Nr. 11/2014 vom 13.03.2014

Rechtschreibung (ist überflüssig)

Die Rechtschreibung gilt vielen als vernachlässigbares Übel. Dabei hat sie ihr Schattendasein hinter dem Inhalt nicht verdient.

Von Ulrike Frank

Wenn ich mich als Korrektorin der WOZ vorstelle, bekomme ich bisweilen mit Erstaunen zu hören: «Ah, die WOZ leistet sich noch ein Korrektorat?» Noch mehr als über die Ignoranz wundere ich mich über die Geringschätzung, die der Rechtschreibung häufig entgegengebracht wird. Es komme doch mehr auf die Inhalte an. Und überhaupt gebe es inzwischen intelligente Korrekturprogramme.

Gewiss mag ein Computerprogramm den «Naseweiss» und den «Einfallspinsel» als orthografische «faux amis» überführen. Aufmerksame LeserInnen wissen ohnehin, dass in den richtig geschriebenen Varianten die Adjektive «weise» und «einfältig» stecken. Rechtschreibung schafft Präzision und liefert Information, über die ein «Stehgreifredner» und die «Mitvierzigerin» kaum verfügen. Jedoch wird selbst das klügste Korrekturprogramm «Galicien» und «Galizien» nicht dem Kontext entsprechend Spanien oder der Nordseite der Karpaten zuordnen können. Einem einzelnen Graphem als kleinster bedeutungsunterscheidender Einheit gelingt dies mühelos.

Die Erfindung der Buchstabenschrift liegt dreieinhalb Jahrtausende zurück. Doch erst Ende des 19. Jahrhunderts wurden für die deutsche Orthografie verbindliche Regeln gesucht. Nach der politischen Einigung Deutschlands 1871 sollten auch die Schreibweisen einheitlich werden, auf dass Bayerinnen wie Preussen Schriftstücke problemlos lesen und verstehen könnten. Rechtschreibung verbindet. Konrad Duden legte 1880 mit seinem «Vollständigen Orthographischen Wörterbuch der deutschen Sprache» den Grundstein für das Regelwerk. Amtlich abgesegnet und auch von Österreich-Ungarn und der Schweiz angenommen wurde es 1901.

Knapp hundert Jahre später machte man sich daran, die Rechtschreibung einfacher und damit für bildungsferne Schichten egalitärer zu gestalten. Doch die gross lancierte Rechtschreibreform wurde zum grossen Flop. Trotz Nachbesserungen herrscht unter den Schreibenden neuerdings viel Unsicherheit. Tatsächlich hat sich die Fehlerquote in Diktaten und Schulaufsätzen seit der Reform verdoppelt. Die Fülle an erlaubten Varianten widerspricht der Maxime der Einheitlichkeit – und wird nicht selten als Freibrief für hemmungsloses Drauflosschreiben verstanden.

Vor allem die Neuregelung des Zusammen- und Getrenntschreibens hat einem unsinnigen Trend Vorschub geleistet: der Wortzerstückelung. Von der «Traum-Hochzeit» liest man in Boulevardblättern, gar vom «Sonntags-Gottesdienst» im lokalen Veranstaltungskalender. Wer meint, durch Bindestriche die Lesbarkeit zu steigern, irrt: Schlechte Rechtschreibung hemmt den Lesefluss. Sie kann zu Missverständnissen und unfreiwilliger Komik führen, wenn, auch unter starkem Einfluss des Englischen, gänzlich auf Zusammenschreibung verzichtet wird. So soll ein «Online Anbieter» seiner Kundschaft «24 Monate ohne Grund Gebühr» angedroht haben.

Kryptisch geht es auch in den Social Media zu und her. Die Digitalisierung hat zwar schriftlichen Kommunikationsformen Auftrieb gegeben. Doch Quantität bedeutet selten auch Qualität. Nah am mündlichen Sprachgebrauch wird jenseits von Rechtschreib-, Interpunktions- und Grammatikkonventionen getwittert und gebloggt. Die Verlotterung der Schriftsprache hat in Internetforen solche Ausmasse angenommen, dass immer öfter Hilfeschreie ratloser UserInnen zu lesen sind («Leute, formuliert eure Texte so, dass andere sie auch verstehen»). In PartnerInnenbörsen vergeben sich KandidatInnen mit fehlerhaften Einträgen Chancen, den Richtigen oder die Richtige zu finden. Kompetenz wird nachweislich – leider auch zu Unrecht – an der Beherrschung von Rechtschreibregeln gemessen. In jedem Fall ist ein korrekt geschriebenes Mail aber Ausdruck von Respekt und Sorgfalt.

Die Glaubwürdigkeit einer Zeitung nimmt zu, wenn Buchstaben und Kommas am richtigen Ort stehen. Wobei es auch Vergnügen bereitet, bewusste Abweichungen von Normen aufzuspüren (vgl. «Der schejne Toyota» [online nicht verfügbar]). Ein souveräner Umgang mit Rechtschreibung ermöglicht Kreativität. Die Regeln einer Sprache zu kennen, lohnt sich allemal.

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