Nr. 09/2014 vom 27.02.2014

Die ist echt Hardcore, diese Geschichte

Lars von Triers «Nymphomaniac» versetzt die Filmgemeinde in Erregungszustände, bevor er überhaupt im Kino anläuft. Doch was entblösst er in diesem «Porno» tatsächlich?

Von Roland Fischer

Wie viele Männer können wir in diesem Zug verführen? Sophie Kennedy Clark als B und Stacy Martin als junge Joe in Lars von Triers «Nymphomaniac». Foto: Christian Geisnaes

Lars von Trier, der Berserker des Kinos, macht einen Porno. Pause. Lange rhetorische Pause. Und auf das Raunen warten.

Hat wunderbar funktioniert, «Nymphomaniac» hatte schon Monate vor der Premiere Aufmerksamkeit «à discrétion», ohne dass die MacherInnen viel zu tun hatten. Ein Gerücht vom Filmset hie und da, ein paar Fotos der DarstellerInnen mit verzerrten Gesichtern, angeblich «caught in the very act», ein vergleichsweise harmloser Trailer, mehr war gar nicht nötig. Von Trier dürfte sich ins Fäustchen gelacht haben – so schön hat schon lange keiner mehr mit den Erwartungen des Publikums gespielt.

Und: So hinterlistig hat sie dann vielleicht noch nie ein Regisseur ins Leere laufen lassen. Man fragt sich nach dem Sehen des Films unwillkürlich: Will uns der naivste und gleichzeitig durchtriebenste aller zeitgenössischen Filmemacher da überhaupt noch eine Freude machen? Will er uns erregen oder aufregen? Naheliegende Frage – bei einem Porno.

Ein ewig stehendes Zitat

Von Trier ist ein Spieler, er war es eigentlich schon von Anfang an. Er hat keine mit Herzblut verfolgte cineastische Vision, er arbeitet sich lieber am anderen ab, stilistisch wie gesellschaftlich; das Aussenseitertum ist so etwas wie das Über-Ich seines Schaffens (das er zuweilen ja auch gern in Interviews hervorkehrt, die dann zuverlässig für einen Skandal sorgen). Genre um Genre hat er sich so vorgenommen und geflissentlich seziert: Horrorfilm, Arztserie, Weltenddrama. Und nun also die stupideste aller Filmformen: Porno. Ein Schluss- und Höhepunkt irgendwie, eine logische Klimax.

Man stellt ihn sich also vor, beim Drehbuchschreiben, wie er versucht, den Sexfilm aus seinem viel zu eng geschnürten Korsett zu befreien. Und wie er sich die Zähne ausbeisst an der Aufgabe, die er doch bis anhin immer überzeugend erledigt hat, mal mit leichter Hand, mal mit schierer Wucht. Aber irgendwie gibt das einfach nichts her: Sex ist nun mal eine furchtbar simple Sache, daran kann auch ein von Trier nichts ändern (oder, wie er seine Hauptdarstellerin Charlotte Gainsbourg beim Erzählen ihres sexuellen Entwicklungsromans mal sagen lässt: «Weshalb muss alles so schrecklich banal sein?»).

Man könnte alles hinschmeissen im Moment, in dem einem das klar wird, oder aber man denkt das mit der Pornografie noch einen Schritt weiter. Das gemeinsame Merkmal von Sexfilmen ist nämlich kein feuchtzoniges, sondern ein erzähltechnisches – und damit eben alles andere als ein körperliches: die Freiheit nämlich von narrativer Logik. Der Porno ist das nicht erzählende Filmgenre schlechthin, eine vorwärtsgeschobene Nummernrevue, die freie Form des Kinos. Ihn charakterisiert nicht ein «Erzähl-», sondern ein «Zeigegestus». Womit er nebenbei auch noch zurückweist auf die Anfänge des Films überhaupt, also ein ewig stehendes filmhistorisches Zitat ist – aber das ist nochmals eine andere Geschichte.

