Nr. 46/2013 vom 14.11.2013

«Sind Sie ein besonders optimistischer Typ?»

Der schwerbehinderte Literaturwissenschaftler Klaus Birnstiel sieht sich als Pragmatiker, der Niederlagen wegsteckt und wieder aufsteht. Er schaut vorwärts und gibt Gas. Mit dreissig fühlt er sich besser als mit Anfang zwanzig.

Von Andreas FagettiMail an Autor:in (Interview) und Andreas Bodmer (Foto)

Klaus Birnstiel im Deutschen Seminar der Universität Basel: «Soll ich mich darüber beklagen, dass ich nicht laufen kann? Darüber nachzudenken, damit zu hadern, ist nicht produktiv.»

WOZ: Herr Birnstiel, wer sind Sie?
Klaus Birnstiel: Eine schwierige Frage. Die schwierige Antwort lasse ich mal weg. Die einfache: Ich bin ein junger Akademiker, ich bin ein Mensch, der von viel Technik umgeben ist und einer, der nicht selber laufen und selber atmen kann. Ich bin ein Typ, der sich nicht freiwillig beschränkt, ich bin neugierig, wie es weitergeht und was das Leben noch für mich bereithält. Ich bin im Moment ein radikaler Materialist, der nicht mehr bloss liebt und leidet, sondern die Liebe handfest erfahren möchte. Und ich bin ein lustvoller Provokateur.

Wie sind Sie der geworden, der Sie heute sind?
Mein grosses Glück ist meine Familie, meine zwei älteren Brüder und meine Eltern, der Vater ist Jurist, die Mutter Lehrerin. Ich bin von meinen Eltern im Gefühl grossgezogen worden, nicht besonders anders zu sein als alle anderen. Sie sorgten dafür, dass ich eine normale Schule besuchen konnte. Das war in den achtziger Jahren in Deutschland nicht selbstverständlich, ist es, wie ich glaube, immer noch nicht. Meine Eltern sorgten dafür, dass sich die Institutionen nicht vollends des Kindes bemächtigten, das Krankenhaus, die Bürokratie, womöglich ein Behindertenheim. Ich verlebte eine unspektakuläre Vorstadtjugend. Den Aufwand, den meine Eltern hinter den Kulissen für mich betrieben, habe ich nicht bemerkt. Mein Vater schlug sich die Nächte damit um die Ohren, irgendwelche Anträge an Ämter zu formulieren.

Zudem hatte und habe ich gute Freunde. Und ich hatte nach dem Studium das Glück, dass ich Anfragen bekam, an wissenschaftlichen Projekten mitzuarbeiten. Und schliesslich konnte ich ein Gastjahr an der Universität Stanford in Kalifornien studieren. Übrigens dank Professor Hans Ulrich Gumbrecht, dem ich sehr viel verdanke und mit dem ich heute eng befreundet bin.

Gewöhnlich war Ihre Kindheit trotzdem nicht. Waren Sie von Geburt an auf ein Beatmungsgerät angewiesen?
Nein. Ich bewegte mich bis in die fünfte Klasse in einem gewöhnlichen Rollstuhl. Meine Erkrankung bringt es mit sich, dass die gesamte Muskulatur betroffen ist, auch die Atemmuskulatur, die schliesslich kaum mehr funktionierte. Daher musste ich im November 1993 ins Krankenhaus. Ich erhielt einen Luftröhrenschnitt. Von da an war ich auf ein Beatmungsgerät angewiesen. Ich kam nach zwei Monaten als ziemlich veränderte Figur aus dem Krankenhaus. Plötzlich waren da überall Schläuche um mich, ich sass in einem Panzer von Rollstuhl. Es war eine Zäsur in meinem jungen Leben. Aber ich fand rasch wieder in die Spur zurück.

Sie sind erfolgreich, Sie halten Vorträge, unterrichten als Assistent am Deutschen Seminar in Basel, Sie arbeiten an einem Buch über behinderte Figuren in der Literatur.
Mit dreissig geht es mir besser als mit Anfang zwanzig. Manche meiner Freunde beginnen bereits, ihre Jugend nostalgisch zu verklären, ich kann das überhaupt nicht verstehen. Meine Jugend war zwar alles andere als scheisse, aber ich brauch sie auch kein zweites Mal.

Ich denke vorwärts, ich packe Dinge an und gebe Gas. Meine Arbeit ist meine grosse Leidenschaft, ich bin an der Uni Basel an einem inspirierenden Ort. Wenn es nach mir geht, darf es noch eine Weile so weitergehen.

Sind Sie ein besonders optimistischer Typ?
Ach, ich hatte meine dunklen Tage, als dieses Männer-Frauen-Thema in mein Leben trat. Etliche Abende trank ich mich ins Elend. Das Gefühl, in diesem Spiel der Geschlechter aussen vor zu sein, brachte mich an einen psychischen Nullpunkt, den ich als lähmend und vollkommen trostlos empfand. Ich ging kaum mehr raus. Als Siebzehnjähriger wollte ich mein Elend literarisch verarbeiten. Ich sagte mir, Mensch Klaus, das ist eine wunderbare Sache, dir alles von der Seele zu schreiben, es in eine gültige literarische Form zu bringen. Einen Sommer lang klemmte ich mich hinters Notebook, aber es wurde mir nicht leichter ums Herz, ich konnte mir dabei zuschauen, wie es mir jeden Tag dreckiger ging. Schreiben als Therapie ist ein absoluter Blödsinn, eine kitschige Vorstellung, die nur Leute pflegen, die nie einen Text geschrieben haben, der auch nur entfernt von Bedeutung ist. Mein literarisches Talent reichte nicht aus, darum wurde ich Literaturwissenschaftler.

Wollten Sie Ihrem Leben jemals ein Ende setzen?
Ich bin ein unsuizidaler Typ. Soll ich mich darüber beklagen, dass ich nicht laufen kann? Darüber nachzudenken, damit zu hadern, ist nicht produktiv. Ich weiss ja nicht, wie es ist, laufen zu können. Das sind nun mal die Bedingungen meines Lebens. Ich habe meine Möglichkeiten und nutze sie. Glücklicherweise bin ich ein unverbesserlicher Alltagspragmatiker. Ich finde rasch wieder aus dem Elend. Ich bin jemand, der am nächsten Tag wieder aufsteht und weitermacht. Das ist keine Heldentat, womöglich verdanke ich das meiner bayrischen Herkunft. Bei uns zu Hause war es nicht üblich, dass man sich im Elend suhlt. Und je älter ich werde, desto weniger Anlass sehe ich dafür.

Der Literaturwissenschaftler Klaus Birnstiel (30) leidet an einer fortschreitenden Muskelerkrankung, die genetische Ursachen hat. Er kann nicht gehen und seit langem auch nicht mehr selbst atmen. Davon lässt er sich kaum verdriessen. Birnstiel lehrt an der Universität Basel und schreibt an einem Buch. Er besteigt Flugzeuge und lässt sich in die Welt hinaus tragen – nach Amerika oder nach Lissabon, einer Stadt, die er besonders liebt.

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