Nr. 04/2014 vom 23.01.2014

Angst zwischen hohen Gräsern

Die malische Gemeinde Falea muss sich entscheiden, ob eine kanadische Firma auf ihrem Gebiet Uran abbauen darf. Wie geht eine traditionelle Gemeinschaft mit spärlicher Information, innerer Zerstrittenheit und ungewissen Aussichten um?

Von Charlotte Wiedemann, Falea (Text und Fotos)

Die Kinder in Falea legten einander die Arme um die Schultern, wenn ich sie fotografieren wollte. Sie posierten nicht; es war eine beschützende Geste und ein Zeichen von Zusammenhalt.

Falea ist ein entlegener Zipfel im äussersten Südwesten von Mali; ein Hochplateau, das sich nach Guinea hineinschiebt, fruchtbar, bewaldet und reich an Ressourcen – darunter Uran. 17 000 Menschen leben hier, verteilt auf 400 Quadratkilometer, 21 Dörfer und vier Sprachen. Kein Strom, keine befestigte Strasse.

Uranerz verbirgt sich häufig in entlegenen Winkeln dieser Erde, und wer dort lebt, ist besonders schlecht vorbereitet auf das, was nun hereinzubrechen droht. Die FaleanerInnen passten perfekt in das Muster vom leichten Opfer, doch sie sind daraus ausgebrochen. Deshalb war ich im November letzten Jahres gekommen. Es herrschte gerade die Ruhe zwischen zwei Stürmen: Die Probebohrungen waren beendet, nun rüsteten sich alle Seiten für die entscheidende Phase.

Falea empfing mich mit einer idyllischen und sozial eng gestrickten Abgeschiedenheit. Am Fuss eines gewaltigen Kapokbaums mit Wurzeln wie aufrecht stehende Bretter sassen zwei Dutzend Männer, ins Gespräch versunken. Es ging um eine Scheidung; hier sass der männliche Teil von zwei Familienverbänden und verhandelte darüber, wie der Brautpreis zurückzuerstatten sei.

Wie geht eine Gemeinschaft, die so lebt, mit der Herausforderung einer Uranmine um?

Ich blieb zunächst im Hauptdorf, sozusagen Falea City. Die Rundhäuser wirkten wie aus einem Afrikabilderbuch. Der Banco, gestampfter Lehm, ist hier von guter Qualität, die Mauern sind ohne Zutat von Zement glatt und haltbar. Die Dächer kegelförmig, eine Konstruktion aus Bambus und Grasbündeln, nach aussen dunkel, zum Inneren hin von warmem Braun. Mehrere Häuser standen jeweils zusammen innerhalb einer niedrigen Einfriedung: eine Grossfamilie, meist polygam. In den Höfen lagen Getreide und Kräuter zum Trocknen auf Matten. Alles wirkte gut angelegt, harmonisch und sehr einsehbar.

Information durch Zufall

Als eine kanadische Firma vor vier, fünf Jahren begann, in Feldern, Wald und Wiesen gewaltige Löcher zu bohren, verstand niemand, was geschah – und zunächst begehrte niemand auf. Dass es um Uran ging, erfuhren die FaleanerInnen erst spät und beinahe durch Zufall. Landsleute, die aus Falea stammten und in Frankreich arbeiteten, tippten den Namen ihres Geburtsorts in eine Suchmaschine; auf dem Bildschirm erschien die Website eines kanadischen Bergbauunternehmens, Rockgate Capital, das über seine Exploration in Falea informierte. Rockgate brauchte neue Financiers und pries darum den vermuteten Umfang der Uranvorkommen in höchsten Tönen.

Was die internationale Geschäftswelt wusste, war dem Bürgermeister von Falea und dem Gemeinderat vorenthalten worden – auch vom malischen Staat: Die Regierung hatte Rockgate Capital bereits zwei Jahre zuvor eine Genehmigung erteilt.

Niemand weiss, wie diese Geschichte weitergegangen wäre, hätte die Gemeinde Falea nicht ihre Leute draussen gehabt, in einer Welt mit Strom und Internet, mit Zugang zu Informationen und Expertise. Die «Assoziation der Bewohner und Freunde der Gemeinde Falea», im französischen Kürzel ARACF, wurde nun die Operationsbasis einer für Mali neuartigen Kampagne.

