Ökologie: Zur und durch die Revolution tanzen

Nr. 28 –

Nur wenige Umweltschützer:innen würden sich heute als Ökoanarchist:innen bezeichnen. Und dennoch: Viele Umweltbewegungen sind von anarchistischen Ideen durchdrungen.

Zeichnung: Augustin Rebetez
  Zeichnung: Augustin Rebetez
 

 

«Wir sollten Umweltschutz nicht mit Anarchie verwechseln», mahnte 2018 der damalige französische Umweltminister Nicolas Hulot. Er reagierte damit auf die Weigerung der Umweltaktivist:innen von Notre-­Dame-des-Landes, ihre besetzte «Verteidigungszone» (ZAD) zu verlassen. Sie hätten das Hauptziel ihres Kampfes doch erreicht, sagte Hulot mit Unverständnis: Das ökologisch irrwitzige Flughafenprojekt bei Nantes sei eingestellt.

Die Aktivist:innen von Notre-Dame-des-Landes sind nicht die Einzigen, die sich weigern, die «ausgestreckte Staatshand zu ergreifen», wie Hulot beklagte. Weltweit gehen ökologische Bewegungen auf Konfrontation zum Staat, wo immer dieser klima- und umweltschädliche Projekte unterstützt. Sind Umweltschutzbewegungen vielleicht doch anarchistischer, als es Präsident Emmanuel Macrons einstigem Minister lieb ist?

Keine einzige Ikone

Es kommt darauf an, wie man Anarchismus versteht. Der vor drei Jahren verstorbene US-Anthropologe und Anarchist David Graeber definierte ihn als Bewegung, «der es darum geht, eine wirklich freie Gesellschaft hervorzubringen – das heisst eine, in der Menschen nur die Art von Beziehungen miteinander eingehen, die nicht durch eine ständige Gewaltandrohung geregelt oder aufrechterhalten werden müssen». Graeber liess mit dieser undogmatischen Definition bewusst viel offen. Anders als der Marxismus geht der Anarchismus nicht auf eine einzige Ikone zurück. «Bakuninismus» wäre ein widersinniger Begriff.

Statt einer dogmatischen Lehre sei der so verstandene Anarchismus viel eher «eine Bewegung, eine Beziehung, ein Prozess der Klärung, der Inspiration und des Experimentierens», schrieb Graeber. Aus dieser Perspektive sind in den aktuellen Umweltbewegungen verschiedene anarchistische Handlungsformen zu erkennen, obwohl sich die Aktivist:innen nicht zwingend selbst als Anarchist:innen bezeichnen. Und dies hat Tradition: Bereits Ende des 19. Jahrhunderts entwickelten Anarchist:innen ökologische Ideen.

Da ist zum einen die Weigerung, interne Hierarchien entstehen zu lassen: Eine alte anarchistische Einsicht lautet, dass vertikale Machtstrukturen, Unterordnung und Bürokratie auch dann gefährlich sind, wenn sie einem hehren Ziel dienen. Janet Biehl sowie ihr 2006 verstorbener Mitstreiter Murray Bookchin haben die zwischenmenschlichen Herrschaftsverhältnisse als Ursache einer Ideologie der Naturverachtung beschrieben: Der Mensch behandle die Natur als ihm untergeben. Deshalb müssten wir solidarische und freiheitliche Beziehungsformen unter uns entwickeln, schrieben die beiden US-Amerikaner:innen – und formulierten damit eine zentrale Idee des Ökoanarchismus der Nachkriegszeit.

Viele aktuelle ökologische Bewegungen versuchen, dieses Ideal umzusetzen, indem sie Minderheiten berücksichtigen, per Konsens entscheiden, an möglichst demokratischen Diskussionsmethoden feilen, gegenseitiges Vertrauen fördern, Raum für Selbstkritik öffnen oder eine nachsichtige Fehlerkultur etablieren. Es gehe nicht darum, gefühlskalte Parteikader zu schulen, es müssten auch Emotionen Platz haben, unterstreicht etwa die Bewegung Ende Gelände, die kürzlich gegen einen LNG-Terminal vor Rügen demonstrierte. «Gemeinsam Erreichtes zu feiern, ist ein wichtiger Teil unserer Gruppenstruktur.» Man kämpft nicht nur für eine Welt, in der man künftig tanzen kann: Man tanzt sich zur und durch die Revolution.

Erträumte Keimzellen

Auch klassisch anarchistische Aktionsformen wie die direkte Aktion halten zunehmend ins Protestrepertoire der Umweltbewegungen Einzug. Anders als Aktionen des zivilen Ungehorsams, die den Staat zum Handeln auffordern, sind diese vielmehr eine Selbstermächtigung derjenigen, die unter Unrecht leiden oder dabei zuschauen müssen, wie es ausgeübt wird. «Der Mensch hat so viel Freiheit, wie er willens ist, sich zu nehmen», schrieb die US-amerikanische Anarchistin Emma Goldman 1910.

