Nr. 10/2014 vom 06.03.2014

Werden dem Land die Sprachlehrer ausgehen?

Die Arboner Studentin und Kopräsidentin von Second@s Plus, Ekin Yilmaz, über die Folgen des 9. Februar für die Studierenden und Ressentiments im Thurgau.

Von Daniel Ryser (Interview) und Andreas Bodmer (Foto)

Ekin Yilmaz: «In meinem Umfeld an der Universität ist die Verunsicherung durch die Aufkündigung des Erasmus-Programms riesig.»

WOZ: Ekin Yilmaz, haben Sie eigentlich Ihr Erasmus-Semester schon absolviert?
Ekin Yilmaz: Ja. Aber dennoch: Die Stimmung an der Uni ist mies. Ich studiere Französisch und Spanisch, in meinem Umfeld ist die Verunsicherung durch die Aufkündigung des Erasmus-Programms riesig. Zudem wollen die meisten Sprachstudenten Lehrer werden. Fürs Diplom ist ein Austauschsemester zwingend.

Was heisst das nun?
Ich konnte mich in Zürich einschreiben und in Malaga studieren. Ich erhielt automatisch Punkte und Stipendien aus dem Erasmus-Topf der EU. Der bürokratische Aufwand war minimal. Nun muss man sich seinen Austausch wohl selbst organisieren, entweder direkt nach dem Studium, oder man nimmt hier ein Urlaubssemester – ohne EU-Stipendien und ohne die Gewissheit, dass man sich Punkte anrechnen lassen kann. So was muss man sich finanziell und zeitlich zuerst einmal leisten können.

Der erste konkrete Effekt der Abstimmung: gegen die Jungen und gegen die Bildung.
Und jenen, die das verursacht haben, ist das scheissegal. Ich glaube nicht, dass die Leute nun denken: Hätte ich das gewusst! Lesen Sie mal Newsnetz-Kommentare: «Die Studenten saufen sowieso nur!» Dieses Land dreht vor lauter egoistischer Häme durch. Ich habe in meinem Erasmus-Semester nicht nur am meisten über die Sprache gelernt, die ich hier in der Schweiz unterrichten werde, sondern auch über das Land. Es war wunderbar. Aber damit muss man diesen Leuten erst recht nicht kommen: «Es war wunderbar? Dafür sollen wir bezahlen?»

Werden dem Land die eigenen Sprachlehrer ausgehen?
Der Bundesrat sagte, man prüfe, die Kosten selbst zu übernehmen. Dabei kann die Schweiz unmöglich allein die Kosten für ein derartiges Programm stemmen. Es herrscht nun grosse Verunsicherung. Zwei Freunde, die für das Herbstsemester den positiven Erasmus-Bescheid bereits erhalten hatten, wissen nicht, ob sie den Austausch nun antreten können.

Sie wollen also Lehrerin werden.
Das wollte ich schon immer. Ich war schon wahnsinnig gerne Schülerin. Lehrerin ist mein Traumjob.

Unkonzentrierte Jugendliche züchtigen – ein Traumjob?
Das sind typische Vorurteile. Und ich nerve mich wahnsinnig über Leute, die so was sagen. Die Schüler sind zu dir, wie du zu ihnen bist. Eine meiner ersten Vertretungen war in einer Realklasse. Da sagten auch alle: «Du bist noch so jung! Die werden dich auffressen!» Aber ich habs überlebt. Die Jungen sind cool. Wenn sie merken, dass du für sie da bist, dass du sie gern hast, egal wie sie sind, dann spüren und schätzen sie das. Als ich später das erste Mal an der Kantonsschule unterrichtete, hatte ich ja selbst Zweifel: «Ich bin erst 25, die teilweise schon 18. Kann das gut gehen?»

Gings gut?
Die eine Klasse, Informatiker, bestand nur aus Jungs, die alle Französisch gehasst haben. Eine suboptimale Ausgangslage für eine angehende Französischlehrerin. Aber auch hier hatte ich keine Probleme. Überrascht hat mich eher das Pausenverhalten. Wenn Sie meinen, dass wir alle dauernd am Handy hängen, besuchen Sie mal die Pause einer Informatikerklasse: Alle tippen wortlos auf dem Bildschirm rum. Ich war da als Schülerin ganz anders. Wenn in der Klasse eine viel quatscht, denke ich immer: Oh, das war ich! Aber solange sie anständig und respektvoll sind, dürfen sie in der Stunde auch mal schwatzen. Dann dürfen sie vielleicht sogar einmal die Hausaufgaben vergessen. Aber das schreiben Sie bitte nicht.

Sie studieren in Zürich, die Stellvertretung absolvieren Sie im Thurgau. Wo wollen Sie als Lehrerin arbeiten?
Im Thurgau, ganz klar.

Keine Lust auf die Grossstadt?
Ich habe es ja nicht mal während des Studiums nach Zürich geschafft. Ich bin immer gependelt, wohne nach wie vor bei meinen Eltern in Arbon. Arbon ist meine Heimat, der Bodensee. Ich habe ein gestresstes Leben, doch sobald ich in Zürich in den Zug steige, beginne ich mich zu entspannen.

Nervt es nicht manchmal, in einem Kanton zu leben, der zu jeder SVP-Idee Ja sagt?
Sollen alle jungen linken Thurgauerinnen nach Zürich oder Bern abhauen? Das ist keine Lösung. Eine grosse Mehrheit der Leute hier ist tatsächlich eher konservativ eingestellt. Aber so schlimm, wie das Leute in Zürich oder Journalisten manchmal meinen, ist es nicht.

Was meinen die denn?
Sie fragen: «Erlebst du schlimme Dinge? Als Lokalpolitikerin? Als eine, die Ekin Yilmaz heisst und Lehrerin ist?» Ich kann diese Fragen nicht mit Ja beantworten.

Keine Ressentiments im Thurgau?
Doch, natürlich. So wie überall. Aber ich selbst mache diese Erfahrung nicht. Womöglich hat das auch mit meiner grossen Klappe zu tun. Vielleicht wissen die Leute, wenn sie was sagen, kommts zurück, dann wirds mühsam.

Ekin Yilmaz (25) ist in Arbon geboren und studiert in Zürich Französisch und Spanisch. 
Sie sitzt für die SP im Stadtparlament und engagiert sich als Kopräsidentin der Vereinigung Second@s Plus für die Rechte der AusländerInnen der zweiten und dritten Generation.

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