Fussball und andere Randsportarten : Was bleibt

Nr.  45 –

Nachrufe, Voyeurismus und Unsterblichkeit.

SportlerInnen gelten immer häufiger als Popstars – einfach mit dem feinen Unterschied, dass die wenigsten von ihnen ein Instrument beherrschen. Oder einen kunstvollen Satz in irgendeiner Sprache äussern können. Im Unterschied zu «echten» Popstars versinken sie jedoch nach ihrer Aktivkarriere schnell wieder in der Vergessenheit, wenn sie nicht den Sprung schaffen und uns Parfüms und Rasierklingen verkaufen. Nie wird einem das so schmerzlich bewusst, wie wenn einer von ihnen dann stirbt.

Als Lou Reed am 27. Oktober den metaphorischen Heroinlöffel endgültig abgeben musste, waren die Zeitungen und Onlineportale voll mit Nachrufen. Mit allem dabei von persönlichen Anekdoten über peinliche Gefühlshascherei bis zu intellektueller Analyse von Werk und Mensch. Geschichten über eine Person, die wir (vielleicht) gern gekannt hätten. Und damit das Gefühl bekommen, dass wir auch an diesem öffentlichen Trauerritual teilhaben können. Ein bisschen wehmütig sein, wenn wir im «Ziegel oh Lac» ein Bier trinken und dazu Lou Reed aus den Boxen quäkt, während wir einen Nachruf lesen. Dieses kurze Gefühl, dass die Welt nun ärmer sein wird, aber immerhin ist seine Musik noch da. Und die macht ihn unsterblich.

Bei SportlerInnen ist das eine ganz andere Sache. Die wenigsten von ihnen erhalten überhaupt noch Nachrufe. Wird Ottmar Hitzfeld eine Bildstrecke im «Blick» bekommen, wenn er eines Tages tot umfällt? Sicherlich. Roger Federer auch. Exnatitorwart Charly Elsener bekam im «Blick» immerhin noch 1500 Zeichen. Marc Zellweger wird eines Tages wohl im SC-Brühl-Magazin ein paar Zeilen erhalten. Aber Hakan Yakin? Marcel Fischer? Vreni Schneider? Ihre Erfolge verblassen viel schneller – was gerade am Beispiel von Schneiders Schlagerkarriere deutlich wurde, die höchstens noch Fremdschämen auslöste. Solange sie aktiv sind, sind sie Promis. Ihre Privatleben werden ausgebreitet, ihre Ansichten, egal wie belanglos, werden ausgebreitet. Und wenn sie nicht mehr in der Arena stehen, dann sind sie eben weg.

Es gibt auch SportlerInnen, die sich unsterblich ins Gedächtnis der Menschheit brennen können. Wenn sie denn als Horrorgeschichten enden. Ayrton Senna wird so schnell nicht vergessen, jedoch nicht wegen seiner drei Weltmeistertitel, sondern weil seine Karriere mit einer ungebremsten Fahrt in eine Wand endete. Owen «The Rocket» Hart wird uns bleiben, nicht weil er ein fantastischer Wrestlingbösewicht war, sondern weil er vor laufenden Kameras aus 25 Metern Höhe durch einen Ring knallte. Sein Berufskollege Curt «Mr. Perfect» Henning, der sich einsam und abgehalftert in einem Hotelzimmer zu Tode kokste, eher nicht. Und den Dritten im Bunde, Chris Benoit, der seine ganze Familie abschlachtete, bevor er sich im Steroidenwahn erhängte, versucht man so gut es geht zu verdrängen.

Doch nicht einmal der glorifizierte Abgang im Ring, wie er im preisgekrönten Film «The Wrestler» so überpathetisch inszeniert wird, ist eine Garantie für Unsterblichkeit. Der mexikanische Boxer und Nachwuchsstar Francisco «Frankie» Leal verstarb vier Tage vor Lou Reed an Hirnverletzungen nach einem Knock-out. «Frankie» ist der Welt nicht einmal gut genug für einen Wikipedia-Eintrag. Wahrscheinlich haben Sie keine Zeile darüber gelesen. Und auch nicht, dass Schwergewichtler Magomed Abdusalamow nach seinem letzten Kampf in ein künstliches Koma versetzt werden musste.

Der Unterschied ist, dass die beiden Geschichten niemanden ausserhalb der Boxszene interessieren. Wenn wir so etwas hören, tun wir es mit einem simplen Schulterzucken ab. Weil es halt zu diesem Sport gehört, genauso wie die Bilder des senilen Muhammad Ali. Genauso wie es angeblich zum Strassenverkehr gehört, dass ab und zu ein Velofahrer von einem Lastwagen überrollt wird. Und wenn Sie wissen, was ich damit meine, dann fühlen Sie echte Trauer. Alles andere ist Voyeurismus.

Etrit Hasler wird im November stets etwas morbid. Das hat Gründe, die nur jene etwas angehen, die sie ohnehin schon kennen.