Zentralbanken : Die Politik der Blasenbildung

Nr.  6 –

Mehr Geld in Umlauf bringen und gratis Kredite verleihen: Mit diesem Rezept wollten die Zentralbanken im Westen die Wirtschaft wieder ankurbeln. Doch diejenigen, die das Geld nahmen, hatten oft ganz anderes damit im Sinn. Viele Schwellenländer haben nun den Schaden.

Am 31. Januar war der letzte Arbeitstag des US-Zentralbankpräsidenten Ben Bernanke. Acht Jahre leitete er die Institution, die wohl wie keine zweite das Auf und Ab der Weltwirtschaft beeinflusst. Helikopter-Ben wurde er gelegentlich genannt. Wie der wirtschaftsradikale Vordenker Milton Friedman war er der Ansicht, um eine wirtschaftliche Deflation zu bekämpfen, müsse bloss genug Geld unter die Leute gebracht werden – nötigenfalls durch Abwurf von oben.

Bernankes lockere Geldpolitik offenbart sich just zum Ende seiner achtjährigen Amtszeit als möglicherweise fatale Fehlkalkulation. Seit einigen Wochen ist in Schwellenländern wie Argentinien, der Türkei, Brasilien, Indien und Südafrika eine teils dramatische Währungsabschwächung zu verzeichnen. Der Wert der türkischen Lira fiel in sechs Wochen gegenüber dem US-Dollar um dreizehn Prozent, der argentinische Peso allein im Januar um neunzehn Prozent. Konkret bedeutet das, dass sich alle Importprodukte massiv verteuern und sich eine allfällige Schuldenlast gegenüber dem Ausland verstärkt. Der brasilianische Zentralbankgouverneur Alexandre Tombini spricht von einem Staubsauger, der nun Geld aus den Schwellenländern absauge. Sein indischer Amtskollege Raghuram Rajan beklagt den Zusammenbruch der internationalen Kooperation in Sachen Geldpolitik.

Was hat Bernankes Geldpolitik mit den Schwellenländern zu tun? Als die Weltwirtschaft 2007 in eine heftige Finanzkrise schlitterte, weil die Banken in irrwitziger Art und Weise so lange auf dem US-Häusermarkt spekulierten und die Preise hochtrieben, bis die Blase platzte, half Bernanke den meisten Kreditinstituten grosszügig über die Runden. Die Zentralbank kaufte ihre faulen Kredite auf und lieh ihnen Geld zum Nulltarif. Als auch dann immer noch nichts von einer Erholung der US-Wirtschaft zu spüren war, begann sie damit, jeden Monat für 85 Milliarden US-Dollar Staatspapiere aufzukaufen; von Banken, Unternehmen, Pensionskassen und Privaten. Das nötige Geld dazu schuf sie aus dem Nichts. Weit über drei Billionen US-Dollar hat die Zentralbank so bis heute zusätzlich in Umlauf gebracht.

Bernanke wurde zu einer Art Held unter den Zentralbankern. Sein Rezept wurde in Europa und Japan kopiert, auch wenn eigentlich allen klar sein musste, dass sich so keine Probleme lösen, sondern nur Symptome bekämpfen lassen. Die Zentralbanker hofften, dass das viele Geld schon irgendwie richtig angelegt werde. Mitnichten. Seit die US-Zentralbank ab Ende 2013 monatlich etwas weniger neues Geld in Umlauf bringt, haben die internationalen Anleger begonnen, grosse Mengen an Kapital aus Schwellenländern wie der Türkei, Argentinien, Brasilien und Südafrika abzuziehen. Offensichtlich war viel des billigen Geldes in diesen Ländern angelegt worden, weil dort höhere Kapitalerträge als im Westen lockten. Dabei sind neue Blasen entstanden.

Die westlichen InvestorInnen hatten darauf gesetzt, dass in den Schwellenländern immer mehr gebaut und konsumiert wird und die Profite steigen. In der Türkei etwa schossen neue Shoppingcenter nur so aus dem Boden. Zwar wurde tatsächlich immer mehr konsumiert, doch gleichzeitig stieg auch die Verschuldung der BürgerInnen massiv an. Die Wirtschaftsentwicklung der Türkei war nicht wirklich nachhaltig. Jetzt droht eine tiefe Rezession, da die türkische Zentralbank als Reaktion auf einen weiteren Währungszerfall den Leitzins von 4,5 auf 10 Prozent anhob. Das soll zwar Gelder zurückbringen, doch wird damit die Schuldenlast aller massiv erhöht. Ein Geschäft mit Krediten über die Runden zu bringen oder die Hypothek eines Hauses zu zahlen, wird jetzt schwierig.

Wie geht es weiter? Letztlich weiss das niemand mit Sicherheit. Die Wirtschaftssysteme der einzelnen Länder sind eng miteinander verflochten. Die Entwicklungs- und Schwellenländer tragen inzwischen vierzig Prozent der globalen Wirtschaftsleistung. Die Krise in einem Land kann schnell auf andere Länder übergreifen. Die Geldströme werden dem «freien Markt» und somit tendenziell der Marktmacht von Grossbanken und Hedgefonds überlassen. Staatliche Lenkungen sind verpönt.

«Wir haben nun eine Weltwirtschaft, die zwischen Blasen und Depression hin und her schwankt», schrieb der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman vor ein paar Tagen in der «New York Times». Was ihn aber wirklich beängstige, sei, dass die Krisen in den Schwellenländern gleichzeitig mit der wirtschaftlichen Schwäche im Westen aufträten. Eine Situation, «die durch wirklich schlechte Politik noch viel schlimmer gemacht wird».

Die Warnungen derer, die schon immer den grossen Bluff hinter der grossen Geldschwemme zu sehen glaubten, scheinen sich zu bewahrheiten: Es kann einfach nicht gut gehen, wenn man den gleichen Banken und Finanzakteuren auf ein Neues freizügig Geld gibt – einfach noch viel mehr davon –, ohne ihnen wirklich strenge Auflagen zu machen, wem sie zu welchem Zweck Kredite vergeben und wo sie ihr Geld anlegen dürfen.