Ihr Motor war Many Camara, Professor für Soziologie und Anthropologie, in Falea schlicht «Le Professeur» genannt. Bewaffnet mit Notizblock und einem kleinen Hütchen, das ihm einen irreführend harmlosen Anstrich gab, dokumentierte er zunächst, was in der Abgeschiedenheit von Falea geschehen war. Eine alte Landepiste war bis in die Nähe der Schule erweitert worden. Die Piste stammte aus den achtziger Jahren; damals hatte die französische Staatsfirma Cogema (heute Areva) das Hochplateau inspiziert und Vorkommen von Uran, Kupfer und Bauxit entdeckt. Nun wurde die Piste genutzt, um wöchentlich Erzproben zur Analyse nach Südafrika zu fliegen. Sie führte so dicht an der Schule vorbei, dass bei einem ungeschickten Landemanöver Äste auf den Schulhof flogen. Bohrlöcher lagen mitten in Erdnussfeldern und Weidegebieten; Vieh stürzte hinein. Andere Tiere verendeten, nachdem sie Wasser aus den Bohrlöchern getrunken hatten. Die Bauern und Bäuerinnen waren ratlos und besorgt.

So also hatte alles begonnen.

Bis zum Zeitpunkt meines Besuchs war die Zahl der Bohrlöcher auf 500 gewachsen, manche bis zu 300 Meter tief. Oberflächlich waren sie bereits wieder von Faleas reicher Vegetation verdeckt, aber was geschah mit dem unterirdischen Netz der Gewässer?

Falea profitiert von grosser biologischer Vielfalt und von einer Feuchtigkeit, die für malische Verhältnisse geradezu paradiesisch ist. Wo nicht gejätet wird, stehen die Gräser mannshoch. Die Nächte sind kühl, morgens fällt starker Tau, das trägt zum Gelingen der Landwirtschaft bei. Die FaleanerInnen sind zwar arm, aber sie können sich ernähren von dem, was ihre Heimat hergibt; sie haben Reis, Mais, Hirse, Gemüse; die braunen Rinder sind gut genährt.

Um zu wissen, wie sich die Umwelt bereits durch die Folgen der Bohrungen veränderte, war eine Analyse der Ausgangssituation nötig. Auf Bitten der Assoziation half ein französisches, auf Radioaktivität spezialisiertes Ökoinstitut, in Falea eine sogenannte Nullpunktstudie zu realisieren. Die Stadt Genf finanzierte die Installation eines lokalen Radios: Falea hatte nun endlich ein Kommunikationsmittel, das auch die kleineren Dörfer erreichte. Bildungsprogramme begannen, in vier lokalen Sprachen und mit der linguistischen Herausforderung, Wörter wie «Millisievert», «Radionukleide» und «Gammastrahlen» in die Gedankenwelt von Menschen zu übersetzen, die meistenteils keine Schulbildung haben.

In einer Welt ohne Fernsehen und Kino waren es jedoch vor allem Bilder, die einen nachhaltigen Schock auslösten: ein Dokumentarfilm über die Zustände im Nachbarland Niger. Nach vier Jahrzehnten Urantagebau durch Areva leidet die Minenregion dort unter grossflächiger Verseuchung – und das Land ist bitterarm geblieben. Uran im Wert von mehr als 3,5 Milliarden Euro verliess Niger, während jährlich 2500 nigrische Kinder an Unterernährung sterben.

Wer den Film sah, hatte fortan Angst um die Heimat.

Eine Brücke zum Preis einer Uranmine

Acht Monate im Jahr, während der Regenzeit und danach, ist Falea eine Enklave. Dann kreuzt ein Fluss die lehmige Strasse, die in die nächste Stadt führt, neunzig Kilometer entfernt. Fünf Stunden auf holpriger Piste, so war auch ich angereist. Zunächst in einem gemieteten Pick-up, für Einheimische viel zu teuer. Wir nahmen einen älteren Mann aus Falea mit; er war in Bamako operiert worden, hatte seine Habseligkeiten in ein Tuch geknotet und hielt sich krampfhaft am Armaturenbrett fest.

Dann kam der Fluss, ein braunes Gewässer, das wir in einer schmalen Holzpiroge überquerten. Das wacklige Boot bietet Platz für ein einziges Moped, so wird normalerweise alles nach Falea geschafft.

Der Staat hat seit Jahren eine Fähre versprochen, doch es fehlt nun am Geld, die Lehmpiste so zu erweitern, dass die Fähre herbeigeschafft werden kann. Wenn die Mine in Betrieb geht, dann, so die Ankündigung der Leute von Rockgate Capital, würden sie eine Brücke und eine Strasse bauen! Das ist verlockend. Wie widersteht man einer solchen Verlockung? Wir können uns nicht vorstellen, wie das ist: dringend eine Brücke zu brauchen, aber sie nur zu bekommen um den Preis einer Uranmine.

