Nr. 17/2020 vom 23.04.2020

«Homeoffice, das ist doch ein Witz»

Eigentlich sollte Kriminalpolizistin Vera Brandstetter dringend duschen. Stattdessen landet sie auf einer Parkbank mit der Nachbarin der verschwundenen Frieda.

Von Stephan Pörtner (Text) 
und Christina Baeriswyl (Illustration)

Brandstetter parkte den Dienstwagen eine Querstrasse von ihrer Wohnung entfernt. Es war einfach wie nie, im Quartier einen Parkplatz zu finden. Sie bog um die Ecke und sah, wie die junge Mutter, die über Frieda wohnte, eilig das Haus verliess. Von oben waren Lärm und Kindergeschrei zu hören, ein Mann brüllte.

Brandstetter, die noch immer die Joggingsachen trug und eigentlich duschen sollte, folgte der Frau. Sie ging ein Stück Richtung Innenstadt und setzte sich an einer Kreuzung auf eine Bank, auf einem dieser unauffälligen, winzigen Plätze in der Stadt, die normalerweise niemand nutzte.

Brandstetter blieb in einiger Entfernung vor dem Schaufenster eines Sanitärgeschäfts stehen, in dem es nichts zu sehen gab. Ihre Nachbarin hielt eine dieser poppigen Aluflaschen in der Hand, nahm einen Schluck, schaute in den Himmel und sass einfach nur da. Brandstetter gab ihr ein paar Minuten, ehe sie zu ihr hinüberging.

Weisswein und Holunder

«Ist hier noch frei?» Sie zeigte auf das andere Ende der Bank, die knapp zwei Meter mass. Die junge Frau verzog das Gesicht und wollte aufstehen. «Erinnern Sie sich nicht? Ich habe vor ein paar Tagen bei Ihnen geklingelt und nach Frieda gefragt.»

«Stimmt, Sie haben Ärger mit Theo bekommen.» Die Frau lächelte unfroh.

«Vera.» Brandstetter streckte ihr den Ellbogen entgegen. «Simone.» Die Frau rückte an den rechten Rand der Bank, Brandstetter setzte sich ans andere Ende.

«Ich würde Ihnen einen Schluck anbieten, aber das geht zurzeit nicht.»

Brandstetter zog ihre eigene Trinkflasche aus der Handtasche, schraubte sie auf und leerte den Rest Wasser aufs Pflaster. Die junge Frau füllte einen Teil der Flüssigkeit um. «Selbstgemischt. Wirkt Wunder.» Sie stiessen an. Es war knapp vor Mittag, das kühle Getränk schmeckte nach Weisswein und Holunder.

«Ich bin auf dem Weg zum Einkaufen. Das ist die einzige Zeit, die ich für mich habe. Zu Hause ist es nicht zum Aushalten. Mark hat sich im Zimmer des Kleinsten sein Büro eingerichtet, Betreuung und Homeschooling bleiben an mir hängen. Als ich gestern dort etwas holen musste, hat er den Laptop zugeknallt, aber nicht schnell genug. Pornos schaut er. Homeoffice, das ist doch ein Witz.» Sie nahm noch einen Schluck. «Kann ich leider nicht machen. Ich arbeite zwei Tage in einer Beratungsstelle, die ist bis auf Weiteres geschlossen.»

«Haben Sie Frieda seit meinem letzten Besuch gesehen?»

«Nein.»

«Haben Sie eine Ahnung, wo sie sein könnte?»

«Ich habe wirklich andere Sorgen. Ich mag sie eigentlich, aber Mark sieht es nicht gern, wenn ich mit ihr rede.»

«Warum denn nicht?»

«Weil sie alles blockiert.»

Brandstetter verstand nicht.

«Das Haus, in dem wir wohnen, gehört einer Genossenschaft, die Marks Eltern vor vierzig Jahren mit den anderen Bewohnern gegründet haben: Theo, Frieda, Hannah und Georg, aber der ist gestorben. Sie waren alle Kommunisten oder etwas in der Art, ziemlich radikal. Sie wollten das Haus der Spekulation entziehen und neue Lebensformen propagieren. Zu Beginn waren sie gemeinschaftlich organisiert, die Zimmertüren wanderten auf den Estrich, auch die vom Bad, es müssen wilde Zeiten gewesen sein, Gäste, Bekannte, Gleichgesinnte und Dahergelaufene wurden über längere Zeit untergebracht, bis es allen zu viel wurde. Irgendwann haben sich die Leute auf die Wohnungen verteilt und die Türen wieder eingehängt. Die Statuten stammen aber noch aus der Gründerzeit und sind äusserst streng, das Haus darf nicht verkauft, mit den Mieten kein Profit gemacht werden. Frieda wacht streng darüber. Als Hannah ein Zimmer auf Airbnb vermietet hat, unterband sie das. Seit Fernando, der die Wohnung neben ihr bewohnt, meist bei seiner Freundin ist, will sie ihn raushaben. Dank ihr sind in den Ladenlokalen im Parterre eine feministische Bibliothek und ein Büro für Zivildienstverweigerer einquartiert.»

«Das ist mir gar nicht aufgefallen.»

«Kein Wunder, da ist auch nie jemand.» Simone schüttelte den Kopf. «Ich bin nicht Genossenschafterin. Mark konnte die Anteile seines Vaters übernehmen, ich kenne die Geschichten nur von ihm. Eigentlich ist es ja super, wir zahlen nicht viel, wir haben einen Garten und konnten die Wände durchbrechen, um unsere Wohnung zu vergrössern. So etwas zu finden, wäre unmöglich.»

Von Balkon zu Balkon

«Nebenan wohnt Ihre Schwiegermutter?»

«Wir sind nicht verheiratet, aber ja, so ungefähr. Cornelia schaut sonst viel zu den Kindern, sie hängen an ihr. Zurzeit dürfen sie nur über das Treppenhaus oder von Balkon zu Balkon miteinander reden. Ich sollte dankbar sein, aber jetzt geht sie mir auf die Nerven. Sie gehört zur Risikogruppe, ich muss für sie einkaufen. Zwei Listen, zwei Körbchen, zweimal zahlen.» Simone nahm einen Schluck und stand auf. «Ich muss, sonst ist zu Hause die Hölle los. Ich hoffe nur, wir überstehen das, als Familie.»

Brandstetter leerte den Inhalt ihrer Flasche in den Rinnstein. Für ihren Besuch bei den Leuten, für die Valeria, die tote Nanny, gearbeitet hatte, brauchte sie einen klaren Kopf.

Dies ist der 6. Teil des Covid-19-Krimi «Lockdown». Den 1., 2. ,3. ,4., 5., 7., 8., 9. und 10. Teil lesen Sie hier:
Lockdown (1): Der leere Balkon
Lockdown (2): Wo ist Frieda?
Lockdown (3): Keine Party, keine Dealer
Lockdown (4): Das Klacken hinterm Zaun
Lockdown (5): Die Frau auf dem Phantombild
Lockdown (7): Zeit für die Kavallerie
Lockdown (8): Als die Einkaufstüte riss
Lockdown (9): Uralte Statuten
Lockdown (10): Ach, die lieben NachbarInnen

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