Die vom französischen Präsidenten Emmanuel Macron kürzlich aufgelöste Bewegung Soulèvements de la Terre hat Zementfabriken, Pestizidhersteller oder Wasserreservoirs sabotiert, die der Agroindustrie dienen. Sie sprach dabei von «Entwaffnung». Damit wollte sie klarmachen, dass die wirklich besorgniserregende ökologische und soziale Gewalt von jenen Infrastrukturen ausgeht, die den Gemeinschaften Wasser rauben, Böden mit Parkplätzen versiegeln oder Menschen und Tiere mit Giften töten.

Es gehe bei direkten Aktionen darum, «so zu tun, als ob man frei wäre», schrieb Graeber. Statt geduldig zu warten, bis einem die Mächtigen Gehör schenkten, gelte es, die Sache «selbst in die Hand zu nehmen», so die Bewegung Ende Gelände, die in Deutschland regelmässig Aktionen gegen den Braunkohleabbau organisiert.

Waldbesetzungen in Deutschland oder die «Verteidigungszonen» in Frankreich knüpfen an eine weitere anarchistische Tradition an, indem sie versuchen, die ersehnte Gesellschaft in Ansätzen und im Kleinen vorwegzunehmen. Bereits der Anarchist und Geograf Élisée Reclus blickte im 19. Jahrhundert mit Begeisterung auf bäuerliche und indigene Gemeinschaften, die ihre Wälder, Böden und Weiden kollektiv bewirtschafteten. Er zählte sie zu den Keimzellen einer erträumten Gesellschaft, in der die Erde kollektiv und voraussehend genutzt wird.

Den heutigen Bewegungen geht es nicht allein darum, einen Wald, eine Heckenlandschaft oder eine Ackerfläche vor der Abholzung oder dem Zubetonieren zu bewahren. Jene Aktivist:innen, die Umweltminister Hulot zum Einlenken aufforderte, sehen in Notre-Dame-des-Landes einen «Ort, an dem jetzt und sofort andere Wege, die Welt zu bewohnen, erfunden werden».

Im Europa des 19. Jahrhunderts bildeten sich anarchistische Theorien heraus. Anarchistische Handlungsformen mit ökologischen Ideen entfalteten sich jedoch zu unterschiedlichen Zeiten und an verschiedenen Orten. Die Zapatistas im südlichen Mexiko oder die 2016 gegründete autonome Region Rojava im kurdischen Nord- und Ostsyrien sind nur die bekanntesten Beispiele. Die Menschen dort versuchen, in den Räumen zwischen den Nationalstaaten solidarisch zusammenzuleben und einen nachhaltigen Umgang mit der Natur zu pflegen.

Radikaldemokratische Prinzipien

Der indigene Denker Taiaiake Alfred aus der Gemeinschaft der Kahnawake in Kanada hat einen «Anarcho-Indigenismus» begründet: Darin bringt er die indigenen Prinzipien einer «Verwurzelung auf dem Land» und eines Kampfes für Freiheit und Gerechtigkeit mit einer «antiinstitutionellen, radikaldemokratischen, aktionsorientierten» Philosophie zusammen. Aus Alfreds Sicht befreien die Bewegungen gegen koloniale Unterwerfung und Landraub den Anarchismus aus der Tradition des westlichen Denkens. Sie dekolonisieren den Anarchismus.

Die aktuellen Umweltbewegungen zeichnen sich allerdings durch eine erstaunliche ideologische und strategische Offenheit aus. Angesichts der rasanten Klimaerhitzung stellen sich viele die berechtigte Frage, ob eine kompromisslose Ablehnung staatlicher Massnahmen zielführend ist. Aktivist:innen von Ende Gelände debattieren offen, wie sich Forderungen an den Staat, zum Beispiel nach einem raschen Ausstieg aus fossiler Energie, mit antiautoritären und radikaldemokratischen Prinzipien vereinbaren lassen.

Das bedeutet nicht, dass sie sich damit gänzlich von anarchistischen Prinzipien entfernen. Was den Anarchismus ausmache, meinte Anthropologe Graeber, sei die Überzeugung, dass freiheitliche, solidarische und demokratische Handlungsformen immer wieder dort aufblitzten, wo Menschen ihr Schicksal in die eigenen Hände nähmen und sich gegen Ungerechtigkeiten auflehnten. Anarchistische Praktiken würden immer auch die sich verfestigende Lehre des Anarchismus selbst destabilisieren.

In diesem Sinne ist durchaus zu hoffen, dass der ehemalige Minister Hulot irrt und der Umweltschutz seinen anarchistischen Kern beibehält – damit Menschen in ihren Kämpfen gegen die planetaren Katastrophen über die bestehende Gesellschaftsform hinausblicken und weiterhin kreativ und kollektiv mit anderen Formen des Zusammenlebens auf dieser Erde experimentieren.

Der Historiker Milo Probst forscht an der Uni Basel zum Ökofeminismus und hat zur Geschichte des Anarchismus promoviert. 2021 publizierte er das Buch «Für einen Umweltschutz der 99 %. Eine historische Spurensuche» (Edition Nautilus).
 

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