Nr. 29/2013 vom 18.07.2013

Lichtschleier, Feuerflügel und radikale Worte

Die «glücklichste Zeit» seines Lebens: Strassburg war für Georg Büchner Ort der Liebe, der studentischen Geselligkeit, der politischen Visionen.

Von Susi Stühlinger, Strassburg

«Erkennt was man für Euch tut, man hat Euch grade so gestellt, dass der Wind von der Küche über Euch geht und Ihr auch einmal in Eurem Leben einen Braten riecht.» Der Schulmeister in «Leonce und Lena», Lustspiel, 1836/1837

«Ich freue mich ausserordentlich, dass dieser Wisch Papier an einen Ort kommen soll, der mir meine zweite Vaterstadt geworden ist und dem ich, wenn ich einmal (…) sterben sollte, die eine Herzkammer (…) vermachen würde (…)»
(Georg Büchner an seinen Onkel Edouard Reuss, 20. August 1832)

Das Münster

Es war im Frühjahr 1834, und ein Gewittersturm war im Anzug. Der zwanzigjährige Georg Büchner war über Ostern aus Giessen heimlich nach Strassburg zu seiner ebenso heimlichen Verlobten gereist. Als sich der Sturm zusammenbraute, war er mit Alexis Muston unterwegs, aus dessen Tagebuch folgende Episode überliefert ist: «Während eines heftigen Gewitters sagt Büchner zu mir: Willst du, dass wir aufs Münster steigen?» Gesagt, getan. Sie stiegen «in die Turmspitze hinauf […], wo Lichtschleier und Feuerflügel uns bei jedem Blitz, der den Himmel entflammte, plötzlich zu umhüllen oder zu streifen schienen». Kein ungefährliches Unterfangen, zumal Büchner nicht schwindelfrei war.

Gewitter scheinen es ihm angetan zu haben. In mehreren seiner Schriften ist von ihnen nicht nur als Naturphänomen wie bei «Lenz» (1835), sondern auch im übertragenen Sinn die Rede. An seinen Strassburger Freund Adolphe Stoeber schrieb er 1832: «Die teutsche nasskalte Holländeratmosphäre ist mir zuwider, die französische Gewitterluft ist mir lieber.» Diese nährte sich aus der Stimmung nach der Julirevolution 1830. Die Hoffnung auf politische Umwälzung war noch nicht begraben, in Strassburg war sie im Frühjahr 1834 greifbar, anders als in Büchners Heimat, wo die ersten Exemplare des «Hessischen Landboten» einige Monate später in Umlauf kommen sollten – mit ungewisser Wirkung.

Zu Büchners Zeiten war das Strassburger Münster mit 142 Metern das höchste Gebäude Europas. Etwa auf halber Höhe befindet sich eine Plattform, die schon immer BesucherInnen von nah und fern anzieht: Im roten Bundsandstein der Balustrade hatten sich schon vor Büchners Zeit Dichter wie Goethe, Lenz oder Klopstock verewigt. Büchner war öfter hier, fast hätte es einmal ein Unglück gegeben, als er sich «rasch nach einem fallenden Fernglase bückte». Die Aussicht hier war frei, anders als in Giessen, wo «Hügel hinter Hügel und breite Täler, eine hohle Mittelmässigkeit in Allem» die Szenerie beherrschten. Doch gewährte das Münster Büchner nicht nur auf die geografische Landschaft einen weiten Blick, sondern auch auf die politische.

Auf der Plattform traf Büchner im Mai 1833 einen Saint-Simonisten, einen Vertreter einer christlich-sozialen Denkschule, die später dem Frühsozialismus zugeordnet werden würde. Die Begegnung schildert er als «Karikatur aus mehreren Jahrhunderten und Welttheilen». Den Ideen dieses «Kosmopoliten» hatte Büchner wohl einiges abgewinnen können: Zumindest diskutierte er mit Alexis Muston über die «république universelle», die «états-unis de l’Europe» und «andere Utopien, von denen manche vielleicht Wirklichkeit werden könnten».

