Nr. 13/2014 vom 27.03.2014

Benutzen Sie Twitter?

Ekin Yilmaz, Studentin und Kopräsidentin von Second@s Plus, über die bevorstehenden Wahlen in der Türkei und PseudosozialdemokratInnen.

Von Daniel Ryser (Interview) und Andreas Bodmer (Foto)

«Das ist das Niveau der Demokratie in der Türkei. O Gott. Megaschlimm. Dagegen ist die Schweiz, die es den Ausländern verbietet mitzustimmen, eine lupenreine Vorzeigedemokratie.»

WOZ: Frau Yilmaz, am Sonntag wird in der Türkei gewählt. Verfolgen Sie, was passiert?
Ekin Yilmaz: Ständig. Meine Grossmutter ist übrigens soeben in die Türkei gereist. Man glaubt es kaum: Ihr Name ist auf einer Wahlliste aufgetaucht. Also haben die Verwandten angerufen und gesagt: Du musst unbedingt kommen und gegen Erdogan stimmen!

Was heisst das: «Ihr Name ist auf einer Wahlliste aufgetaucht»?
Weil die Türkei keine echte Demokratie ist, kommt es häufig vor, dass die Leute im Wahlbüro feststellen, dass ihr Name gar nicht auf der Liste eingetragen ist: Pech gehabt. Denn dann kann man nicht wählen. Das passiert natürlich vornehmlich in Gebieten, die dafür bekannt sind, gegen Erdogan zu stimmen. Dafür tauchen auf Pro-Erdogan-Listen Namen von Toten auf. Meine Verwandten haben im Vorfeld die Wahllisten geprüft, um sicherzugehen, dass sie auf der Liste stehen. Und da haben sie gesehen, dass auch meine Grossmutter aufgeführt ist. Also ist sie nun in die Türkei gereist.

Wird Erdogan gewinnen?
Wahrscheinlich. Aber er wird erheblich an Stimmen verlieren.

Wie kann ein Politiker, der die Jugend seines Lands zusammenschiessen lässt, immer noch mehrheitsfähig sein?
Weil seine Anhänger blind hinter ihm stehen. Die sagen: Ihr hättet halt nicht demonstrieren sollen, dann wär auch nichts passiert. Was ihm sicher schadet, ist der Umstand, dass er sich mit Fethullah Gülen zerstritten hat, dem islamischen Prediger, der auf der ganzen Welt und vor allem in der Türkei Schulen baut und deswegen extrem populär ist. Erdogan wollte diese Schulen schliessen. Seither tauchen im Netz Tonbänder von Telefonaten Erdogans auf, die sein korruptes, mafiöses System offenlegen.

Deshalb hat er jetzt Twitter lahmlegen lassen.
Es ist unglaublich!

Benutzen Sie Twitter?
Ja, und zwar fast ausschliesslich, um das Geschehen in der Türkei zu verfolgen. Es gibt dort keine unabhängigen Nachrichten mehr. Twitter ist fast die einzige Möglichkeit, sich ein objektives Bild der Lage zu verschaffen. Als Erdogan nun drohte, wegen der veröffentlichten Telefongespräche Twitter zu blockieren, dachte ich: Ja, ja, red du bloss. Das kannst du ja gar nicht. Zwei Stunden später war in der Türkei der Zugang zu Twitter gesperrt. Sogar Staatspräsident Abdullah Gül musste illegal twittern. Die Türkei ist ein Land am Rand des Nervenzusammenbruchs. Megakrass.

Haben Sie Hoffnung, dass es in der Türkei mal gut wird?
Ich weiss es nicht. Das Schlimmste ist, dass das ganze System von Korruption zerfressen ist. Die Justiz ist von Erdogan gekauft. Man kann auch nicht von freien Wahlen sprechen. Das ist fatal. Wie verzweifelt vor allem Junge sind, kann man daran messen, dass sie Gefahr laufen, fürs Demonstrieren erschossen zu werden, und es trotzdem tun. Wer heute in der Türkei demonstriert, nimmt den Tod in Kauf.

Was ist mit der linken Opposition los?
Ihre Schwäche ist ein Teil von Erdogans Stärke. Die Sozialdemokraten sind stark auf Atatürk fixiert. Das ist grundsätzlich nicht schlecht. Er war ein wichtiger Mann und, gerade was Frauenrechte anbelangt, progressiv. Und er hat den Laizismus eingeführt, die Trennung von Staat und Religion. Gleichzeitig sind die türkischen Sozialdemokraten ziemlich nationalistisch, und in meinen Augen kann man nicht sozialdemokratisch sein und sich gleichzeitig gegen gewisse Minderheiten stellen. Sie müssten die Ersten sein, die die Forderung der Kurden unterstützen, dass in deren Gebieten der Schulunterricht auf Kurdisch stattfindet. Das tun sie aber nicht. Viele Kurden unterstützen Erdogan, denn der verspricht etwa, Strassen zu bauen. Und wem schanzt er diese Aufträge zu? Seiner Familie! Seinen Homies! Und vor den Wahlen beschenkt er die Leute mit Kühlschränken und Waschmaschinen. Viele der Beschenkten haben nicht mal einen Stromanschluss. Das ist das Niveau der Demokratie in der Türkei. O Gott. Megaschlimm. Dagegen ist die Schweiz, die es den Ausländern verbietet mitzustimmen, eine lupenreine Vorzeigedemokratie.

Was die Schweiz und die Türkei demnach gemeinsam haben ist …
… dass sie aufpassen müssen, nicht komplett zu verblöden.

… dass beide eine Pseudosozialdemokratie haben.
He! Ich bin in der SP!

Und?
Im Vergleich mit der Deutschlands steht es um die Sozialdemokratie hier nicht schlecht.

Im Vergleich mit der Deutschlands steht es wohl auch um die türkische Sozialdemokratie nicht so schlecht.
Es ist kein Geheimnis, dass auch auf SP-Listen die Namen mit -ic und -üz und -öz am häufigsten gestrichen werden. Oder dass diese Leute miese Listenplätze kriegen. Aber bekanntlich ist die Situation nie perfekt, weder in einem System noch in einer Partei. Deswegen engagiert man sich ja in der Politik.

Ekin Yilmaz (25) ist in Arbon geboren und studiert in Zürich Französisch und Spanisch. 
Sie sitzt für die SP im Stadtparlament und 
ist Kopräsidentin der Vereinigung Second@s Plus.

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