Jenseits des Flusses ging die Piste bergauf und wurde noch rauer. Wir hatten aus der Stadt zwei Kanister Benzin mitgebracht, das nun einen Geländewagen befeuerte. Er gehört der Assoziation; deutsche SympathisantInnen hatten dafür zusammengelegt. Der Wagen war erst seit sechs Monaten in Falea und hatte schon Leben gerettet. Vorher mussten Kranke und Hochschwangere über all die Steine und durch Bäche hindurch auf dem Rücksitz eines Mopeds zum Fluss geschafft werden. Am anderen Ufer wartete dann der Krankenwagen auf jene, die es dorthin schafften.

Der Bürgermeister von Falea hatte so seine Frau verloren. Ihre Wehen kamen vorzeitig, er selbst war auswärts, auf der anderen Seite des Flusses. Er mobilisierte den Krankenwagen, wartete dann voller Qual am Fluss. Er wartete vergeblich. Mallé Camara ist ein zierlicher Mann in einem glänzenden hellblauen Gewand. Camara, so heissen hier viele. Mallé Camara ist Bauer und seit zehn Jahren Bürgermeister; er besitzt Ehrgeiz, will sich erneut zur Wahl stellen.

Ich sprach mit ihm in Faleas bescheidenem Rathaus. Der Sitzungsraum war mit zwei grossen Nationalflaggen dekoriert, eine hing an der Wand, die andere bedeckte die Tische wie eine überdimensionierte Decke. Sonst besass das Rathaus nicht viel. In Camaras Büro lag hier und da ein Papier. Aber dass es überhaupt ein Rathaus gab, das gehe auf ihn zurück, sagte er, und auch dass die Schule nun sieben Klassen habe statt wie vorher nur drei. Dies war messbarer, sichtbarer Erfolg. Aber was ist Erfolg, wenn es um eine Uranmine geht? Die Mine verhindern? Oder die Brücke bekommen?

Bürgermeister Camara war unter den Ersten, die eine Erklärung gegen die Mine unterschrieben, wie später alle zwölf Bürgermeister des Landkreises, zu dem die Gemeinde Falea gehört. Der Landkreis wird bereits von sieben Goldminen geplagt, sämtlich unter ausländischer Kontrolle. Gleichwohl wirkte der Bürgermeister unentschieden. Vermutlich hatte ihn die einseitige Parteinahme der malischen HauptstadtpolitikerInnen zunächst in die Opposition getrieben. Einmal kam der Bergbauminister mit zwei Geländewagen voller JournalistInnen und rieb sich Uranproben ins Gesicht: Seht her, so ungefährlich ist das! Dann reisten drei Abgeordnete an, angeblich, um sich zu informieren, aber sie übernachteten statt bei der Bevölkerung im Camp der Kanadier. «Das war nicht gut», sagte der Bürgermeister. Er sähe es gerne, wenn ihm etwas von der Last der Entscheidung abgenommen würde; aber wie sollte das gehen, wenn sich jene, die doch mehr Überblick haben mussten als er, so wenig für die Sorgen an der Basis interessierten?

«Was will die Mehrheit in Falea?», fragte ich ihn. «Wir sind hier sehr abgeschnitten», antwortete Camara vorsichtig. «Die Bevölkerung weiss nicht, was die Wahrheit ist. Wenn die Assoziation sagt, der Abbau ist zu gefährlich, dann stimmen die Leute zu. Aber wenn morgen jemand sagt, Uran ist der Ausweg aus der Armut, dann stimmen sie auch zu.»

Vor dem Rathausfenster ohne Glas begannen Kinder ein Fussballspiel; sie schauten ab und an zu uns herein. Dämmerung fiel. «Ich bin nur ein Buschbürgermeister», sagte Camara abrupt, «ich habe kein hohes intellektuelles Niveau. Ich weiss nicht, was wir tun sollen.» Er schloss die eisernen Fensterklappen, das stromlose Rathaus wurde stockfinster, ich tappte blind hinter Camara hinaus.

Junge wollen nicht mehr auf die Felder

Am nächsten Morgen traf ich die Parajuristes, eine Art BarfussjuristInnen, obwohl sie Schuhe trugen. Elf Männer und vier Frauen aus der Umgebung hatten einen Kursus absolviert, um ihr Wissen über die Grundrechte der Bevölkerung dann an andere weiterzugeben. Was steht im Bergbaugesetz, welche internationalen Konventionen hat Mali unterzeichnet?

