Nr. 05/2014 vom 30.01.2014

Nostalgie der langen Haare

Diskussionswürdige Frisuren

Von Pedro Lenz

Vor ein paar Wochen begegnete ich im Wirtshaus einem älteren Herrn, der in meiner Kindheit ein Fussballer mit beachtlichem Talent aus meiner Gegend gewesen war. In seiner Aktivzeit als Goalgetter hatte er sehr lange Haare gehabt. Inzwischen war er fast kahl. «Auf dem Platz waren die langen Haare dein Markenzeichen», erinnerte ich mich. «Klar!», lachte er, «dabei war ich längst nicht der Einzige. Bei uns spielte mindestens die halbe Mannschaft mit Haaren, die so lang waren, dass man aufpassen musste, nicht draufzustehen.» – «Übertreibst du jetzt nicht?» – «Höchstens ein kleines bisschen. Wer seinerzeit keine langen Haare trug, war ein Angepasster. Und das wollten wir unter keinen Umständen sein.»

Wir tranken und redeten einen Abend lang über langhaarige Fussballer. Wir begannen bei den Deutschen Günter Netzer und Heinz Flohe, kamen auf den Glarner René Botteron vom FCZ zu sprechen, nahmen einen Umweg zu Antonio Camacho von Real Madrid, wechselten den Kontinent, schwärmten von Mario Kempes, machten einen Zeitsprung und erinnerten uns an Alain Sutter an der WM 1994, gingen zurück in die siebziger Jahre, redeten über die Holländer Ruud Krol und Johnny Rep, wechselten, nun immer sprunghafter werdend, zu Wolfgang Overath, César Luis Menotti und Ewald Lienen und kamen endlich in der Neuzeit an.

«Jede Epoche hat ihre langhaarigen Fussballer», sagte der ehemalige Regionalstar. «Selbstverständlich», gab ich zur Antwort. Doch dann schauten wir uns lange an und merkten, dass das möglicherweise gar nicht stimmt.

Es gibt fast keine langhaarigen Fussballer mehr. «Warum gibt es sie nicht mehr?», fragte mein Tischgenosse traurig. «Ja, warum eigentlich?», fragte ich zurück. Vielleicht sei das Spiel einfach zu schnell geworden, gab er zu bedenken. Lange Haare seien bei den heutigen Anforderungen an einen Fussballprofi nicht mehr angebracht. Vielleicht habe es auch mit den Trainingsmethoden zu tun, warf ich ein. «Die langen Haare sind nicht kompatibel mit den Kraftmaschinen!» – «Zlatan Ibrahimovic hat doch ziemlich lange Haare?» – «Ja, aber er bindet sie zusammen, damit sie nirgendwo hängen bleiben.» – «Immerhin versucht Ibrahimovic, an der Tradition der langen Haare festzuhalten.» – «Und was ist mit Diego Forlán oder Carles Puyol?» – «Die zählen nicht, die sind schon fast zurückgetreten.»

Ob er sich noch an den argentinischen Nationaltrainer Daniel Passarella erinnere, fragte ich ihn. Sicher, der habe als Spieler im Weltmeisterteam von 1978 gespielt, aber mit kurzen Haaren. Ja, das stimme, gab ich zu. Doch als er später Nationaltrainer geworden sei, habe er von seinem damaligen Mittelfeldstar Fernando Redondo verlangt, er solle die Haare schneiden. «Er wollte keine langhaarigen Spieler in der Nationalmannschaft dulden.» – «Und was ist dann passiert?» – «Redondo hat sich geweigert, seine Frisur zu ändern, und durfte nie mehr in der Nationalmannschaft spielen.» – «Und ohne den langhaarigen Redondo holten die Argentinier keinen Blumentopf!», stellte mein Tischgenosse richtigerweise fest. «Passarella war ein Fascho!» – «Vielleicht war er kein Fascho, sondern bloss ein Spiesser.» – «Gut, aber ein Spiesser und ein Fascho sind fast dasselbe.» – «Das ist wohl auch nicht ganz falsch.»

Gerne will ich zugeben, dass das Gespräch allmählich seine philosophische Tiefe verlor. Trotzdem blieb es kurzweilig, weil uns noch Dutzende von ehemaligen Stars mit langen Haaren einfielen und weil wir zu jedem von ihnen die eine oder andere Anekdote zu erzählen wussten.

«Worüber werden sich die Kinder von heute unterhalten, wenn sie in einigen Jahrzehnten auf die gegenwärtigen Stars zurückblicken?», fragte mich der ehemalige Regionalstürmer, während er sich an den wenigen Resthaaren kratzte. «Sie werden nicht über lange Haare reden können.» – «Es ist ein Jammer.»

Pedro Lenz ist Schriftsteller und lebt 
in Olten. Sein liebster Langhaarspieler 
ist der Argentinier Mario Kempes, WM-Torschützenkönig 1978.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch