Nr. 06/2014 vom 06.02.2014

Als der Rocker von den Inszenierungen überwältigt wurde

In seinem Dokumentarfilm zeigt Adrian Winkler, wie Martin «Tino» Schippert im Zürich der sechziger Jahre rebelliert und die Schweizer Hells Angels gründet, um schliesslich in Bolivien zu sterben.

Von Erich Keller

Er sei ihm vorgekommen wie ein Typ von einem anderen Stern, schrieb Friedrich Dürrenmatt in väterlich gestimmter Verklärung über den Rocker Martin «Tino» Schippert, dessen Leben nun schon zum zweiten Mal erzählt wird: erst im Jahr 2002 in materialreicher Buchform vom Zürcher Journalisten Willi Wottreng und nun als erzählerisch karger Dokumentarfilm von Adrian Winkler.

Weder rund noch stimmig

Winklers Film – so viel lässt sich gleich vorweg sagen – liefert keine Antworten darauf, wie aus einem asthmatischen Jungen, sensibel und mit dem Talent zur Fantasie, zunächst ein harmloser Kleinkrimineller und danach in raschen Schritten eine zwielichtige Figur wird, Zuhälter, 1970 Gründer der Schweizer Hells Angels und möglicherweise Beteiligter an mindestens einer Gruppenvergewaltigung im Treffpunkt der Bande, dem Bunker unter dem Zürcher Helvetiaplatz.

An dieser Stelle bleibt der Film sehr unklar: Was sich im September und Oktober 1971 genau abgespielt hat unter dem Pflaster im Zürcher Stadtkreis 4, wird nicht näher herausgearbeitet, obwohl die Folgen der Vergewaltigungen das Leben Schipperts entzweireissen. Er flieht, zunächst in den Libanon, dann nach Bolivien. Dieser Einschnitt zeigt sich in der Gestaltung des Films, der zu keiner abgeschlossenen Form findet. Das liesse sich als Qualität begreifen, ist doch kein Leben in seiner Komplexität nacherzählbar und schon gar nicht in sich abgeschlossen, rund oder gar stimmig.

Andererseits muss eine Biografie dort einhaken, wo sich tiefe Brüche ereignen. Das wäre hier dieser Herbst 1971 gewesen, denn immerhin sind die Vorkommnisse juristisch bewertet und mehrere der beteiligten Hells Angels zu Gefängnisstrafen verurteilt worden. Die einseitige Darstellung der Vergewaltigungen im Film ist eine ärgerliche Folge der Konzentration auf einen engen Kreis von FreundInnen und Verwandten um Schippert. Einzig ihre Stimmen liefern das erzählerische Gerüst, mit allen Vor- und Nachteilen, die mit einer solchen Fokussierung einhergehen.

Winklers Film windet sich um dieses unsichtbar bleibende Zentrum. Die Vorgeschichte erzählt von einer diffusen Rebellion, dem Wunsch nach Ausbruch aus der spiessbürgerlichen Engführung der frühen sechziger Jahre. Dafür steht der 1946 auf dem breiten Rücken der städtischen Zürcher Mittelschicht geborene Schippert exemplarisch. Winklers atmosphärisch dichte Montagetechnik hält sich nicht immer an die Konvention chronologischen Erzählens, bebildert aber mit starken, überraschenden Ausschnitten aus zeitgenössischen Reportagen und Experimentalfilmen einen faszinierenden subkulturellen Underground.

Macht, Gewalt und Grössenwahn

Überwältigt von den Bildströmen US-amerikanischer Rocker- und Westernfilme, unterlegt und angetrieben von einer immer wilder werdenden Rockmusik, richten junge Männer und Frauen ihre Sehnsüchte nach einem Leben in Freiheit aus. Doch welche Freiheit ist das? Gleich zu Beginn des Films ist es der junge Schippert, mit wenig mehr als Flaum auf der Oberlippe, der in eine Filmkamera blickt und erklärt, worum es ihm und seiner Gang (den Lone Stars) geht: Die Welt müsste anders sein, als sie ist. Oben hätten die Reichen das Sagen, bei den Arbeitern nur die körperlich starken. Seine Bande wollte er als Gegengesellschaft verstanden wissen, in der jeder sein könne, wie er ist.

Zwischen 1968 und 1971 traten die Halbstarken dann selber ein in die Bildströme. In Aufnahmen des Globus-Krawalls von Zürich ist Schippert zu sehen, wie er sich an den Strassenkämpfen beteiligt. Politische Gruppen fangen an, sich für die Rocker zu interessieren, auch wie einige Intellektuelle, etwa Dürrenmatt, der in Schipperts simplen Worten eine sokratische Philosophie zu entdecken glaubt.

Das Ende im Goldgräberdorf

Auch die Film- und die Werbeindustrie nehmen sich der rebellischen Figuren an, die man bislang nur aus Hollywoodfilmen kannte. Für Mary Long spielten sie Wegelagerer, die einen Touristenbus überfallen und sich dann mit Zigaretten davonmachen. In der heimischen Rockerfilmproduktion traten sie in Vollmontur so auf, wie sie sich selber gerne sahen – als Vergewaltiger. An diesem Punkt, so der Zürcher Künstler Urban Gwerder, seien sie grössenwahnsinnig geworden. Oder anders gesagt: Schippert erlag den Bildern, den Inszenierungen zum zweiten Mal. Das idealisierte Outlaw-Leben rutschte endgültig ins Rotlichtmilieu ab, dorthin, wo sich männliche Macht und Gewalt besonders unmittelbar zeigen.

Schipperts Flucht nach Bolivien, der zweite Teil des Films, stellt dann auch die endgültige Verwirklichung dieser Träume dar. Noch mehr Outlaw ist nicht möglich. Wieder gerät er mit dem Gesetz in Konflikt, landet im Gefängnis, kommt wieder heraus, mit angeschlagener Gesundheit. Doch anstatt das Abenteuer abzubrechen und nach Zürich zurückzukehren, die Restmonate abzusitzen, macht er weiter, unerbittlich gegen sich selbst geworden.

Fernab der Spiessergesellschaft verdämmert Schipperts Leben 1981 unter unklaren Umständen in einem bolivianischen Goldgräberdorf. Vielleicht liegt dort wirklich seine Leiche verscharrt; endgültig in die verhexende Bilderwelt eingezogen ist er mit diesem Film.

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