Nr. 02/2014 vom 09.01.2014

Schnelle Börse, langsame Kultur, defensive Politik

Seit Jahren untersucht der Soziologe Hartmut Rosa, wie sich die immer schnelleren Abläufe in der Kommunikation und der Wirtschaft auf die Gesellschaft auswirken. Nun hat er seine Erkenntnisse zusammengefasst.

Von Wolfgang Storz

Hartmut Rosa will die von ihm beklagte Routine der Soziologie verlassen und Fragen in den Mittelpunkt rücken, die Gesellschaft und Menschen bewegen. Denn nur dann, argumentiert er, könne die Wissenschaft Widerhall in der Öffentlichkeit finden. So rückt er die (Allerwelts-)Frage nach dem «guten Leben» in den Mittelpunkt, weil er davon ausgeht, dass diese den Menschen wichtig ist – und formuliert im vorliegenden Essay eine «kritische Theorie der sozialen Beschleunigung». Damit will er an den Gesellschaftskritiken der Philosophen Jürgen Habermas und Axel Honneth anknüpfen. Der eine entwickelte die Theorie des kommunikativen Handelns, der andere die Theorie der Anerkennung.

Die Analyse der Zeitverhältnisse und der Prozesse der Beschleunigung sei in der Wissenschaft wie auch in gesellschaftlichen Debatten bisher sträflich vernachlässigt worden, meint der Autor. Dabei seien diese Prozesse die «treibende Kraft der Moderne». Sogar «Merkmale einer totalitären Herrschaft» wiesen sie auf. Sie durchdrängen alle Lebensbereiche und übten – mit unterschiedlicher Intensität – Druck auf alle Subjekte aus.

Das Diktat der Zeit

Dabei arbeitet Rosa ein bedeutendes Merkmal heraus: Die Zeitverhältnisse, so seine Überlegung, unterscheiden sich grundlegend von politischen, religiösen oder kulturellen Normen und Vorgaben. Denn diese seien erkennbar sozial konstruiert und damit anfechtbar. Die Was-zu-tun-ist-Listen, die Deadlines und engen Zeitpläne – also die Zeitdiktate in ihren vielfältigen Formen – kämen dagegen im Berufs- und Lebensalltag der Menschen wie Naturgesetze daher. Das mache es schwer, sie zu kritisieren – und deshalb unterwerfen sich die Menschen diesem Netz aus zeitlich-sozialen Normen, ohne dies letztlich zu wollen.

Rosas Essay belegt, wie hilfreich sein Ansatz sein kann, gesellschaftliche Entwicklungen differenziert zu analysieren und zu gewichten. So führt Beschleunigung in der Arbeitswelt vermehrt zu Burn-out und Depressionen (siehe WOZ Nr. 44/13); gleichzeitig passen sich jüngere Generationen an, auch indem sie Multitaskingfähigkeiten erproben. Aber nicht überall geht es immer rasanter zu: Während sich der digitale Börsenhandel enorm beschleunigt hat, verändern sich die produzierende Industrie und die Dienstleistungswirtschaft weitaus gemächlicher. Und im Vergleich zum Wandel von Technik und Wirtschaft stehen die Sphären der Kultur und des Politischen praktisch still.

Die Wegwerfgesellschaft

Deshalb, so Rosa, werde die Politik nicht mehr «als Schrittmacher des sozialen Wandels» wahrgenommen, deshalb befinde sie sich in einer anhaltenden Defensive und stehe unter dem Druck, ihr Entscheidungs- und Umsetzungstempo den sehr viel schnelleren Wirtschaftsakteuren anzupassen. So konstatiert Rosa auseinanderfallende Entwicklungen, die wiederum zu gesellschaftlichen Spannungen und Verwerfungen führen. Sein Besteckkasten erlaubt einen anderen Blick auf prägende gesellschaftliche Tendenzen.

Intensiv beschäftigt sich der Autor zudem mit der Frage, wie die soziale Beschleunigung die Entfremdung verstärkt – ein Begriff, dem er neue Bedeutung verleihen will. Der ständige Austausch und Neukauf von Produkten oder der faktische Wegfall von Reparaturen bewirke eine Entfremdung von den Dingen – so wie der kaum noch verkraftbare Überfluss an erfahrungsarmen Erlebnissen, oberflächlichen sozialen Kontakten und Informationen, der Menschen zu Handlungen verführe, die sie nicht wirklich beabsichtigt hätten. Allerdings fehlt den Kapiteln, die er diesen Fragen widmet, merklich die Schärfe und Präzision der anderen Kapitel.

Hartmut Rosa hat ein anregendes Buch vorgelegt, das gerade für interessierte LaiInnen ein guter Einstieg ist, um die Arbeit des Jenaer Soziologen kennenzulernen. Der Essay ist ungeachtet seiner gedanklichen Dichte sehr verständlich und anschaulich geschrieben. Wer allerdings Rosas frühere Werke zu diesem Thema bereits kennt, wird kaum Neues finden.

Hartmut Rosa: «Beschleunigung und Entfremdung. Entwurf einer kritischen Theorie spätmoderner Zeitlichkeit». 
Aus dem englischen Originalmanuskript von Robin Celikates. Suhrkamp Verlag. Berlin 2013. 154 Seiten. Fr. 28.90.

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