Nr. 05/2014 vom 30.01.2014

«Wurden Sie am Gymi politisiert?»

Manuela Schiller erzählt, wie das Kirschstängeli-Einpacken in der Fabrik dazu beitrug, dass sie Anwältin wurde, und wie sie in Chile für drei Wochen berühmt war.

Von Noëmi LandoltMail an Autor:in (Interview) und Andreas Bodmer (Foto)

Manuela Schiller: «Meine erste Demo war eine gegen das AKW Gösgen, und ich erinnere mich, dass wir einmal als Kühltürme verkleidet an einem Grümpelturnier teilnahmen.»

WOZ: Frau Schiller, Sie stammen aus einer italienisch-österreichischen Arbeiterfamilie. Wie kam es, dass Sie Anwältin wurden?
Manuela Schiller: Ich bin die Erste aus meiner gesamten Familie, die studierte. Das Wort «Universität» hörte ich nie bei uns zu Hause. Aus Dietikon ging fast niemand ans Gymnasium, weder Schweizer- noch Ausländerkinder. Wir kamen alle aus der Arbeiterklasse. Ich war gut in der Schule, aber ich wusste nicht einmal, dass es nach der Sek ein Gymnasium gibt. Ich kannte nur das Lehrerseminar und wollte eigentlich auch Lehrerin werden.

Sie gingen aber nie ans Lehrerseminar.
In der zweiten Sekundarklasse arbeitete ich in den Ferien in der Confiserie Sprüngli in Dietikon, wo auch meine Mutter arbeitete. Ich wickelte Kirschstängeli in Zellophan. Neben mir arbeitete ein anderes Italienermädchen, das heute übrigens auch Anwältin ist. Sie war ein Jahr älter und erzählte mir, dass sie nach der Sek ans Gymnasium gewechselt hatte. Ich war damals sehr unglücklich an meiner Schule. Also ging ich nach Hause und sagte meiner Mutter, dass ich auch ans Gymi wollte.

Und nach der Matura studierten Sie Jura?
Ja, ich wusste schon zu Beginn des Studiums, dass ich Anwältin werden wollte. Als Richterin muss man Gesetze anwenden, doch ich bin selbst gegen viele dieser Gesetze. Ich kämpfe lieber dafür, dass jemand davonkommt oder das Recht zu seinen Gunsten ausgelegt wird.

Heute sind Sie als Anwältin von Fussballfans bekannt. Sie vertreten aber auch viele Klientinnen in ausländer- und asylrechtlichen Fragen. Wie sind Ihre Schwerpunkte entstanden?
Während der Gymizeit gab ich Kindern italienischer und spanischer Arbeiterfamilien Nachhilfe. Später unterrichtete ich in Dietikon Deutsch für Italiener an der ECAP, einem von der italienischen Gewerkschaft CGIL gegründeten Erwachsenenbildungsinstitut. Wir nahmen Brechts Gedicht «Fragen eines lesenden Arbeiters» durch. Wir füllten aber auch Formulare für Stellen- oder Wohnungsbewerbungen aus. Schon damals riefen immer wieder Leute aus den Kursen und ihre Verwandten mit Fragen zum Arbeitsrecht und zum Ausländerrecht an. Später kam das Asylrecht dazu.

Haben diese Erfahrungen Sie politisiert?
Ja, bestimmt. Ich war aber als Jugendliche mit meiner Clique auch anderweitig engagiert. In den Siebzigern haben wir für die Wiedereröffnung des Jugendhauses in Dietikon gekämpft, das einige Jahre geschlossen worden war, weil dort Drogen konsumiert wurden. Wir gründeten die Juso Dietikon, die Juso Limmattal und die Gruppe Limmattaler Atomkraftwerkgegner. Meine erste Demo war gegen das AKW Gösgen, mit meinen Schulkolleginnen ging ich an die Pfingstmärsche. Ich erinnere mich, dass wir einmal als Kühltürme verkleidet an einem Grümpelturnier teilnahmen. Und wir gingen an Konzerte. Mein erstes politisches Konzert war ein Auftritt von Inti-Illimani.

Die kenne ich nicht.
Inti-Illimani war eine linke chilenische Band, die Salvador Allende unterstützte. Chile hat mich stark politisiert. Ich weiss noch, wie ich weinte, als ich in den Fernsehnachrichten von Allendes Tod erfuhr. Chile hat mich seither immer begleitet. Ich war auch die Anwältin von Patricio Ortiz. Sagt Ihnen dieser Name etwas?

Ehrlich gesagt nein.
Patricio Ortiz war Mitglied der bewaffneten Jugendorganisation der Kommunistischen Partei, des Frente Patriótico Manuel Rodríguez, die gegen Pinochets Militärdiktatur kämpfte. Mit einem Helikopter gelang ihm mit anderen Ende 1996 die spektakuläre Flucht aus einem Hochsicherheitsgefängnis in Santiago. Über Mexiko kam er in die Schweiz, wo er Asyl beantragte. Die Schweiz benachrichtige Chile und nahm Ortiz in Auslieferungshaft. Wir starteten eine Kampagne, organisierten Demos und Solidaritätsveranstaltungen, sprachen vor dem Nationalrat. Und ich vertrat Patricio Ortiz zudem als Anwältin im Auslieferungsverfahren.

Waren Sie erfolgreich?
Anfang September 1998 ging ich zum ersten Mal nach Chile, um meine Freunde und einen Kongress zum 25. Jahrestag des Putschs zu besuchen. Ich wollte unbedingt am 11. September dort sein, wenn jeweils die grossen Demonstrationen zu Allendes Todestag stattfanden. Just am Tag nach meiner Ankunft gab die Schweiz bekannt, dass Ortiz nicht ausgeliefert werde. Das war der Wahnsinn.

Haben Sie gefeiert?
Es war sehr schön und emotional. Nur wenige Stunden nachdem wir die Nachricht erfahren hatten, begleitete ich befreundete Menschenrechtsaktivistinnen und Juristen ins höchste Gericht von Chile für einen «recurso de amparo», eine Verfassungsbeschwerde, weil sie keine Demobewilligung für den 11. September erhalten hatten. Draussen vor dem Gericht warteten diverse Fernsehteams, und plötzlich stellte mich einer der Aktivisten vor: «Das ist übrigens Manuela Schiller, die Anwältin von Patricio Ortiz.» Da haben sich alle auf mich gestürzt, das vergesse ich nie. Ich gab diverse TV- und Radiointerviews, wurde von Studentenorganisationen aus allen Landesteilen eingeladen. Für drei Wochen meines Lebens war ich berühmt.

Manuela Schiller (56) war zwar Mitbegründerin der Jusos Dietikon und Limmattal, doch während ihres Studiums trat sie aus der SP aus, weil ihr diese zu wankelmütig war. Heute politisiert sie für die Alternative Liste.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch