Nr. 48/2013 vom 28.11.2013

Eine enttäuschende Flamme

Ein Buch zur Geschichte des Anarchismus versucht dessen sozialistischer und radikaldemokratischer Essenz neue Geltung zu verschaffen – leider ohne hinreichende Kritik und sozialgeschichtliche Befragung.

Von Raul Zelik

Seit dem Ende des Staatssozialismus wird immer mal wieder eine Renaissance des Anarchismus prognostiziert – so zuletzt bei dem Hype um den US-Ethnologen David Graeber. Schliesslich, so heisst es, hätten anarchistische DenkerInnen die Staats- und Herrschaftsorientierung des Mainstreammarxismus schon im 19. Jahrhundert kritisiert und auf den Widerspruch zwischen politischer Machtergreifung und sozialer Emanzipation verwiesen.

Auch Lucien van der Walt und Michael Schmidt geht es in ihrem Buch «Schwarze Flamme» darum, der radikaldemokratischen und sozialistischen Essenz des Anarchismus neue Geltung zu verschaffen. Ihre Ausgangsthese lautet, dass der Anarchismusbegriff in der Regel viel zu diffus verwendet wird. Staatskritik, wie sie etwa von den rechten US-amerikanischen Libertarians geübt wird, habe mit Anarchismus wenig zu tun. Erst aus der Verbindung antikapitalistischer und antistaatlicher Positionen ergebe sich die spezifische Emanzipationsperspektive des Anarchismus.

Weltweite Einflüsse

In diesem Sinn handelt es sich bei der «broad anarchist tradition», wie die Autoren die plurale anarchistische Theorie nennen, um eine Strömung der Arbeiterbewegung, die – so die zweite Hauptthese – schon frühzeitig alternative Organisations- und Politikformen entwickelte. Die Autoren spielen hier auf die syndikalistischen Gewerkschaften an, die die Herausbildung von Apparaten bekämpften, der direkten Aktion Vorrang einräumten und nicht zwischen politischen und sozialen Kämpfen unterschieden.

Die Autoren weisen ganz richtig darauf hin, dass diese Traditionslinie in vielen Ländern eine wichtige Rolle in gesellschaftlichen Kämpfen spielte. Wem ist heute noch bewusst, dass die CGT, die stärkste französische Gewerkschaft, von syndikalistischen ArbeiterInnen aufgebaut wurde und die Entwicklung des Mai 1968 massgeblich beeinflusste? Auch die Geschichte der neuen Linken Südamerikas wäre ohne die syndikalistischen Erfahrungen südeuropäischer EinwanderInnen anders verlaufen. Selbst in der Geschichte der USA ist der Syndikalismus keine Randnotiz: Die Industrial Workers of the World (Wobblies) spielten eine zentrale Rolle in den Streiks Anfang des 20. Jahrhunderts.

Die Sichtbarmachung dieser «anderen Arbeiterbewegung» wäre also tatsächlich verdienstvoll. Doch gerade für an der Geschichte sozialrevolutionärer Bewegungen Interessierte ist «Schwarze Flamme» eine enttäuschende Lektüre. Zu stark sind die Autoren bemüht, sich der eigenen politischen Identität zu vergewissern. Positionen werden nicht kritisch entwickelt, sondern durch mantraartige Wiederholung etabliert. Eine sozialgeschichtliche Perspektive spielt bei ihnen keine Rolle. Stattdessen werden Hunderte von AnarchistInnen namentlich eingeführt und so das Muster individualistischer Geschichtsschreibungen reproduziert.

Stillgelegte Subversion

Mehr kritische Fragen hätten dem Buch gutgetan. Denn auch wenn die Geschichte der libertären Bewegung sympathischer verlief als jene des Staatssozialismus, der in vielen Ländern eine offene Terrorherrschaft etablierte, ist letztlich eben auch der Anarchismus als Strategie der Befreiung im 20. Jahrhundert gescheitert. Die Bewegung mündete fast überall in Bedeutungslosigkeit. Relevanz ist für ein Emanzipationsprojekt aber durchaus ein Kriterium: Wenn das gesellschaftskritische Denken des 19. Jahrhunderts (gegenüber der Aufklärung) eine Erkenntnis ermöglichte, dann doch die, dass Befreiung weniger mit guten Ideen als mit sozialen, kollektiven Prozessen zu tun hat.

Die (anarcho-)syndikalistische Praxis, für die die Autoren plädieren, besitzt für die Debatte heute tatsächlich grosse Bedeutung. Viele der vom Anarchosyndikalismus aufgeworfenen Fragen sind hochaktuell: Wie kann das Entstehen von Apparaten und Organisationsoligarchien verhindert werden? Wie lassen sich Veränderungen durchsetzen, ohne dass die AkteurInnen von den Institutionen assimiliert werden? Welche alternativen Formen der Politik in Bewegungen und Organisationen könnten das Neue vorwegnehmen? Genau diesen subversiven Antrieb legen die Autoren still.

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