Nr. 21/2015 vom 21.05.2015

Spritzigkeit und Melange

Rockmusik im österreichischen Dialekt feiert derzeit Erfolge: Doch vom Mackertum bei Wanda zur Zerbrechlichkeit von Ernst Molden & Der Nino aus Wien spannt sich der Bogen weit.

Von Timo Posselt

Mit bedingt einsatzbereiter Flagge: Ernst Molden & Der Nino aus Wien bieten mit «Unser Österreich» eine Wundertüte der Entdeckungen für Spätgeborene. Foto: Ronnie Niedermeyer

Der Erfolg dieser Band kann Angst machen: Wanda, fünf Jungs in Lederjacken und halb offenen Hemden, singen von Schnaps, der Liebe und Frauen. Eigentlich hat man das schon tausendmal gehört, doch irgendetwas machen die anders. Natürlich, da ist der alte Hut mit dem sympathischen Dialekt. Wienerisch singen Wanda zwar nicht, doch werden die Vokale hier nach Wiener Art verbogen – immer schön im Rahmen des Verständlichen. Dazu kommt eine einnehmende Spritzigkeit: Die zwölf Songs auf dem Debüt «Amore» klingen wie hingeworfen. Dahinter scheinen sich keine markttheoretischen Überlegungen über ein etwaiges Hitpotenzial oder das megalomane Ego eines Oasis- oder Strokes-Restpostens zu verstecken.

Genau mit dieser Unverfrorenheit erreichen Wanda auf «Amore» eine unverschämte Eingängigkeit, die in ihrem Hit «Bologna» gipfelt. Plötzlich summt man mit, auch zu Zeilen wie in «Luzia»: «Mein Glied unterwirft sich der Diktatur deines Mundes, Baby.» Und hier knackt es im Ohr: Unter dem Deckmantel einer Gar-nicht-so-gemeint-Ironie feiert dieser Männergesangsverein eine neue «Hodigkeit» (Hazel Brugger), die im Pop längst überwunden war. «Es ist eh höchste Zeit, dass endlich wieder jemand in Liedern Frauen ‹Baby› nennt», jauchzt dazu die österreichische Gratispresse.

Im Zwielicht des Gefühls

Ja, Panik, beispielsweise, waren da schon mal weiter. Während diese politische Haltung zeigen in Zeiten, in der die Welt durch Krisen, Konflikte und Fluchten in den Angeln knarrt, geben Wanda die Rockerpose und einigen sich auf die profanste Formel: «Wenn jemand fragt, wofür du stehst, sag für Amore, Amore!» Im Gespräch mit der rechtshetzerischen «Kronenzeitung» sagt Sänger Marco Michael Wanda dazu: «Ab jetzt denken wir ganz gross. Wir wollen die breite, breite Öffentlichkeit erreichen. ‹Amore› ist schliesslich ein Begriff, der niemanden ausschliesst.»

«Da wird mit Kunst wieder einmal nationale Selbstbestätigung betrieben», gab Andreas Spechtl, der Sänger der mittlerweile von Wien nach Berlin gezogenen Ja, Panik zurück. «Und niemand von den Protagonisten wehrt sich wirklich dagegen. Weils ja auch eine gut funktionierende Marke ist.»

Statt den alten Machismo der Musikhistorie wiederzubeleben, hätte man den Defibrillator auch woanders ansetzen können: So geschehen bei Ernst Molden & Der Nino aus Wien auf ihrem Album «Unser Österreich». Aus dem Liedgutfundus des sogenannten Austropop, wie die in österreichischer Mundart gesungene Musik heisst, die in den siebziger Jahren besonders populär war, wählten sie zwölf «sehr persönliche Lieder» aus. Sie spielten sie reduziert, oft fast nur mit Akustikgitarren und Gesang, wieder ein. André Heller, Wolfgang Ambros, Georg Danzer, Ludwig Hirsch, Sigi Maron und Falco zollen die beiden mit Neuinterpretationen Tribut. Statt Wandas Spritzigkeit ist «Unser Österreich» von einer melancholischen Melange durchzogen.

Was, wenn man weit in die Kulturgeschichte blickt, erstaunliche Kontinuität aufweist. Robert Musil sprach vor fast hundert Jahren in seinem Roman «Der Mann ohne Eigenschaften» von einem «Zwielicht des Gefühls», als er die Wiener Gemütsverfassung beschrieb. «Diesen Menschen war alles zugleich Unlust und Lust.» Musils Beschreibung flackert auf, wenn Ernst Molden und Nino Mandl (wie Nino mit bürgerlichem Namen heisst) mit den Zeilen anderer die Wiener Eigenart des «Fortwurstelns» besingen. So zum Beispiel in den beiden Songs von Wolfgang Ambros «Wie wird des weitergehn» und «Espresso». Das eine beschreibt mit Weltschmerz, wie die Perspektivlosigkeit den Protagonisten schleichend einholt, bis er sich selbst vor den Bäumen vor dem Fenster «fiacht». Das andere schöpft aus der «Leere die Poesie», wie Molden selbst sagt, und findet zu metallen scheppernden Gitarren eine Sprache für die spezifisch «wienerische Art des Zeittotschlagens». Es schliesst sich der Bogen zu Musils Gleichzeitigkeit von «Unlust und Lust».

