Nr. 47/2013 vom 21.11.2013

Wie ist das, wenn Sie einen Raum betreten?

Klaus Birnstiel liebt die Räume der Nacht. Und er geniesst die Blicke, die er auf sich zieht, sobald er mit dem Rollstuhl einen Raum betritt. Seit er ein Jahr in Amerika verbrachte, weiss der Muskelkranke: Fast alle Räume der Welt stehen ihm offen.

Andreas Fagetti (Interview) und Andreas Bodmer (Foto)

Literaturwissenschaftler Klaus Birnstiel: «Ich koste den erzeugten Knalleffekt maximal aus.»

WOZ: Herr Birnstiel, Sie sind praktisch nie allein. Ein Assistent verbringt sogar die Nacht in Ihrem Schlafzimmer.
Klaus Birnstiel: So ist es. Ich kenne das von klein auf. Meine Räume sind immer geteilte Räume. In meinem Elternhaus war es so, dass aus berechtigter Sorge immer sämtliche Türen offen standen. Ich kannte nichts anderes, und es war mir lange unvorstellbar, wie das ist, allein in einem Raum zu sein. Jetzt, wo wir dieses Gespräch führen, sitzt nebenan im Büro ein Assistent. Irgendwann hat mich das gestört. Darum habe ich vorhin die Tür geschlossen. Mittlerweile kann ich mich so organisieren, dass ich auf einen Knopf drücke, und in dreissig Sekunden steht einer meiner Assistenten neben mir.

Bezahlen Sie das selbst?
Nein. Die acht Leute, die mich betreuen, sind vom Staat bezahlt. Ich verdiene gut, aber aus meinem Lohn liesse sich das nie finanzieren. In meinen Alltagsräumen, im Büro, in der Uni, in meinem Appartement unterstützen sie mich. Ich lebe zu zweit, gewissermassen in einer WG mit wechselnden Mitbewohnern.

Wie finden Sie sich in Basel zurecht?
Ich habe ja noch meine Wohnung in München, bin aber nicht mehr allzu oft dort. In Basel habe ich mich gut eingelebt. Basel hat den Vorteil, dass ich die meisten Wege zu Fuss gehen kann. Ich fahre nicht, ich gehe. Ich finde es albern, wenn man als Rollstuhlfahrer das Fahren zu sehr betont. Ich gehe ins Kino, ich gehe ins Theater.

Sie lieben Räume der Nacht, wie Sie es nennen. Kneipen, Bars und Clubs. Kommen Sie da problemlos rein?
Als Jugendlicher bin ich kaum ausgegangen. Das habe ich erst während meines Gastjahrs an der Universität Stanford in vollen Zügen geniessen können. Hier wimmeln mich Türsteher eher ab – angeblich aus Sicherheitsbedenken. Und viele gute Bars sind meist nur über steile Treppen zu erreichen, unerreichbar für mich mit meinem Kettenfahrzeug. In den USA ist das ganz anders. Dort war ich mit einem behinderten Freund, einem Rollstuhlfahrer, in Clubs. Die Leute sind auf mich zugegangen, Frauen haben mit mir getanzt, wir haben uns betrunken und gefeiert. Sie haben mich wie selbstverständlich in ihren Kreis aufgenommen. Eine lustvolle und befreiende Erfahrung.

In Basel kenne ich inzwischen einige gute Kneipen, die für mich problemlos zugänglich sind und wo ich mich mit meinen Freunden auf ein Bier treffe. Es ist nun mal so, dass die Anzahl zugänglicher Räume begrenzt ist.

Der deutsche Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht hat Sie vor drei Jahren nach Amerika eingeladen. Wie ist es dazu gekommen?
Ich habe Hans Ulrich Gumbrecht in München kennengelernt, als er dort auf Vortragsreise war. Er bot mir dann an, ein Jahr lang in Stanford zu forschen. Ich war gerade aus meinem Elternhaus ausgezogen in meine erste eigene Wohnung. Das war ein grosser Schritt. Ich hätte in diesem Moment nicht mal im Traum daran gedacht, dass ich gleich danach meinen Radius über München hinaus bis über den Atlantik erweitern könnte. Der Aufenthalt in Amerika hat mich eines anderen belehrt. Seither kann ich überall hingehen. Die grosse Welt steht mir offen. Ich reise für mein Leben gern. Inzwischen sind Hans Ulrich Gumbrecht und ich enge Freunde. Ihm habe ich sehr viel zu verdanken.

Wie ist das, wenn Sie einen Raum betreten?
Kommt man so daher wie ich, zieht man automatisch Blicke auf sich. Mit meiner Stimme, mit meinem Kettenfahrzeug, all den Schläuchen und Geräten erzeuge ich einen Knalleffekt. Ich koste diese Aufmerksamkeit maximal aus.

Stört es Sie nie?
Ich habe keine Wahl. Meine Strategie war schon immer die Vorwärtsverteidigung. Ich habe mir eine entsprechende psychische Konstitution angeeignet, anders ist es für mich schwer vorstellbar, mit diesem Phänomen klarzukommen. Aber so habe ich kaum Schwierigkeiten damit, angeschaut zu werden, wobei es mir immer bewusst bleibt, weshalb das so ist. Meine Behinderung kann ich nicht verstecken. Jeder Versuch wäre albern.

Ich konnte mich ja schon im Schulzimmer nicht in die hinteren Bänke verdrücken, wenn ich meine Lateinvokabeln nicht gelernt hatte. Heute muss ich eher aufpassen, dass ich den Bogen nicht überspanne und zu viele Blicke auf mich ziehe.

Sie ziehen tatsächlich Gewinn aus dieser Aufmerksamkeit?
Klar, offensichtlich bin ich dafür narzisstisch genug veranlagt. Allerdings ist es inzwischen mitunter so, dass ich in einer Runde von Freunden diese Blicke gar nicht mehr bemerke – im Gegensatz zu meinen Freunden. Mir ist im Gespräch zwischen Freundinnen aufgefallen, dass das Angeschautwerden in unserer Kultur ein Ort des Weiblichen ist. Ich befinde mich da offenbar in einer ähnlichen Lage. Und wenn das Angeschautwerden ganz wegfiele, würde mir wahrscheinlich etwas fehlen.

Liebe und Sexualität – dieses Thema lässt Klaus Birnstiel nicht los. Der Basler Germanist setzt sich in Aufsätzen auch mit Gendertheorien auseinander. Er anerkennt ihre Verdienste und möchte nicht vor diese Erkenntnisse zurück, sagt er. Aber auch, dass sich Geschlecht nicht beliebig konstruieren oder wegdiskutieren lasse.

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