Was Büchner wohl denken würde, sähe er heute von der Münsterplattform hinunter auf das Europaparlament? Was ginge dem Gründer der Giessener «Gesellschaft der Menschenrechte» durch den Kopf, wenn er auf die Bauten des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte blickte, während unten, zu Füssen der Kathedrale, Afrikaner versuchen, allerlei in Asien gefertigten Tand an TouristInnen loszuwerden? Sähe er seine Vision einer gerechteren Gesellschaft erfüllt?

66 Rue Saint-Guillaume

Büchners erste Station in Strassburg befindet sich an der Rue Saint-Guillaume, etwas abseits des mittelalterlichen Stadtkerns. Heute steht hier, eingeklemmt zwischen zwei Gassen, ein rotes Haus. Es ist nicht dasjenige, in dem der junge Student 1831 «ein etwas überzwerges Zimmer mit grüner Tapete» bezog und seine spätere Verlobte Wilhelmine «Minna» Jaeglé kennenlernen sollte. Der Wohnsitz von Büchners Gastgeber – Johann Jakob Jaeglé, Pfarrer der protestantischen Kirche Saint-Guillaume – wurde im Jahr 1906 abgerissen. Ein Foto, das das Haus vor dem Abriss zeigt, legt jedoch nahe, dass es dem Gebäude, das nun hier steht, nicht unähnlich war.

Abriss und Neubau an der Rue Saint-Guillaume können sinnbildlich für den Umgang mit Büchners Nachlass stehen. Was von Büchners privaten Schriften – vor allem seinen Briefen – überdauert hat, ist fragmentarisch. Seit seinem Tod mühten sich etliche WissenschaftlerInnen, ein annähernd vollständiges Bild seines kurzen Lebens anzufertigen und so das Gebäude Büchner – um bei der Metapher zu bleiben – aus Einzelstücken zu rekonstruieren.

Die Witwe Wilhelmine Jaeglé (1810–1880) spielt in Bezug auf Büchners Nachlass eine entscheidende Rolle – welche jedoch, ist bis heute unklar. Überliefert ist ein Brief Jaeglés an einen Büchner-Biografen, in dem sie mitteilt, «keine moralische Verpflichtung» zu fühlen, die angeforderten Dokumente «zur Öffentlichkeit zu bringen». Es seien «theils solche die nur mich persönlich angehen […] theils unvollständige Auszüge und unvollendete Notizen». Das Andenken an Büchner sei ihr «zu theuer, als dass ich wünschen könnte, etwas Unfertiges von ihm der Kritik der Recensenten auszusetzen».

Anders deutete es der Elsässer Büchner-Übersetzer Auguste Dietrich, der 1889 aus «sehr guter Quelle» zu zitieren behauptete, Jaeglé, die jahrelang eine private Kleinmädchenschule betrieb, sei im Alter frömmlerisch geworden und habe eine «allmähliche Entfremdung gegenüber den Ideen des ‹Atheisten› Büchner» erfahren, «die darauf hinauslief, den Charakter einer wahren Feindschaft anzunehmen». Trotz Bemühungen wie etwa des zeitgenössischen Büchner-Forschers Jan-Christoph Hauschild, Wilhelmine Jaeglé zu rehabilitieren: Noch immer hält sich hartnäckig das Bild von Jaeglé als vergrämter, missgünstiger Schriftstellerwitwe, die vornehmlich daran interessiert war, Büchner und seine Beziehung zu ihr in ein für sie günstiges, bürgerliches Licht zu rücken – und den Revolutionär, den Getriebenen, den Wollüstigen zu verschweigen. Hermann Kurzke geht in seiner jüngst erschienenen Büchner-Biografie noch weiter: Er behauptet, Büchner habe seine Minna bald gar nicht mehr geliebt, sondern sei «in einer Art mystischen Anbetung in ein gefallenes Mädchen verliebt» gewesen, denn so steht es zumindest in einem Tagebucheintrag des Freunds Alexis Muston. Der lückenhafte Nachlass mag zu derartigen Spekulationen anregen: Wer Büchner wirklich war und welches der von etlichen Biografen konstruierten Büchner-Gebäude der Wahrheit am nächsten kommt, bleibt ungewiss – Büchner selbst wäre dies vielleicht ganz recht so.