Der Schmäh fehlt

Etwas, was als integraler Bestandteil des musealen Austropop betrachtet werden kann, fehlt jedoch auf «Unser Österreich» weitgehend: der «Schmäh». Eine Ausnahme ist die Version von Georg Danzers «Vorstadtcasanova», worin das machoide Schürzenjägertum des Protagonisten anders als bei Wanda deutlich ironisch gebrochen und schliesslich als pubertäre Fantasie entlarvt wird. So heisst es am Ende: «Ge Koarl gib uns zwa Cola-Rot, aber für Erwochsene bitte, gö!»

Dennoch findet man auch bei den beiden Barden unironisch Mackerhaftes (wie beispielsweise in «Der Zwerg» von Ludwig Hirsch), was vor allen Dingen an den teilweise miefigen Lyrics aus dem letzten Jahrhundert liegen mag. Bedient haben sich die beiden auch bei André Heller. «Und dann bin i ka Liliputaner mehr» leiten sie wie Heller einst mit der Mundharmonika ein, doch nehmen ihr mit dem Verzicht auf Streicher und Piano das Pathos der grossen Bühne. Damit holen sie das Stück runter zum imaginierten Lagerfeuer und singen es im Zwiegesang zum besten Song der Platte.

Ähnlich gut gelingen ihnen die Neuinterpretationen von Falco. Während Letzterer den «Nachtflug» noch mit seinem eigentümlich hervorgestossenen Sprechgesang darbot, zögert Nino Mandls Gesang unaufgeregt. Was erst irritieren mag, wird schliesslich zum Gewinn: Die coole Tanznummer verliert ihr mitnickbares Tempo und wird untermalt mit Moldens Gitarrensoli zur tagträumerischen Ballade – und damit zur regelrechten Aneignung, die die Brüchigkeit von Falcos Text freisetzt.

Natürlich fehlen auf «Unser Österreich» auch einige schmerzlich, allen voran Georg Kreisler. Ein paar bärbeissige Töne von links, wie man sie vom vor fast vier Jahren verstorbenen Dichter, Sänger und Komponisten kennt, hätten zwischen die Melancholie und Menschunfreundlichkeit der Platte gut gepasst. Auch Arik Brauer sucht man vergebens. Sei es drum, schliesslich ist die Auswahl höchst subjektiv, was «Unser Österreich» zur starken Reprise für frühe Austropop-Angefixte und zur Wundertüte der Entdeckungen für Spätgeborene macht.

Geklaut und verfremdet

Fern der ewig gestrigen Dialektdiskussion, die den Pop medial in die Sumpfgebiete des identitätsstiftenden Nationalismus bringen kann, meldet sich aus Wien ein Musiker zu Wort, der auf diese käsesülzende Austrianess pfeift: Mile Me Deaf nennt sich das 2004 gegründete Projekt von Wolfgang Möstl. Nach zwei Alben mit wechselnden MitmusikerInnen hat Möstl die zehn Songs für sein neustes Werk «Eerie Bits of Future Trips» völlig allein meist nur mit Smartphone und anderer portabler Gerätschaft aufgenommen.

Auch wenn die kreischenden Gitarren anders klingen mögen: Diese Platte bekam zu keinem Zeitpunkt einen Gitarrenverstärker zu Gesicht. Die Gitarren wurden schlicht direkt in die genannten Geräte eingespeist. Sowieso wurde hier in bester postmoderner Copy-and-paste-Manier geklaut und verfremdet. Was sich als Gitarre ausgibt, ist eigentlich Sample, verzerrte Stimme oder Synthesizer. Gegen die Lederjacken-Authentizitäts-Pose von Wanda stellt Mile Me Deaf Verunsicherung und trifft mit diesem zwischen kaugummikauender Coolness und psychedelischer Düsternis taumelnden Album einen Nerv. Statt des grossen Griffs nach dem Markt geht es Möstl dabei ums musikalische Experiment, und dafür nimmt er auch ein prekäres Musikerdasein in Kauf. Oder wie er es in einer früheren Zeile sec auf den Punkt brachte: «Money’s like a night, it’s over pretty quick.»

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