Nr. 51/2013 vom 19.12.2013

Auf nassen Matratzen in der Kälte

Über eine Million syrische Flüchtlinge leben im Libanon, zum Teil in improvisierten Camps. Eine riesige Herausforderung für alle Seiten, vor allem mitten im Winter. Ein Besuch in kalten Zelten.

Von Raphael Thelen, Nahiriyeh

Die Haut seiner Hände ist weiss von der Kälte. In billiger Plastikjacke und Gummistiefeln steht Dschihad auf dem schlammigen Vorplatz, um den sich einige Zelte drängen. «Egal wie viel wir tun, es sind eben Zelte», sagt der 33-Jährige. «Die werden bei diesem Wetter nicht warm.» Seit Tagen lässt ein Wintersturm den Libanon im Schnee versinken. Ein beissender Wind kommt von den Bergen herunter, die das Bekaatal einrahmen. Hier, bei der Siedlung Nahiriyeh unweit der Stadt Bar Elias, lebt Dschihad in einem improvisierten Flüchtlingslager. Rund 120 000 Flüchtlinge frieren derzeit in solchen Camps im Libanon.

MeteorologInnen warnten bereits seit Tagen vor dem Unwetter. Schulen wurden geschlossen, die Armee wurde in Bereitschaft versetzt. Abgesehen von einem schmalen Küstenstreifen ist der Libanon von Gebirge geprägt. Die Winter hier oben sind jedes Jahr kalt, doch Sturm Alexa sorgte gar in Jerusalem und Kairo für Schnee.

Vier Kleinkinder erfroren

Dschihad kam vor zehn Monaten ins Camp bei Nahiriyeh. «Der Sommer war heiss, doch das kann man aushalten», sagt er. «Der Winter ist gefährlich.» Hilfsorganisationen haben Holzlatten und Plastikplanen verteilt, damit die Menschen sich Zelte bauen können. Andere haben sich alte Werbeplanen beschafft. Der sinnliche Kussmund einer Kosmetikwerbung spannt sich über das Zelt hinter Dschihad. «Das Problem ist die Feuchtigkeit», sagt er. Die meisten Zelte stehen auf nacktem Boden. Wenn es regnet oder der Schnee taut, sickert das Wasser in die Zelte und durchnässt die dünnen Plastikteppiche und Matratzen. In der Kälte trocknen die Sachen nicht. Vier syrische Kleinkinder sind während des Sturms im Libanon erfroren.

Am Rand des Lagers steht eine Toilettenkabine. Um sie herum hat sich eine knöcheltiefe Pfütze gebildet. Das Grundwasser drückt die Fäkalien aus der Abwassergrube hoch. Durch die Niederschläge wird das Wasser in die Zelte gespült. «Viele hier werden krank, bekommen Fieber», sagt Dschihad.

Muhammad und seine Familie leben in einem der besseren Zelte. Er hatte in Syrien als Maurer und Fliesenleger gearbeitet. Regierungsmilizen schlitzten seinen Arm bis auf den Knochen auf. Er floh; seine Frau fand er erst acht Monate später im Libanon wieder. «Der Arm ist mittlerweile geheilt, doch wenn es kalt wird, schmerzt er immer noch», sagt der 27-Jährige. Muhammad konnte sich Baumaterialien organisieren und dem Zelt ein Betonfundament geben. «Das hält die Ratten und die Nässe ab», sagt er. In der Mitte des Zelts steht ein eiserner Holzofen. Das Abzugsrohr verschwindet durch die Seitenwand. Muhammad greift nach einem Stück lackiertem Pressspan, öffnet die Klappe und bugsiert es vorsichtig in die Flammen. «Wir heizen fast nur nachts, sonst reicht das Holz nicht», sagt er. «Ausser jetzt im Sturm.» Sie wissen, dass ihnen das Holz, das sie jetzt verheizen, später fehlen wird.

Neben Muhammad spielen die beiden Kleinkinder der Familie auf dem Synthetikteppich, Spielzeug haben sie nicht. «Es ist eine Schande, dass die Kinder unter diesen Umständen aufwachsen müssen», sagt Muhammad. An eine Holzlatte hat er Fotos aus besseren Zeiten gepinnt – Muhammad mit breitem Grinsen auf einem roten Motorrad, die ganze Familie vor ihrem Haus. Für das kleine Quadrat Erde, auf dem ihr Zelt steht, zahlen sie jährlich 500 Dollar an den Landbesitzer. Arbeit gibt es nicht. «In drei Monaten ist die Miete wieder fällig, doch wir wissen nicht, wie wir sie bezahlen sollen», sagt Muhammad.

