Nr. 51/2013 vom 19.12.2013

Zürcher Machtverhältnisse

Heiner Busch über polizeilich schikanierte Jugendliche.

Von Heiner Busch

Leute, die behaupten, die Polizei habe sie unrecht behandelt, müssen Dreck am Stecken haben. Polizeiopfer kann es nur in Anführungszeichen geben. Das ist der feste Glaube jener Medien, die immer dann zum Halali blasen, wenn die Staatsgewalt kritisiert wird.

Die Geschichte begann am 19. November 2013 mit einer Veranstaltung in einem Jugendfoyer im Zürcher Langstrassenviertel: «Die Polizei – dein Feind und Helfer. Wie Jugendliche aus den Kreisen 3 & 4 die Polizeikontrollen in ihrem Quartier erleben». Den Anlass moderierte «Tages-Anzeiger»-Redaktorin Monica Müller. Auf dem Podium sassen der städtische Polizeivorsteher Richard Wolff, ein Polizist und eine Polizistin von der Kreiswache, meine Wenigkeit und zwei Jugendliche: Bedran und Gabar erzählten, dass sie an manchen Tagen drei bis vier Kontrollen über sich ergehen lassen müssen, dass die Kontrollen praktisch vor ihrer Haustür stattfinden, dass sie immer wieder ihre Taschen ausleeren und sich auch den polizeilichen Blick in die Hose gefallen lassen müssen und dass es regelmässig die jungen Männer «mit Migrationshintergrund» sind, die diese Behandlung erfahren. Der Polizeivorsteher von der Alternativen Liste, aber auch die beiden PolizistInnen waren erschüttert. Es «brodelt», sagte Richard Wolff und stellte fest, dass «Handlungsbedarf» bestehe.

Die willkürlichen und rassistischen Kontrollen waren nun endlich auf der politischen Agenda – auch dank des Medienechos im «Regionaljournal» von Radio SRF, in der «Neuen Zürcher Zeitung» (online) und natürlich im «Tages-Anzeiger»: «Wir wohnen doch bloss hier, Mann!» war der Titel des Artikels, in dem die Moderatorin die Jungen zwei Tage danach erneut zu Wort kommen liess. Garniert war der Text mit einem Foto, auf dem neben Bedran und Gabar noch vier weitere Besucher des Jugendfoyers zu sehen sind.

Und dieses Foto hatte Folgen: Drei der Abgelichteten waren nämlich an einem tätlichen Angriff beteiligt. Eines der Opfer hat sie auf dem Bild erkannt und Anzeige erstattet. Die mediale Retourkutsche war gleich doppelt bemerkenswert: einerseits weil sie die willkürliche Kontrollpraxis der Polizei implizit rechtfertigte und andererseits wegen der Persönlichkeitsrechte vor allem derjenigen Jugendlichen, die sich wie Bedran und Gabar nichts zu Schulden hatten kommen lassen. Den Anfang machte die NZZ am 3. Dezember 2013 online und tags darauf auch in der Printversion: «Wir delinquieren doch bloss hier, Mann! Drei von sechs Jugendlichen, die sich über angeblich schikanöse Polizeikontrollen beklagten, sind verhaftet worden.» – «Man kann meinen Artikel vor- und rückwärts lesen: Nirgends steht, dass die Podiumsteilnehmer verhaftet wurden», twitterte die NZZ-Autorin ein paar Tage später. «‹Polizeiopfer› sind Verbrecher», schrieb der «Blick am Abend». «‹Polizei-Opfer› sind Wiederholungstäter», hiess es in «20 Minuten». «Drei dieser Unschuldslämmer wurden verhaftet», liess uns die «Blick»-Hauptausgabe am 5. Dezember 2013 wissen. Das Ganze jeweils begleitet von dem ominösen Bild. «20 Minuten» schaffte es immerhin, die Gesichter zu verpixeln.

Zu guter Letzt zog dann auch Richard Wolff den Kopf ein und liess mitteilen, einen «Fehler» begangen zu haben. «Er hat gemerkt, dass er eine Seite zu wenig angehört hat – und zwar die Polizisten», sagte der Polizeipressesprecher am 5. Dezember 2013 im «Tages-Anzeiger». Wir haben verstanden: Die Machtverhältnisse sind wieder gerade gerückt.

Heiner Busch schreibt regelmässig für 
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