Nr. 02/2014 vom 09.01.2014

Tod in Bochuz

Der Prozess gegen drei Wärter des erstickten Häftlings Skander Vogt bringt wohl keine Gerechtigkeit. Aber er zeigte eine eiskalte Welt.

Von Helen Brügger

Am Erscheinungstag dieser WOZ fällt das Urteil im Prozess gegen drei von Skander Vogts Wärtern. Werden sie verurteilt, weil sie am 11. März 2010 den dreissigjährigen Häftling im Rauch eines Zellenbrands sterben liessen?

Für Skander Vogts Schwester Senda Vogt, die den Prozess gegen die Wärter des Waadtländer Gefängnisses Bochuz anstrebte, ist das Gefängnispersonal verantwortlich für den Tod ihres Bruders. Für den Staatsanwalt, der den vierwöchigen Prozess im letzten November führte, ist das nicht bewiesen: Ein Zusammenhang zwischen dem Erstickungstod und der unterbliebenen Hilfeleistung sei nicht schlüssig beweisbar. Tatsächlich mutmassen die beigezogenen Experten: Vielleicht sei Skander Vogt ja nicht erst im Lauf der neunzig Minuten gestorben, während deren die Wärter vor seiner Zelle standen und witzelnd auf Direktiven warteten, sondern gleich in den ersten Minuten, in denen er die hochtoxischen Gase einatmen musste. Da sich keiner der Wärter in die Zelle wagte, wird das niemand je beweisen können.

Der Staatsanwalt sieht im Vorgang, der zu Vogts Tod führte, nicht den Tatbestand einer fahrlässigen Tötung. Er hat jedoch gegen drei Wärter den «Tatbestand der Aussetzung» festgestellt. Gemäss Artikel 127 des Strafgesetzbuchs kann mit einer Gefängnisstrafe von bis zu fünf Jahren bestraft werden, wer einen Menschen, obwohl er ihn in seiner Obhut hat, in einer hilflosen Lage im Stich lässt und ihn dadurch der Gefahr des Todes aussetzt. Wenn es nach dem Staatsanwalt geht, müsste der Vorgesetzte im heutigen Gerichtsurteil zu einer Busse von 3000 Franken bedingt, seine Untergebenen zu einer Busse von 2000 respektive 1000 Franken bedingt verurteilt werden.

Der Prozess war lang und technisch. Und doch erlaubte er einen erschütternden Blick in die eiskalte Welt der administrativen Verwahrung und der Hochsicherheitstrakte, wo jede Revolte eine Strafmassnahme zur Folge hat – und jede Strafmassnahme die Revolte verstärkt. Am Schluss dieser zehnjährigen Spirale der Verzweiflung stand bei Skander Vogt der Tod. Er starb als jugendlicher Rebell, der wegen einer Bagatelle zu ein paar Monaten Gefängnis verurteilt und anschliessend auf unbestimmte Zeit verwahrt worden war – und sich je länger, desto stärker gegen ein Justiz- und Gefängnissystem wehrte, das er nur als absurd und ungerecht empfinden konnte. Denn Vogt galt als gefährlicher Häftling, obwohl er zwar Drohungen ausgestossen, nie aber einen Menschen wirklich tätlich angegriffen hatte. Und niemand, weder das Gefängnispersonal noch ein Gefängnisdirektor, weder ein Sozialarbeiter noch psychiatrische ExpertInnen, hat etwas unternommen, um die Spirale zu unterbrechen.

Bedingte Geldstrafen für einen Erstickungstod: Ist das Gerechtigkeit? Nicolas Mattenberger, Rechtsanwalt von Skander Vogts Schwester, ist schockiert darüber, dass der Staatsanwalt den Zusammenhang zwischen Tod und unterlassener Hilfeleistung nicht als bewiesen gelten lässt. Doch er will auch die positiven Seiten sehen: «Es ist schon ein Erfolg, dass überhaupt ein Prozess stattfinden konnte.» Für die Klägerin und ihn sei heute nicht die Strafhöhe wichtig, sondern die Verurteilung an sich. In erster Instanz war die Untersuchung gegen das Gefängnispersonal eingestellt worden, was Mattenberger damals als «Justiz-Maskerade» bezeichnet hatte.

«Wir haben während dieses Prozesses», so Mattenberger, «das Bild von Skander Vogt korrigieren können. Er war nicht der brutale Rohling, als den ihn die Verantwortlichen und sogar der zuständige Regierungsrat Philippe Leuba beschrieben haben. Er war ein problematischer und verbal gewalttätiger, aber doch intelligenter und sensibler Mensch.» Dank der Klage von Skander Vogts Schwester habe eine Untersuchung stattgefunden und Öffentlichkeit hergestellt werden können. «Wir haben zeigen können, wie tief greifend die Reformen im Justiz- und Gefängnissystem sein müssen, um solche Fälle in Zukunft zu verhindern.»

Falls das Gericht den Anträgen des Staatsanwalts nicht folgt und keine Verurteilung ausspricht, will Mattenberger Berufung einlegen.

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