Nr. 11/2014 vom 13.03.2014

Wollen Sie, dass alle eingebürgert werden?

Die Arboner Studentin und Kopräsidentin von Second@s Plus, Ekin Yilmaz, über ihre Arbeit in der Arboner Einbürgerungskommission und ihre eigene Einbürgerung.

Von Daniel Ryser (Interview) und Andreas Bodmer (Foto)

Ekin Yilmaz: «Ich definiere mich als Schweizerin, trotzdem werde ich als Mensch mit einer anderen eigentlichen Heimat betrachtet. Das kann nerven.»

WOZ: Ekin Yilmaz, was raten Sie eigentlich Ausländern in diesem Land, das seine Ausländergesetze ständig verschärft: dass Sie sich so schnell wie möglich einbürgern lassen sollen?
Ekin Yilmaz: Nach der Ausschaffungsinitiative haben wir von Second@s Plus einen Aufruf verfasst: «Lasst euch einbürgern!» Lange hiess es selbst in konservativen Kreisen: «Ihr müsst euch nicht extra einbürgern lassen. Der Schweizer Pass ist was Besonderes. Bleiben könnt ihr ja sowieso.» Jetzt hat man klar gesagt: Auch wenn du hier geboren und aufgewachsen bist, bist du ohne Schweizer Pass nicht mehr sicher. Ich kann nur wiederholen: Lasst euch einbürgern!

Wie haben Sie die eigene Einbürgerung erlebt?
Ich war noch sehr jung. Es ging auf jeden Fall schnell: Mein älterer Bruder spielte gut Fussball, er war eine Nachwuchshoffnung beim FC St. Gallen. Also haben uns der Schweizerische Fussballverband und der Klub regelrecht dazu gedrängt, uns einbürgern zu lassen.

Heute sitzen Sie selbst in der Einbürgerungskommission der Gemeinde Arbon.
Und rege mich darüber auf, wenn es bei einem Fussballer schneller geht, während andere Gesuchsteller jahrelang warten müssen.

Warum denn? Für Ihre Familie war es doch gut.
Man könnte auch sagen: Wenn die Schweiz einen Nutzen davon hat, dann geht es mit der Einbürgerung plötzlich schnell.

Warum sitzen Sie selbst in der Kommission?
Weil es dort Leute braucht, die den Menschen wohlwollend gegenüberstehen – ob sie nun gut Fussball spielen können oder nicht.

Haben Sie selbst schon jemanden abgelehnt?
Ich darf darüber nicht reden. Mir bereitet es natürlich Mühe, wenn jemand kommt, der daheim seine Frau unterdrückt. Aber wir reden hier von Einzelfällen. Das ist die falsche Ebene. Wir brauchen das Stimm- und Wahlrecht für Ausländerinnen und Ausländer. Dann könnten die Leute wirklich frei entscheiden: Will ich den Pass, oder will ich ihn nicht? Da lebt einer zwanzig Jahre in einer Gemeinde, zahlt Steuern, und wenn er über die Neugestaltung des Dorfplatzes mitbestimmen will, muss er sich zuerst einbürgern lassen. Absurd. Jemand, der hier geboren und aufgewachsen ist, sollte sowieso automatisch den Schweizer Pass erhalten.

In der «Arena» des Schweizer Fernsehens sagten Sie, es rege Sie auf, wenn hier alle so tun würden, als sei der Schweizer Pass aus Gold.
Sie glauben gar nicht, was ich mir danach per Mail alles anhören müsste. «Diese blöde Yilmaz stänkert hier rum. Die soll mal dankbar sein.» Oder: «Du freche Göre! Du Weibsbild!» Viele Rückmeldungen waren krass frauenfeindlich. Wäre ich ein Mann gewesen, hätte ich viel dieser Kritik gar nicht bekommen. Wenn eine Frau laut wird, gilt sie als frech. Die gleichen Leute, die sich tolerant geben und behaupten, im Islam würden alle Frauen verschleiert, kleben an der Decke, wenn eine Muslima ihre Klappe aufreisst. Plötzlich wollen auch sie dich verschleiern: «Geh doch dorthin zurück, wo du herkommst. Dort wirst du verschleiert!»

Wurden Sie auch von Secondos kritisiert?
Ja: «Ich bin auch hier geboren, aber ich bin nicht so undankbar wie du.» Meine Güte! Wem soll ich denn bitte danken, dass ich hier geboren bin? Meinen Eltern bin ich dankbar. Ausser ihnen muss ich niemandem dankbar sein. Alles, was ich erreicht habe, habe ich selbst erreicht. Mit meinem Namen musste ich immer mehr geben als die anderen: Wenn irgendwo stand oder steht, Bewerbung bitte per Post oder Mail, habe ich immer das Bedürfnis, zuerst einmal anzurufen, damit die hören, dass ich so rede wie sie.

Wenn Ihnen die Leute sagen: «Geh doch dorthin zurück, wo du herkommst» – an welchen Ort denken Sie da?
An Arbon. Hier bin ich geboren und aufgewachsen. Wenn ich als Politikerin dauernd auf meinen Migrationshintergrund reduziert werde, frage ich mich manchmal müde und genervt: Von welcher Migration reden die Leute eigentlich? Ich bin in meinem ganzen Leben noch nie emigriert. Ich habe es ja trotz Studium in Zürich noch nicht einmal raus aus Arbon geschafft!

So müde, sich zu erklären, wirken Sie nun auch wieder nicht.
Bin ich ja auch nicht. Ich definiere mich als Schweizerin, meine ganze Familie hat den Schweizer Pass. Trotzdem werde ich als Mensch mit einer anderen eigentlichen Heimat betrachtet. Das kann nerven. Trotzdem habe ich den Drang, für Leute mit einer ähnlichen Geschichte zu kämpfen. Bei meinen Eltern war das anders. Die sagten: «Wir müssen froh sein, dass wir hier sein dürfen. Ja nicht laut werden, selbst wenn uns Unrecht geschieht: nichts sagen, immer still sein, immer ‹uf d’Schnorre hocke›.» Das will ich nicht. Auch wenn ich mich manchmal frage, ob das für mich als Lehrerin zum Problem werden kann. Wird es einen Einfluss haben auf zukünftige Bewerbungen? Aber diese Gedanken verwerfe ich immer schnell. Ich habe ein klares Ziel im Leben: Ich will für meine Mitmenschen etwas tun, nicht nur für mich schauen.

Sie haben vorhin von Ihren Eltern gesprochen: Sind die eigentlich stolz auf die Tochter?
Ja, megastolz.

Ekin Yilmaz (25) studiert in Zürich Französisch und Spanisch. Sie sitzt für die SP im Stadtparlament, arbeitet als stellvertretende Kantonsschullehrerin in Frauenfeld und engagiert sich in der Vereinigung Second@s Plus.

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