Nr. 49/2013 vom 05.12.2013

Friedliche bleiche Gestalten

Von Bettina Dyttrich

Illustration: Marcel Bamert

So vieles liegt in diesem Quartier offen da. Unübersehbar, dass der Familienvater von gegenüber keine Arbeit und ein Alkoholproblem hat. Am Morgen schaut er unlustig aus dem Fenster und hält Ausschau nach seinen Kumpels. Am Nachmittag steht er dann unten im Park, und die Bierflaschen reihen sich auf dem Brunnenrand. Aggressiv wird er nie, im Gegensatz zum Bärtigen, der manchmal lautstark mit der Luft schimpft.

Aber traurig ist der Moment, wenn die drei Töchter im Park stehen – alle drei gleich angezogen –, um ihren Vater nach Hause zu holen. Traurig war es auch, als wir im Park sassen und uns ein Eritreer sein Saiteninstrument erklärte, auf dem er wunderschön gespielt hatte, und wenige Meter daneben ein betrunkener Schweizer über die Ausländer wütete, die «nicht einmal lesen und schreiben» könnten. Obwohl, beim Saufen gibt es seltsame Bündnisse. Wenn das Bier ausgeht und nur noch der afrikanische Laden offen ist, wird der Ausländer plötzlich zum besten Freund.

Oft stehen wir am Fenster und erfinden Biografien für unsere NachbarInnen.

Weiter unten an der Strasse liegt der Designerdrogenclub. Am Sonntagmorgen stehen seine BesucherInnen bis Mittag auf dem Trottoir, zu aufgekratzt, um schlafen zu gehen. Manchmal versuchen sie sich zu verprügeln, aber wegen motorischer Schwierigkeiten funktioniert das nicht so gut. Meistens sind es aber friedliche bleiche, existenzialistisch angehauchte Gestalten.

Hinter dem Haus sieht es ganz anders aus. Dort liegen einige Gärten, und Amseln fliegen von Baum zu Baum. Aber wenn jemand den Garten betritt, ist es vorbei mit dem Frieden. Dann stürmen die Schosshunde der Nachbarin mit sich überschlagendem Gebell an den Gartenzaun, und man fürchtet um ihren Blutdruck.

Hinter dem Haus geht es geheimnisvoller zu als vor dem Haus. Auch schon hinterliess jemand nachts Fussspuren im Gemüsebeet. Ein anderes Mal gruppierte jemand die Kakteen auf der privaten Balkontreppe um. Vielleicht war es kein Einbrecher. Vielleicht suchte bloss jemand nach einem Bier.

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