Die Männer sprachen französisch und brachten Aufzeichnungen in Schreibblöcken mit. Die Frauen kamen mit leeren Händen, sie hatten keine Schulbildung, sprachen kein Französisch und schwiegen bescheiden. Als ich insistierte, sie durch Übersetzung einzubeziehen, entpuppte sich die Älteste von ihnen als resolute Kämpferin.

Die 65-jährige Bäuerin Adama Camara, Mutter von acht Kindern, hatte ihre Autorität in der Schule des Lebens erworben. Als Frau eines Gendarmen lebte sie an vielen Orten und kam schliesslich als Witwe zurück nach Falea. «Es wird hier niemals ein Einverständnis der Bevölkerung zum Uranabbau geben», sagte Camara mit grösster Entschiedenheit. «Wir werden alles tun, um den Abbau zu verhindern. Denn der Nutzen, den der Abbau vielleicht bringt, kann unsere Krankheiten niemals aufwiegen.»

Sie war Präsidentin der Frauenorganisation Yeredemeton, Verein Selbsthilfe. Die Frauen bauten Gemüse an und hatten es sich zur Aufgabe gemacht, die Wasserqualität im nahen Bach zu beobachten. Ich begleitete die Frauen zu ihren Feldern. In der Nähe war ein Bohrloch, gut zwei Meter im Durchmesser, nun mit Ästen, Erde und Steinen verschlossen. Adama Camara war überzeugt, dass die Ernten bereits gelitten hatten durch eine Verseuchung des Wassers. «Seitdem diese Firma hier arbeitet, gibt es auch mehr schwierige Schwangerschaften.» Ich hatte das Gefühl, dass sie aus lauter Sorge manches, was in Zukunft drohte, bereits in der Gegenwart sah. Aber wie war zu entscheiden, wo die Grenze lag?

Die ältere Generation, die Lebensweise und Kultur bewahren wollte, schien sich eher gegen die Uranmine zu stellen als die Jüngeren. Von denen wollten viele nicht mehr auf den Feldern arbeiten, hörte ich; sie hofften auf andere Einkommensquellen, durch Goldsuche oder womöglich in einer Uranmine. «Ein Teil der Jugend lässt sich durch die Firma anziehen», bestätigte Adama Camara. «Aber ich sage: Wer die Uranmine will, will den Tod und das Verschwinden von Falea!» Die anderen schwiegen betroffen.

«Das sind ungehobelte Rohlinge»

Den Weiler Kotoré konnte ich nur zu Fuss erreichen. Erst bergauf durch Wald und hohe Gräser, dann schlängelte sich ein Fusspfad über Erdnussfelder. Dies ist der Weiler von Boukary Keita, dem traditionellen Dorfchef und Hüter des kulturellen Erbes, wozu auch die Spiritualität gehört. Keita ist ein hochgewachsener Mann, sein Gang so elegant, dass sich das weisse lange Gewand bei seinen Schritten kaum bewegte. Sein Gewehr war mit einer Kaurimuschel geschmückt.

Keita setzte sich und sagte bündig: «Gold ist seit dem Altertum bekannt, aber Uran nicht. Wir kennen das nicht und wollen das nicht. Das ist wie ein Essen, das man nicht kennt und nicht will.» Er lächelte. Keita war zwei Jahre zur Schule gegangen; sein Französisch hatte er als Arbeitsmigrant in Guinea und Senegal erlernt.

Wir sprachen über die heiligen Orte. Die Assoziation, in der Keita ein wichtiges Mitglied ist, hatte im letzten Moment einen Ort retten können, der von der Landepiste bedroht war. Einen Ort, der nicht allen zugänglich sein durfte. Dort beteten Frauen in bestimmten Situationen, die der Hüter des Erbes nicht näher erläuterte. Für Keita waren die Uransucher ein Inbegriff von Unkultur. Sie hatten das allein schon durch ihre Missachtung malischer Sitten bewiesen. Wer immer etwas in Faleas Erde machen wollte, hätte zuerst zu ihm kommen müssen, dem traditionellen Chef. «Das sind ungehobelte Rohlinge», sagte Keita verächtlich.

So betrachten alle in Falea das Uranprojekt aus einem anderen Blickwinkel. Der Bürgermeister zaudert zwischen Sorge und Ehrgeiz, die Bäuerin sieht Krankheit und Tod heraufziehen, der Hüter des Erbes kann die Missachtung malischer Kultur nicht verzeihen.