Am alten Weinmarkt

Am alten Weinmarkt findet sich ein Kiesplatz mit einer Gedenksäule – für den elsässischen Schriftsteller Ehrenfried Stoeber sowie seine Söhne August und Adolphe. Letztere zählten zu den engsten Freunden Büchners in Strassburg. Sie waren führende Mitglieder der Eugenia, einer Verbindung evangelischer Theologiestudenten, bei der auch Georg Büchner als Gast zugegen war. Die Sitzungen fanden meist am alten Weinmarkt im Haus der Stoebers statt. Zweck der Zusammenkünfte waren «Fröhliches Beisammensein, trauliches Lehrreiches Gespräch, Gesang und holder Biergenuss» – wobei Letzterem manchmal ziemlich intensiv gehuldigt worden sein muss. Auf Schlagen und dergleichen wurde verzichtet, hingegen soll es Furzwettbewerbe gegeben haben. Wenn Büchner dabei war, wurden vermehrt scharfe politische Diskussionen geführt. «Freund Bügner, dieser so feurige u so streng republicanisch gesinnte deutsche Patriot schleuderte einmal wieder, alle mögliche Blitze u Donnerkeule gegen alles was sich Fürst und König nennt», steht im Protokoll der Verbindung. Den Strassburger Kollegen erschienen Büchners Anschauungen zu radikal, an jenem Abend sah man sich irgendwann «endlich genöthigt dem politischen Wortwechsel ein Ende zu machen, weil Freund Daniel anfängt zu – schlafen».

In der Eugenia, deren Mitglieder allesamt aus Familien des Strassburger Bürgertums stammten, wurde Deutsch gesprochen, ebenso in breiten Schichten der Bevölkerung. Die deutsche Kultur war in der ehemaligen Reichsstadt genauso präsent wie die aus der Französischen Revolution gewonnenen Wertvorstellungen von Freiheit und Fortschritt. Heute präsentiert sich Strassburg als kosmopolitische, hauptsächlich französische Stadt, in der nicht mit der deutschen Vergangenheit hausiert wird. Ebenso wenig spricht man Deutsch, wenn es nicht sein muss – wobei nicht ganz klar ist, ob dieser Umstand aus den zahlreichen deutsch-französischen Spannungen historisch gewachsen ist oder doch eher dem Verhalten vieler deutscher TouristInnen geschuldet sein mag. Einzig die Strassenzüge in der Altstadt sind nicht nur französisch, sondern auch im alemannisch-elsässischen Dialekt beschriftet. Eine «Place Buchner» gibt es in Strassburg übrigens auch, allerdings am Stadtrand zwischen tristen Wohntürmen. Und zu gerne wüsste man, welche «Blitze u Donnerkeule» Büchner in unserer Zeit gegen Sarkozy, Merkel und, ja, auch François Hollande geschleudert hätte.

Auf dem Münster übrigens, dereinst von einem Deutschen erbaut, sass nach der Französischen Revolution von 1794 bis 1802 eine rote Jakobinermütze. Um das Bauwerk vor dem Jakobinerterror zu bewahren, hatte man zu einer List gegriffen: Mit der Blechmütze wurde die Kirche in einen «Tempel der Vernunft» verwandelt – und durfte stehen bleiben. Auf die Mütze spielt Büchner in einem Brief nach seiner Flucht aus Hessen im Jahr 1835 an: «Vielleicht bin ich auch dabei, wenn noch einmal das Münster eine Jacobiner-Mütze aufsetzen sollte. […] sie sollen noch erleben, zu was ein Deutscher nicht fähig ist, wenn er Hunger hat. Ich wollte, es ginge der ganzen Nation wie mir.» – Die Revolution, in Deutschland sowieso, war zwar ein Ding der Unmöglichkeit. Das hatte Georg Büchner bereits am eigenen Leib erfahren. Trotzdem sehnte er sie herbei. «Hoffen wir auf die Zeit!», schreibt er im selben Jahr an einen unbekannten Empfänger.

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

Unterstützen Sie den ProWOZ

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch