Nr. 04/2014 vom 23.01.2014

Wie ging das mit den Bermudas?

Manuela Schiller erzählt, wie es war, als Ausländerkind in Dietikon aufzuwachsen, und wie die Schwarzenbach-Initiative dazu führte, dass sie heute den Schweizer Pass besitzt.

Von Noëmi Landolt (Interview) und Andreas Bodmer (Foto)

Manuela Schiller: «Mein Bruder und ich trugen Hosen, die bis zu den Knien reichten. Daran merkte man, dass wir Italienerkinder waren.»

WOZ: Manuela Schiller, letzte Woche hat der Bundesrat angekündigt, dass er in der ganzen Schweiz die Formularpflicht einführen möchte. Vermieterinnen müssen demnach bei einem Mieterwechsel den bisherigen Mietzins offenlegen und eine allfällige Erhöhung begründen. Kann der Anstieg der Mieten so eingedämmt werden?
Manuela Schiller: Wir vom Mieterinnenverband begrüssen natürlich, dass der Bundesrat einen entsprechenden Auftrag an Johann Schneider-Ammann gegeben hat. Die Formularpflicht führt dazu, dass bei Mietzinserhöhungen massgehalten wird. Das zeigen Erfahrungen aus den Kantonen, die die Formularpflicht bereits kennen. Aber der Vorschlag geht nicht sehr weit. Er macht die Mieter lediglich auf ihre Rechte aufmerksam.

Sie fordern weitere Massnahmen.
Der Mieterverband forderte schon länger, dass der Bundesrat auch auf dem Wohnungsmarkt flankierende Massnahmen zu den bilateralen Verträgen ergreift, etwa durch eine staatliche Mietzinskontrolle. Mit der Formularpflicht hat er die mildestmögliche Massnahme gewählt. Mit der alleinigen Bekanntgabe der Bedingungen des vorherigen Mietverhältnisses werden die Aufschläge bei Neuvermietungen ja nicht per se eingeschränkt. Hinzu kommt, dass in der Deutschschweiz Anfangsmietzinse nur sehr selten angefochten werden. Ich vermute, dass der Bundesrat massiv unter Druck steht. Es ist bestimmt kein Zufall, dass er dies nun kurz vor der Abstimmung bekannt gibt.

Sie meinen die Abstimmung über die «Masseneinwanderungsinitiative» der SVP, die den Anstieg der Mietzinsen primär als ein Einwanderungsproblem darstellt.
Der Bundesrat möchte die bilateralen Verträge retten und weiss, dass das ohne flankierende Massnahmen kaum möglich ist. Aktuellen Umfragen zufolge wird die Initiative an der Urne zwar keinen Erfolg haben. Alle Parteien ausser der SVP und sogar der Bauernverband sind dagegen. Dennoch haben alle Angst, dass die Umfragen nicht stimmen könnten – wie zum Beispiel bei der Minarettinitiative.

Sie haben auf dem Blog der Alternativen Liste Zürich geschrieben, dass Sie bis zum 9. Februar täglich ein Gespräch führen und jemanden überzeugen wollen, Nein zu stimmen.
Ich habe es nicht jeden Tag geschafft, denn es kostet ziemlich viel Zeit. Ich habe aber gemerkt, dass viele Leute nicht gerne darüber sprechen. Es ist ihnen unangenehm.

Ihre Eltern waren Einwanderer. Fühlen Sie sich als Seconda besonders betroffen?
Die Diskussionen um die Abschottungsinitiative erinnern mich an meine Kindheit. Mein Vater ist Österreicher, meine Mutter Italienerin. Ich bin in den sechziger und siebziger Jahren als Arbeiter- und Ausländerkind in Dietikon aufgewachsen. Ich begleitete zu jener Zeit andere Italiener ins Stadthaus, um zu übersetzen. Ich erinnere mich, dass es im ersten Stock bei der Einwohnerkontrolle zwei Türen gab, eine für Schweizer und eine für Ausländer. Auch wenn dahinter alle im selben Raum landeten, gab es doch getrennte Schlangen. Ich erinnere mich auch, dass einige Angestellten dort zwar Italienisch sprechen konnten, sich aber weigerten, dies zu tun. «Bei uns wird Schweizerdeutsch gesprochen», sagten sie.

Fremdenfeindlichkeit war sehr präsent, und die Überfremdungsfrage erregte die Gemüter, im Quartierladen, am Stammtisch und auf der Strasse. Mein Bruder wurde immer wieder mal verprügelt, und wir wurden als «Tschinggen» beschimpft.

Dabei hört man Ihrem Namen die italienische Herkunft nicht unbedingt an.
Wir hiessen Putzengruber. Die anderen Kinder mussten von ihren Eltern gehört haben, dass wir «Tschinggen» sind. Und dann war da noch die Sache mit den Bermudas. Darüber muss ich heute noch lachen.

Was für eine Sache war das?
Meine Mutter nähte uns die Kleider jeweils selbst. Die Schweizer waren in Sachen Mode den Italienern immer etwa um zwei Jahre hinterher. Daher waren wir zwar sehr einfach, aber doch moderner angezogen als die Schweizer Kinder. Diese trugen damals kurze Hosen, mein Bruder und ich hingegen trugen Bermudas, die bis zu den Knien reichten. Daran merkte man, dass wir Italienerkinder waren.

Haben Sie heute den Schweizer Pass?
Ja, meine Eltern liessen sich in den siebziger Jahren einbürgern. Der Anlass dazu war die Schwarzenbach-Initiative. Sie wurde 1970 zwar abgelehnt, aber 46 Prozent stimmten Ja. Das hat uns erschreckt. Meine Eltern sagten sich: «Vier Prozent mehr, und wir hätten fortgeschickt werden können. Wo wären wir dann hingegangen?» Wir waren ja weder in Italien noch in Österreich, sondern in Dietikon zu Hause.

Wurden Sie dann zusammen mit Ihren Eltern eingebürgert?
Meine Eltern warteten noch, bis mein Bruder und ich sechzehn Jahre alt waren, damit wir selbst unterschreiben konnten. Es war ihnen wichtig, dass wir einverstanden sind und die Entscheidung mittragen.

Manuela Schiller (56) ist Rechtsanwältin in Zürich und das Kind österreichisch-italienischer ArbeiterInnen. Die Einbürgerung ermöglichte ihr das Jusstudium, da ihr damals als Schweizer Bürgerin doppelt so viele Stipendien zustanden wie den StudentInnen mit ausländischer Staatsbürgerschaft. Das Ausländerrecht gehört heute zu ihren bevorzugten Arbeitsgebieten.

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