Der Widerstand gegen die Uranmine ähnelt einer Pyramide: an der Basis Menschen wie Boukary Keita, die den Zaudernden ein Vorbild sein sollen. In Bamako ein gutes Dutzend AktivistInnen, die den Kontakt zu den Behörden halten. In Frankreich die Externen, die um Solidarität in Europa werben. Und dann die ausländischen UnterstützerInnen, die mit Expertise und Geld helfen: in der Schweiz das Forum Civique, das Mali schon seit Jahrzehnten verbunden ist, in Deutschland das Uranium-Network und die Rosa-Luxemburg-Stiftung.

Kompetenzen für den Staat aufbauen

Dies ist der erste Versuch, in Mali systematisch eine Gegenmacht aufzubauen. Dazu gehört auch eine neue Art der Begegnung von Staat, Bevölkerung und organisierter Zivilgesellschaft: Die Assoziation der MinengegnerInnen will die Sachkompetenz des malischen Staats verstärken, damit er dem Druck von Wirtschaftsinteressen besser standhalten kann; zugleich gilt es, die BürgerInnen gegen die Macht des Staates zu stärken. Eine hochkomplexe Aufgabe.

«Mali ist auf einen Uranabbau überhaupt nicht vorbereitet», erklärte mir Many Camara. «Der Staat hat keinen einzigen Uranexperten, keinerlei Messinstrumente, keinerlei Grundwissen über Radioaktivität. Wir müssen als Zivilgesellschaft viele Kompetenzen entwickeln, weil der Staat in seiner eigentlichen Aufgabe versagt.»

So wurde das Internationale Konferenzzentrum in Bamako drei Tage lang zur Bühne nuklearkritischer Expertise. WissenschaftlerInnen und Betroffene aus Gabun, Namibia, Niger, Kongo, Sambia, den USA, Indien, Südafrika und Kanada beschrieben die Auswirkungen des Uranbergbaus. Auf Drängen der Assoziation entstand später ein Beirat, in dem sich alle beteiligten Behörden abstimmen sollen: Bergbau, Umwelt, Gesundheit. Manche BeamtInnen schätzen die Informationen durchaus, die von den UrangegnerInnen zur Verfügung gestellt werden.

Und doch kämpft das Häuflein von AntiminenaktivistInnen in Bamako gegen immer neue Unwägbarkeiten. Uranfirma und Staat veröffentlichen sich widersprechende Informationen – ist das Taktik? Oder sollen die Erfolgsmeldungen auf der Website des Unternehmens vielleicht nur den Aktienkurs hochtreiben? Was bedeutet es, wenn nun die Rockgate-Aktien von einer anderen kanadischen Gesellschaft, Denison Mines, aufgekauft werden? Und wie beeinflusst der Weltmarktpreis für Uran das Schicksal von Falea?

Als ich Falea verliess, begannen die Vorbereitungen für eine Volksbefragung. In einer geheimen Wahl sollen sich die BewohnerInnen der 21 Dörfer für oder gegen die Uranmine entscheiden. Die Assoziation der MinengegnerInnen hofft, dass der Widerstand auf diese Weise mit einem machtvollen Votum der Basis abgesichert wird. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Dass die Assoziation mit ausländischer Hilfe so viel auf die Beine stellen konnte und Kranke nun sogar von einem veritablen Geländewagen profitieren, das hat einen Nebeneffekt, wie er aus der konventionellen Entwicklungshilfe bekannt ist: Opportunismus. Ich hörte von mehreren Seiten: Es gibt Leute, die für die Mine sind, sich aber für die Assoziation aussprechen.

Zu den OpportunistInnen gehört Mamadou Alpha Diallo nicht. Er lebt in einem weiter entfernten Dorf, ist dort im Dorfrat aktiv und sagte mir: «Wir wollen, dass die Uranfirma zu uns kommt.» Diallo, ein schmaler, behutsamer Mann im kornblumenblauen Gewand, äusserte sich unmissverständlich. «Wir wollen ein Schulgebäude, eine Strasse und Trinkwasser.» Und viele junge Leute seines Dorfes sollten in der Mine Arbeit finden. «Das ist das Wichtigste. Über den Rest weiss ich wenig.»

Ich verliess Falea am frühen Morgen. Die hohen Gräser waren schwer von Tau.

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

Unterstützen Sie den ProWOZ

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Unterstützen Sie die WOZ als Ganzes mit einer Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr

Drücken Sie ihr Interesse am Text Angst zwischen hohen Gräsern aus und tätigen Sie eine spezifische Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr