Nr. 51/2013 vom 19.12.2013

Gegen den Gegenzauber

Weltweit geht die Zahl der Tuberkulose-Neuinfektionen zurück. Doch in Tansania hat sie sich in den letzten dreissig Jahren verfünffacht. Traditionelle Heiler sind Teil des Problems – und könnten die Lösung bringen.

Von Philipp Hedemann (Text und Foto), Dar es-Salaam

«Ich habe keine Ausbildung. Ich bin von Gott mit heilenden Kräften gesegnet worden. Aber Tuberkulose kann ich nicht heilen. Das müssen Ärzte machen», sagt Samata. Der traditionelle Heiler, der seine PatientInnen in Temeke, einem der ärmsten Stadtteile der tansanischen Hafenstadt Dar es-Salaam, mit Pülverchen, Tinkturen und Gottvertrauen behandelt, ist mit einem gesunden Selbstbewusstsein ausgestattet. Doch im Gegensatz zu vielen anderen Vertretern seiner Zunft kennt er seine Grenzen und überweist TuberkulosepatientInnen an moderne ÄrztInnen. So hat er wohl schon Hunderte Menschenleben gerettet.

«Das funktioniert nicht»

Weltweit erkrankten im vergangenen Jahr 8,6 Millionen Menschen an Tuberkulose, 1,3 Millionen starben, so die Weltgesundheitsorganisation. Im Vergleich zu 2011 bedeutet das einen Rückgang um 100 000 Tote und 100 000 Kranke. Doch in Tansania hat sich die Zahl der Erkrankungen als Folge der HIV-Epidemie in den vergangenen drei Jahrzehnten verfünffacht. Jedes Jahr infizieren sich im ostafrikanischen Land rund 62 000 Menschen.

Heiler Samata behandelt gerade einen Patienten. «Viele meiner Berufskollegen glauben, dass man Tuberkulose bekommt, wenn man von einem Zauberer verwünscht wurde, und dass ein Gegenzauber heilen kann», sagt Samata. «Aber das funktioniert nicht. Die Heiler, die das nicht zugeben, sind Mörder.» Denn die traditionellen Heiler haben immer noch einen grossen Einfluss in Tansania, wie Samatas Patient, Yuma Saidi, erläutert: «Wenn ich krank bin, gehe ich immer erst zu einem traditionellen Heiler. Ihnen vertraue ich mehr als den Ärzten im Krankenhaus. Und es ist billiger», sagt der Maler.

Viele denken so wie Yuma Saidi. Das wissen auch die Mitarbeitenden von Mukikute. Der Verein ehemaliger TuberkulosepatientInnen will dazu beitragen, die Krankheit zu bekämpfen. «Wir haben über fünfzig traditionelle Heiler in der Diagnose von Tuberkulose ausgebildet. Fast die Hälfte aller TBC-Patienten, die im Krankenhaus behandelt werden, werden mittlerweile von Männern wie Samata überwiesen», sagt der Mukikute-Vorsitzende Joseph Samuel Mapunda. Und dennoch werden nach einer Statistik des tansanischen Gesundheitsministeriums bislang nur 76 Prozent der Kranken identifiziert. Oft werden Symptome wie Husten, Fieber, Gewichtsverlust, Kopf- und Gliederschmerzen oder Schüttelfrost als Zeichen einer harmloseren Krankheit abgetan.

Nährboden im Slum

Um auch jene zu erreichen, die weder eine Ärztin noch einen traditionellen Heiler aufsuchen, gehen die ehrenamtlichen MitarbeiterInnen von Mukikute dorthin, wo die Krankheit einen idealen Nährboden findet, in den Slum Keko in Dar es-Salaam. Loi ist so eine ehrenamtliche Mitarbeiterin. Drei- bis viermal in der Woche besucht die 28-Jährige die Tuberkulosepatientin Judith Ernest. Loi muss aufpassen, dass sie auf dem Weg zu Ernest nicht in die Exkremente tritt, die der Regen in die Gassen gespült hat. Vor vier Monaten wurde bei Ernest Tuberkulose diagnostiziert. Damals konnte die 21-jährige alleinerziehende Mutter vor Schmerzen kaum aufstehen, sich nicht mehr um ihre einjährige Tochter Neema kümmern. Seitdem die junge Frau in Behandlung ist, geht es ihr jeden Tag ein bisschen besser.

Loi erinnert Ernest daran, regelmässig ihre Medikamente zu nehmen, bespricht mit ihr, was sie tun kann, um ihre Tochter zu schützen, und wie sie durch Verbesserung der Hygiene und der Belüftung ihrer kleinen Hütte dazu beitragen kann, das Tuberkuloserisiko in den ärmsten Stadtteilen zu bekämpfen.

Die tödlichste Seuche der Welt

Rund ein Viertel aller Tuberkuloseerkrankungen tritt in Afrika auf. Oft in Slums. Nur vierzehn Länder sind noch schlimmer betroffen als Tansania. Weltweit hat keine andere Krankheit mehr Todesopfer gefordert; unter HIV-PatientInnen ist Tuberkulose die häufigste Todesursache. Und trotzdem fehlen nach Angaben des Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria rund 4,8 Milliarden Franken für die Prävention, Behandlung und Erforschung der Tuberkulose.

Ein Grund für das Comeback der Krankheit liegt darin, dass sich immer mehr Menschen mit antibiotikaresistenten Tuberkuloseerregern infizieren. Das passiert auch in Europa. Eine Studie der Universität Kiel kommt zum Ergebnis, dass allein die Behandlung der über 70 000 Krankheitsfälle, die im Jahr 2011 in der EU registriert wurden, im Jahr darauf Kosten von umgerechnet mehr als 654 Millionen Franken verursachte.

Weltweit geht die Zahl der Neuinfektionen seit acht Jahren zurück, seit 1990 konnte die Zahl der Tuberkulosetoten um 41 Prozent gesenkt werden. «Wenn wir in unseren Bemühungen nicht nachlassen, könnte es uns gelingen, Tuberkulose bis zum Jahr 2050 weitestgehend zu eliminieren», sagt Christoph Benn. Der deutsche Arzt ist Direktor für Aussenbeziehungen des Globalen Fonds. Doch damit auch in Tansania endlich die Trendwende erreicht werden kann, müssen noch viele traditionelle Heiler wie Samata und viele Freiwillige wie Loi viel Arbeit leisten.

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