Penetrationen der anderen Art

Denn bei von Trier wird die Sache nun auf einer ganz anderen Ebene wild. Er marschiert zwar nach einer plumpen Eskalationslogik durch die acht Filmkapitel – die Körperübungen werden dabei ganz nach Pornodramaturgie immer ein wenig ambitionierter –, doch richtig Hardcore wird das Geschehen zwischen den Zeilen (im Film: zwischen den Bildern?). Von Trier hat es auf den Schambereich des Erzählens abgesehen – auf das, was sonst lieber verhüllt und verschwiegen wird, die nackte Konstruktion, wenn man so will.

Er baut eine sehr einfache Rahmenhandlung, die es aber in sich hat. Zu Beginn des Films ist die Nymphomanin Joe ganz unten, buchstäblich, und wird von der guten Seele Seligman aus dem Elend geholt, zu sich nach Hause, in sein Reich der Bücher. Sie erzählt, er hört zu, so entspinnt sich die Geschichte. Eine anscheinend ganz harmlose und irgendwie friedfertige Konstellation – doch bald gibt es da erste Grenzüberschreitungen.

Die Erzählerin liefert die handfesten Fakten, der Zuhörer (Stellan Skarsgard) liefert die Einordnung, schweift ab, versucht sich in Tiefenpsychologie – und reisst so immer wieder Gräben auf. Und so beharken sich die beiden bald ganz ordentlich, auf eine Weise, die die ZuschauerInnen ohne Weiteres mit in den Streit hineinzieht. Das geht so weit, dass Joe ihr Gegenüber nach einem seiner Monologe mal ganz unverhohlen herunterputzt, weil das wohl überhaupt «sein langweiligster Exkurs» gewesen sei – der Kritisierte nimmt es kopfnickend hin, wobei man spätestens hier auf die Frage gestossen wird, welche denn nun von Triers Position ist – und welche die der ZuschauerInnen.

Und so haben wir es bald mit einem unverhohlenen Machtkampf in Sachen Erzählautorität zu tun, mit der Frage nach dominant und devot, die hier, im Reich des Erzählens, gar nicht mehr einfach zu klären ist – und mit der Geschlechterfrage noch einen zusätzlich vertrackten Aspekt bekommt. Immer öfter fuhrwerkt der Zuhörer der Erzählerin in ihre schöne Geschichte hinein, seine Anmerkungen werden immer – jetzt muss dann aber mal Schluss sein mit der Analogie – aufdringlicher, bis zum logischen Ende, das dann auch wieder gleichzeitig ganz plump und ein erzählerisches Kabinettstück ist. Tod des Autors? Da ist von Trier aber anderer Ansicht – und schiesst scharf zurück.

Die wahre Unzucht

Trier lässt keine Gelegenheit aus, seine Liebe zu klassischen Romanschriftstellern zu erwähnen. Die haben das Spiel mit der Autorschaft und der Macht des Erzählers natürlich schon lange vor dem Dekonstruktivismus geübt. So hält es von Trier auch bei «Nymphomaniac»: Es gibt in dem Film wohl mehr Anspielungen auf Bücher als sexuelle Eskapaden, auch der keusche Seligman hat die Unzucht zwischen den Buchdeckeln kennengelernt. Wenn also die Narration der eigentliche Stoff dieses Films ist, dann wäre sein Hauptdarsteller entsprechend: der Regisseur.

Und so wäre es auch nicht ganz verkehrt zu sagen, dass sich eigentlich niemand in diesem Film voller nackter Leiber so sehr entblösst wie der Erzähler, also von Trier selbst. Wenn es so etwas gibt wie den Exhibitionismus des Autors: Man müsste sich von Trier als lächelnden Kerl im Regenmantel vorstellen – uns bliebe die Rolle des irritierten Publikums. Insofern hat Stellan Skarsgard das Verwirrspiel perfekt gemacht, als er in einem Promointerview aus dem Nähkästchen plauderte: «Lars von Trier sagte mir ja ursprünglich: Stellan, ich drehe einen Pornofilm mit dir, aber du wirst nicht vögeln können. Nur am Ende wird man dein Glied sehen, es wird ganz schlaff sein. Ich aber enthülle jetzt: Das ist nicht mein Penis, den man in dieser Grossaufnahme sieht. Das ist derjenige von Lars von Trier.»

Lars von Trier: «Nymphomaniac». Dänemark 
und weitere, 2013. Teil 1 ab 27. Februar, Teil 2 
ab 3. April in den Kinos.

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