Ungenügende Spenden

Das Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) hat in den letzten Monaten versucht, die Flüchtlingslager winterfest zu machen. 255 000 Decken und 6000 Heizöfen wurden verteilt, dazu 600 000 Essens- und Heizmaterialgutscheine. Doch das reicht nicht. Bis heute gingen nur zwei Drittel der benötigten Finanzmittel ein. Viele Programme werden deshalb zurückgefahren. «Wir müssen in allen Bereichen schmerzhafte Entscheidungen treffen», sagt Roberta Russo, Sprecherin des UNHCR. «Medizinische Versorgung, Bildung, Unterbringung, Sanitäranlagen, in allen diesen Bereichen müssen wir Prioritäten setzen.» Am Montag veröffentlichte das UNHCR seinen bisher grössten Spendenaufruf für den Libanon. Doch das Ziel wird voraussichtlich erneut verfehlt. «Wir wollen nicht sagen, dass die Geber nicht grosszügig waren, doch die Spenden sind nicht im gleichen Umfang gewachsen wie der Bedarf», sagt Russo.

Ein zusätzliches Problem ist, dass die libanesische Regierung keine offiziellen Flüchtlingslager zulässt. Sie ist der Ansicht, dass die Flüchtlingslager der aus Israel geflohenen PalästinenserInnen ein Ursprung des libanesischen Bürgerkriegs waren, bei dem zwischen 1975 und 1991 mehr als 150 000 Menschen umkamen. Auch heute sind die Flüchtlinge wieder vorwiegend SunnitInnen, was das konfessionelle Gleichgewicht im Libanon bedrohen könnte. Doch ohne zentrale Camps steigen die logistischen Kosten.

Das UNHCR hat knapp 1600 «informelle Zeltsiedlungen» identifiziert. In dieser Situation Hilfe zu leisten, überfordert alle. «Ständig kommen Hilfsorganisationen hier vorbei und fragen, was wir brauchen», sagt Flüchtling Dschihad. «Doch dann sehen wir sie nie wieder, obwohl sie versprachen, sich um die Toilette oder den Schlamm zu kümmern.»

Wirtschaftskrise im Libanon

Der Krieg in Syrien hat im Nahen Osten zur grössten Flüchtlingskrise der jüngeren Geschichte geführt. Über eine Million SyrerInnen leben heute im Libanon; vor einem Jahr waren es noch 200 000. In Jordanien und der Türkei ist die Lage ähnlich. 97 Prozent aller syrischen Flüchtlinge sind in Nachbarländern untergekommen. Das UNHCR benötigt 1,7 Milliarden Dollar für Flüchtlinge im Libanon und weitere 165 Millionen Dollar, um die Bemühungen der libanesischen Regierung zu finanzieren. In den vergangenen Jahren hat diese kaum Unterstützung erhalten. Gleichzeitig belastet die politische Krise die Wirtschaft, was die Steuereinnahmen senkt, während die Ausgaben steigen. Im Juni hätten Wahlen stattfinden sollen, doch aufgrund politischer Streitereien kam es nicht dazu. «Es fehlt am politischen Zusammenhalt und am Willen, um einen wirksamen Schutz gegen Korruption aufzubauen», sagt Sami Atallah, Direktor des Lebanese Center for Policy Studies.

«Das Problem ist zum einen der nie da gewesene Umfang der Krise und zum anderen das fehlende Vertrauen der Geber», sagt Atallah. «Sie sind besorgt, dass das Geld veruntreut werden könnte.» Geberländer und -institutionen befürchten gar, dass die libanesische Regierung kollabieren könnte. Was in diesem Fall dann mit den gezahlten Finanzhilfen passieren würde, ist ungewiss. «Vielleicht ist all das jedoch auch nur ein Vorwand für die internationale Gemeinschaft, nicht zu helfen», sagt Atallah. Budgethilfen, die dem Libanon verwehrt bleiben, werden anderen Ländern mit ähnlichen Korruptionsproblemen oft gewährt.

Laut Atallah sollten sich die internationalen GeberInnen darauf konzentrieren, mit den Gemeinden zusammenzuarbeiten. «Sie sind demokratisch legitimiert und näher an den Problemen dran.» Auf diese Weise würde auch den LibanesInnen geholfen, die in vielen Landesteilen ebenfalls unter den Folgen der Krise leiden. Mittlerweile machen die Flüchtlinge ein Fünftel der Bevölkerung aus. Viele arbeiten für niedrige Löhne und verdrängen die Einheimischen auf dem Arbeitsmarkt. Gleichzeitig sind sie eine zusätzliche Belastung für die bereits jetzt überstrapazierte Wasser- und Elektrizitätsinfrastruktur. Das führt zu Spannungen.

«Die Regierung muss eine mittelfristige Strategie für die Krise entwickeln. Sie braucht einen Plan für die aktuelle Krise, den Arbeitsmarkt und die Wirtschaft, denn die Flüchtlinge werden noch einige Jahre hier sein», sagt Atallah.

Die Flüchtlinge Dschihad und Muhammad wollen nur mit ihren Vornamen in der Zeitung erscheinen.

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