Nr. 48/2013 vom 28.11.2013

Haben Sie ein Problem mit bürgerlichen Schlafzimmern?

Die Wahrheit der Geschlechter liege nicht in der Gebärmutter und nicht in den Hoden. Biologistisches ist Klaus Birnstiel ein Gräuel. Doch Geschlecht lasse sich auch nicht in Sprache auflösen, dekonstruieren und beliebig zusammensetzen. Daher kritisiert er die Gendertheorie.

Von Andreas Fagetti (Interview) und Andreas Bodmer (Foto)

Klaus Birnstiel: «Ich habe den Eindruck, dass konstruktivistische Theorien Sexualität letzten Endes verharmlosen.»

WOZ: Herr Birnstiel, Sie haben einmal in einem Blogeintrag der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» behauptet, Menschen, die miteinander Sex hätten, gehe es nicht so sehr darum, Gefühle auszudrücken und Liebe zu kommunizieren, dafür gebe es schliesslich Blumensträusse und Pralinen. Worum geht es dann?
Klaus Birnstiel: Diesen Satz schlägt man mir noch heute um die Ohren, das kann ich verstehen, mir sind romantische Gefühle nicht fremd. Ich nehme die Prügel gern entgegen, ich mags, wenn es zur Sache geht. Was ich mit diesem Satz sagen wollte: Sexualität lässt sich nicht beliebig formen und instrumentalisieren, beispielsweise für unsere Vorstellungen von Liebe. Sexualität ist eine anarchische Kraft, sie ist exzessiv und überfliessend, rücksichtslos und fordernd, anmassend und ja, aggressiv. Auch in theoretische Konstrukte lässt sich nicht zwängen, was ich sexuelle Präsenz nenne. Was beim Sex unmittelbar passiert, eine Berührung, Haare, Atem, eine nackte Brust – darüber kann Theorie schlicht nichts sagen. Wer sich zwischen den Laken auf philosophische Merksätze verlässt, ist sowieso rettungslos verloren.

Und dennoch befassen Sie sich als Literaturwissenschaftler theoretisch mit Sexualität.
Ich war als jüngerer Mensch fasziniert von der neueren Gendertheorie. Sie hat endlich mit seltsamen biologistischen und naturalistischen Vorstellungen aufgeräumt, was Männer, was Frauen angeblich sein sollen. Gendertheorie hat verdeutlicht, dass die Sprache bei der Geschlechtsidentität eine entscheidende Rolle spielt, dass es illusionär ist, aus biologischen Tatsächlichkeiten irgendeine Wahrheit abzuleiten. Die Wahrheit der Frau liegt nicht in der Gebärmutter, die Wahrheit des Mannes nicht in seinen Hoden.

Weshalb schreiben Sie dann kritische Aufsätze über Gendertheorie?
Gendertheorie hat sich zu leicht auf konstruktivistische Verabredungen eingelassen. Dem Konsens, Geschlecht sei gesellschaftlich konstruiert, kann ich nur bedingt zustimmen. Sexualität ist nichts, was man morgens aus dem Schrank nimmt und abends wieder dort hinhängt. Selbstverständlich bin ich dafür, dass wir die sexuellen Handlungsmöglichkeiten erweitern, dass wir mit den Identitäten spielen. Was aber in der Gendertheorie verloren gegangen ist, ist das, was ich die Seinsdimension von Sexualität nenne.

Klingt nach Philosoph Martin Heidegger.
Tatsächlich inspiriert mich seine Philosophie seit einiger Zeit, auch wenn ich mit dem alten Nazi sonst nichts zu schaffen haben möchte. Untersuche ich mit seinem Ansatz die gängige Sprache über Sexualität, geht es gegenwärtig immer um Sexhaben. Es impliziert ein Nichthaben. Sexualität ist dann immer prekär, ständig zieht man uns den Boden unter den Füssen weg, ständig müssen wir dem Sex hinterherlaufen, von dem wir nie genug kriegen können oder den wir nicht so haben, wie wir sollten oder wollen. Mit Heidegger liest es sich anders: Sexualität kann man nicht haben. Sexualität ist eine Frage des Seins – anders gesagt: Ich kann nicht anders, als sexuell zu sein. Die Manipulierbarkeit, der Grad der Dekonstruktion und somit auch der Konstruktion stösst an Grenzen. Geschlecht und Sexualität sind nicht beliebig veränderbar, da geben sich Gendertheoretikerinnen und -theoretiker Illusionen hin.

Halten Sie diese Theorien für überholt?
Ich will nicht gegen deren unbestrittene Leistungen polemisieren. Aber ich will auf das Reale, das Konkrete zeigen, das sich eben nicht restlos in Sprache auflösen lässt. Ich zeige auf sexuelle Praxis und Geschlechterrollen, die sich trotz aller theoretischen Erkenntnisse hartnäckig halten. Mich treibt um, dass wir uns möglicherweise allzu schnell auf einen leichtfertigen Konsens einigen. Ich habe den Eindruck, dass konstruktivistische Theorien Sexualität letzten Endes verharmlosen. Wir haben nicht diese totale Wahlfreiheit, die diese Denkansätze versprechen, nämlich dass man sich selbst restlos dekonstruieren und nach eigenen Wünschen wieder zusammenbauen kann. Sex ist auch zäh.

Sie sagen, dass Sie nicht Interpretationen liefern, sondern auf Phänomene und Dinge zeigen. Sie arbeiten an einem Buch. Worauf wollen Sie dort zeigen?
Darauf, wie sich in der Literatur der Umgang mit behinderter Sexualität spiegelt. Ich lese mich gerade in Victor Hugos «Glöckner von Notre Dame» ein. In diesem Roman wird mit einer geradezu obsessiven Impertinenz betont, wie Frauen auf den krummen Körper von Quasimodo reagieren. Hugo kommentiert das nicht grossartig, er stellt es nur immer wieder heraus. In meiner Sammelmappe für das Buch befinden sich eine Reihe von Texten, wo ich Ähnliches feststelle. Ich behaupte gehässigerweise, dass behinderte Sexualität als Diskursraum dient, in dem das ausgetragen wird, was im bürgerlichen Schlafzimmer unter der Decke bleibt.

Haben Sie ein Problem mit bürgerlichen Schlafzimmern?
Ach wo, ich wäre gerne selbst öfter dort zu Gast. Ich will das auch nicht schlimm finden müssen. Ich finde es nur unglaublich spannend. Mich beeindruckt, wie sexuelle Energie verschoben, befragt, ausgestellt, reflektiert wird und sich schliesslich in Sprache verwandelt.

Der Literaturwissenschaftler Klaus Birnstiel (30) ist kein Verächter der Liebe, er liebt gute Gespräche bei einem Glas Wein, fuhr Rockmusiker Neil Young hinterher, als dieser durch Deutschland tourte. Und er hat auch schon Blumen geschenkt. Doch derzeit verspürt er eine gewisse Lust am Zynismus und auf Materielles.

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