesetz der Regierung von Evo Morales vom März 2012 zur Integration von Menschen mit Behinderungen soll diesen gleiche Rechte und gleiche Würde wie allen anderen BolivianerInnen garantieren. Vorgesehen sind Strategien in Gesundheit, Bildung, Arbeit, Wirtschaft, Kultur, Freizeit, Politik und Sozialem, angefangen mit einer Erhöhung der Unterstützung auf 1000 Bolivianos jährlich (umgerechnet 140 Franken). Das Gesetz ist fortschrittlich, vieles scheitert an der Praxis. Es fehlt an Mitteln und oft am Willen zur Umsetzung.

Dem Polizisten ein Taxi zahlen

Dies gilt nicht nur für neue Gesetze im Bereich Behinderung. Im März 2013 hatte Staatspräsident Evo Morales ein Gewaltschutzgesetz erlassen, das Frauen ein Leben ohne Gewalt ermöglichen soll. Dabei stehen vor allem die Prävention, der Schutz von Frauen und die Bestrafung von Gewalttaten im Mittelpunkt. Zuvor hatte die Panamerikanische Gesundheitsorganisation Zahlen veröffentlicht, nach denen Bolivien das Land mit der höchsten geschlechtsspezifischen Gewalt in ganz Lateinamerika ist und hinter Haiti den zweithöchsten Wert sexualisierter Gewalt aufweist.

Deutlich zeigt sich hier die Kluft zwischen Gesetz und Umsetzung: Eine betroffene Frau kann die Polizei rufen, muss aber dem Polizisten ein Taxi zahlen, Papier und Schreibzeug sowie die Arbeitszeit. Sie wird in ihrem Umfeld kaum auf Verständnis stossen, wenn sie gegen ihren Mann vorgeht.

Im Interesse der bislang diskriminierten indigenen Mehrheit sind andere Massnahmen der Regierung Morales: Wer in Bolivien in einer öffentlichen Verwaltung arbeitet und seinen Arbeitsplatz behalten möchte, muss in den nächsten Jahren neben Spanisch eine der anderen 35 Amtssprachen erlernen. MedizinstudentInnen müssen neuerdings die letzten Semester auf Aymara oder Quechua studieren, jenen indigenen Sprachen, die von 14,9 respektive 21,8 Prozent der Bevölkerung gesprochen werden, damit sie ihre PatientInnen auf dem Land verstehen. Historischer Schauder: In den letzten paar Hundert Jahren konnte die Landbevölkerung sich ihren ÄrztInnen nicht verständlich machen.

Es ist eine grosse Leistung der Regierung Morales, die Gewinne aus der Erdgasindustrie für die BolivianerInnen einzusetzen. Manche politischen Massnahmen und Gesetze lassen ihre Bilanz letztlich beeindruckend aussehen. Der Kontrast zwischen diesen Gesetzen und ihrer Umsetzung ist hingegen frustrierend. Doch gleichzeitig entstehen überall neue Initiativen zur Gestaltung der bolivianischen Gesellschaft. Viele Menschen scheinen fatalistisch, handlungsunfähig, entmutigt. Doch viele versuchen etwas, rennen gegen Wände, versuchen es wieder, mit anscheinend unerschöpflicher Geduld und hohem Improvisationstalent. Die Welt fühlt sich jung an in Bolivien.

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