Nr. 08/2014 vom 20.02.2014

Weshalb gibt es in Russland keine Opposition?

Der russisch-israelische Dokumentarfilmer Alexander Gentelew erzählt, warum sich die Leute in Wladimir Putins Reich fürchten.

Von Thomas Bürgisser (Interview) und Jonas Opperskalski (Foto)

Alexander Gentelew: «Die Angst sitzt uns Russen in den Genen. Eine Tragödie ist das.»

WOZ: Alexander Gentelew, die Olympischen Winterspiele in Sotschi neigen sich dem Ende zu. Haben Sie die Spiele verfolgt?
Alexander Gentelew: Ich bin kein grosser Sportfan, aber ich liebe Eiskunstlauf. Julia Lipnitskaja, die Fünfzehnjährige, die eine Goldmedaille gewonnen hat, die war einfach genial. Auch die Eröffnungszeremonie habe ich mir angesehen. Ich dachte mir: Schade, dass diese Spiele nicht 1976 stattgefunden haben, als ich für die Geschichtsprüfung am Gymnasium büffeln musste.

Weshalb?
Nun, in der choreografischen Inszenierung der Show erscheint die russische Geschichte jetzt ganz simpel: Zar Peter der Grosse, danach ein Ballett zu Leo Tolstois «Krieg und Frieden», die Oktoberrevolution von 1917, die Gegenwart, und das wars schon. Kein Stalinismus, kein Weltkrieg, keine Repression, nichts Schlechtes. Ich erinnere mich an ein etwas anderes Russland. Ich erinnere mich an die Sowjetunion, sehr gut sogar …

Sie leben bereits über zwanzig Jahre in Israel, aber Russland scheint Sie nicht loszulassen.
Genau, wie eine Krankheit! Im Ernst: Es war purer Zufall, dass ich mich nach der Auswanderung weiterhin beruflich mit Russland beschäftigte. Als ich 1996 für das israelische Fernsehen zu arbeiten begann, sagte mir der Programmleiter: «In Russland gibt es doch diese reichen Jungs. Fahr da hin, und filme die.» Aus «Die Oligarchen» ergaben sich dann alle folgenden Projekte bis hin zu «Enteignung auf Russisch» und «Putins Spiele».

Wie war das damals während der Dreharbeiten für «Die Oligarchen»?
Boris Jelzin hatte 1996 mithilfe der Oligarchen die Wahlen gewonnen und trat seine zweite Amtszeit an. Wissen Sie, diese Oligarchen waren zur rechten Zeit am rechten Ort gewesen. Und sie hatten Eier, wie man bei uns sagt. Jedes Business wurde damals von der Mafia kontrolliert. Vor ihr durfte man keine Angst haben. Ich wäre für nichts in der Welt in Russland Unternehmer geworden! Sie aber fürchteten sich nicht und begannen, gewaltig viel Geld zu verdienen. Nicht immer legal – das bestreitet niemand. Es gab damals ja auch gar keine Gesetze.

Und dann drehten sie durch wegen dieser riesigen Geldsummen und ihrer Macht. Von 1996 bis 2000 haben die Oligarchen das Land faktisch regiert. Man kann über Jelzin viel Schlechtes sagen, aber die Medien hat er nicht unterdrückt. Mir schien es damals, dass neue Leute auftauchten, die sich nicht mehr so fürchteten, wie wir uns in der Sowjetunion gefürchtet hatten.

Doch nun ist diese Zeit der Angst zurückgekehrt.

Wie meinen Sie das?
Heute gibt es in Russland kaum mehr unabhängige Fernsehkanäle. Die offiziellen Zeitungen schreiben, wie zu Sowjetzeiten die «Prawda», reine Propaganda. In Russland gibt es keine freie Presse, nur Finsternis und Schrecken.

Was ist denn zum Beispiel mit Michail Chodorkowski, den Wladimir Putin in einem Gnadenakt vor den Olympischen Spielen aus der Haft entlassen hat?
Der war zuerst auch durchgedreht. 1998 begann er jedoch, transparent zu wirtschaften und Steuern zu bezahlen. Als sie ihn dann 2003 ins Gefängnis warfen, fragte ich mich natürlich: Weshalb nur ihn? Alle arbeiteten ja nach demselben Schema – und tun es noch heute. Nur sind die alten Oligarchen weg, heute sind es neue Leute. Chodorkowski wird nicht nach Russland zurückkehren. Zehn Jahre Knast in Russland, glauben Sie mir, das ist schrecklich genug.

Die Oppositionsbewegung gegen Putin scheint sich ja wieder verlaufen zu haben.
Ich wollte eigentlich einen Film darüber machen, weshalb es in Russland keine Opposition gibt. Wladimir Schirinowski ist ja ein kluger Mensch, aber er war ein Clown, ist ein Clown und wird immer einer bleiben. Gennadi Sjuganow wollte nie an die Macht und hat sich damit arrangiert, dass er in seiner Kommunistischen Partei der Chef ist. Und die anderen, die regieren möchten, können sich untereinander einfach nicht einig werden.

Dass es keine Opposition gibt, das liegt meines Erachtens letztendlich auch an dieser Angst, die wir alle haben, die in der Sowjetunion aufgewachsen sind. Sie sitzt in unseren Genen. Eine Tragödie ist das.

Wie könnte man diese Angst denn austreiben?
Man müsste die Türen öffnen für die Redefreiheit, damit eine neue Generation heranwachsen kann, die sich nicht mehr fürchtet. Und der Staat müsste beginnen, seine Bürger zu respektieren. Ich habe eben einen Artikel gelesen, in dem steht, Putin habe erklärt, nach den Spielen werde man beginnen, die Leute, die für den Aufbau der Winterspiele enteignet wurden, zu entschädigen. Das hätte man doch sofort tun müssen!

Russland ist für mich bis heute ein Rätsel geblieben. Keine Ahnung, was die Zukunft bringt. Keine Demokratie, fürchte ich. Zumindest werde ich das wohl nicht mehr erleben.

Alexander Gentelew (54) ist in Russland aufgewachsen und lebt seit über zwanzig Jahren in Israel. 2005 erschien sein Dokumentarfilm 
«Die Oligarchen», in dem er Aufstieg und Fall der russischen Wirtschaftsmagnaten schildert. 
Gentelews neuster Film, «Putins Spiele», dokumentiert den Aufbau der olympischen Stätten in Sotschi.

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