Nr. 44/2013 vom 31.10.2013

Die Lehren des Verzichts

Der Trend, den ein Bischof setzte.

Von Susi Stühlinger

«Er fehlt mir so», greinte die Jura-Impressa-J9.3-One-Touch-Kaffeemaschine, «wer drückt denn jetzt noch an mir rum?» Der Rolex-Daytona-Chronograf tickte nervös. Moët & Chandon blubberten missmutig vor sich hin. «Stoppeln, eklige Stoppeln hat er schon», zischte der Fusion Pro Glide Power von Gillette, und die Police der Nationale-Suisse-Versicherung raschelte resigniert. Seit ihr Werbeträger Roger Federer weg war, langweilten sich die Schweizer Qualitätsprodukte ganz schrecklich.

Ein kirchlicher Würdenträger namens Bischof Tee-Bart oder so hatte den Trend ins Rollen gebracht: Begüterte auf der ganzen Welt tauschten ihr Leben in stattlichen Residenzen für zwei, drei Monate mit dem kargen Inneren einer Klosterzelle. «Monastering» oder deutsch auch «Klostern» nannten sie es. Sie taten es für einen guten Zweck: Die MillionärInnen sollten der durch sozialistische Bürgerinitiativen aufgewiegelten Bevölkerung zeigen, dass auch sie in der Lage waren, auf ihre Privilegien zu verzichten, und dass Verzicht etwas Gutes war. Wer verzichtete, war in der Lage, ein Leben ohne Neid und Missgunst zu führen, wer verzichtete, merkte, dass 1:12-Initiativen und dergleichen absolut müssig waren.

Eine der ersten Monastering-Anhängerinnen war Investorin Carolina Müller-Möhl gewesen. Im Interview mit dem «Tages-Anzeiger» hatte sie die Problematik der verwöhnten, verzichtsfremden Bevölkerung umrissen: «Die Lücke zwischen dem, was für die florierende Wirtschaft wichtig ist, und dem, was das Volk unter der 1:12-Initiative versteht, ist enorm.» Das hatte die Müller-Möhl-Foundation herausgefunden, und es galt dringend, diesen Missstand zu beheben und das «Finanzwissen der jungen Menschen zu fördern». Das grundlegende Problem, so erläuterte die erfolgreiche Geschäftsfrau, sei Folgendes: Die Menschen könnten schlicht nicht mit dem Geld umgehen. Und genau darauf war die Monastering-Bewegung die richtige Antwort. Die Jungen sollten lernen, dass Geld nicht ausgeben auch sexy sein konnte.

Auch sonst war der Verzicht gerade gross in Mode: Der Kanton Zug förderte unter dem Titel «ForMe» den Verzicht auf Cannabis mit einem Anti-Kiffer-Kurs für ErstkonsumentInnen, und das neue Intercontinental-Hotel in Davos verzichtete auf den fünften Stern, da auch die Medizinbranche auf den Monastering-Trend aufgesprungen war und Pharmafirmen ÄrztInnen nur noch in weniger hochklassige Hotels einladen durften.

Die Jura Impressa J9.3 One Touch, der Fusion Pro Glide Power und all die anderen hatten für diese Entwicklungen wenig übrig. Wer würde sie denn noch kaufen, wenn all die armen Teufel dem Verzicht huldigten, keine Kleinkredite mehr aufnahmen, um von Roger Federer beworbene Dinge in ihr Leben aufzunehmen? Im Gegensatz zu Müller-Möhl, so war sich die Runde der Qualitätsprodukte einig, hatten sie wirklich eine Ahnung davon, was für eine florierende Wirtschaft wichtig war. Und dass Roger Federer für den Erhalt seines Marktwerts lieber darauf verzichten würde, weiter bei Turnieren anzutreten, die er dann nie gewinnt.

Susi Stühlinger verzichtet an dieser Stelle 
auf weitere Ausführungen.

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