Nr. 11/2014 vom 13.03.2014

Im Schatten der Schweizer Leistungsschau

Von Kaspar SurberMail an Autor:in

«Auftritt Schweiz» lautet das Motto, unter dem sich das Gastland Schweiz seit Mittwochabend auf der Leipziger Buchmesse präsentiert mit achtzig AutorInnen und roten Lesebänken, verteilt über die ganze Stadt. Die Bänke bleiben in Leipzig, versammelt zu einem «Schweizer Lesepark» im Clara-Zetkin-Park. Was die frühe Sozialistin und Frauenrechtlerin wohl über das Standortmarketing denken würde?

Finanziert wird der Auftritt unter anderem von «Präsenz Schweiz», der offiziellen Werbeagentur des Bundes. Was die OrganisatorInnen immerhin nicht daran hindert, politisch Klartext zu sprechen: Als «gefährliches Signal von Abschottung und Nationalismus» bezeichnet Projektleiter Dani Landolf die Annahme der SVP-Initiative in einer Mitteilung: Man wolle in Leipzig eine «andere, offene Schweiz zeigen, die den Austausch sucht».

Schriftstellerin Melinda Nadj Abonji bat KollegInnen, Antworten auf die Abstimmung zu schreiben. Die Texte finden sich auf der Website von «Auftritt Schweiz». Abonji kritisiert selbst einen entscheidenden Punkt: dass die Volksinitiativen, die mitunter gegen die Verfassung verstossen, gerade keine Demokratie schafften, sondern «sehr effiziente, politische Meinungslenkung» betrieben. Zu einer lebendigen Demokratie gehöre mehr, als unzählige Stimmzettel auszufüllen, nämlich «aus eigener Überzeugung heraus die Stimme zu erheben».

Die Antworten der KollegInnen sind in der Mehrzahl schnelle Reaktionen statt präziser Beschreibungen: Peter Stamm inszeniert ein Gespräch dreier Rassisten über die Hautfarbe von Schwarzen und Weissen. Was lustig sein will, befördert doch nur alte Stereotype. Raffinierter ist der Beitrag von Spoken-Word-Pionier Jurczok 1001: Er ersetzt «die Ausländer» flugs durch «die Plakate» und lässt den Souverän mutmassen, wie viele denn angemessen wären: «Wo wäre die Untergrenze, wo die Obergrenze?»

Die Mehrzahl der Texte bestätigt, dass viele SchriftstellerInnen in der Schweiz einer simplen Trennung von Literatur und Politik folgen: Als politisch gilt, vor oder nach einer Abstimmung seine Meinung zu sagen. Statt politisch unbequeme Bücher zu schreiben. Raphael Urweider immerhin fordert Recherchen und Romane zum Schweizer Profitstreben: «Dass die Anhäufung dieses Reichtums immer auch sehr welthaltig war und viel literarische Stoffe geboten hätte, ist nicht zu bestreiten.»

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch