Nr. 12/2014 vom 20.03.2014

Geweihtes Brot auch für die Kuh

Ein Buch über die untergegangene Welt des ländlichen Katholizismus.

Von Bettina Dyttrich

Es ist noch gar nicht so lange her. Menschen über sechzig, die in ländlichen katholischen Gebieten aufgewachsen sind, haben diese Welt noch gekannt. Heute scheint sie unendlich weit weg: eine Welt, geprägt von der katholischen Kirche, ihren Geboten, Verboten, Festen und Leiden. Eine Welt, in der es der Ehrgeiz fast jeder Familienmutter war, mindestens einen Sohn ins Priesterseminar zu bringen. Eine Welt auch, in der man meist zu Fuss ging – manche Glücklichen hatten schon ein Velo.

Über das katholische Milieu und seinen Niedergang ist schon viel geschrieben worden. Der Historiker Peter Hersche betrachtet die Religiosität allerdings nicht isoliert, sondern zeigt, wie eng sie mit der traditionellen bäuerlichen Arbeit verflochten war.

Für sein Buch «Agrarische Religiosität» hat er ZeitzeugInnen in den katholischen Halbkantonen Appenzell Innerrhoden, wo er aufgewachsen ist, und Obwalden befragt. Faszinierend sind die Mentalitätsunterschiede, die es in der Nachkriegszeit zwischen katholischen und protestantischen Gebieten noch gab. Die «protestantische Ethik» hatte die ländlichen KatholikInnen noch nicht erreicht: Die «Überwerker», die zu viel arbeiteten, seien als die grössten Narren angesehen worden, sagt ein Zeitzeuge zu Hersche. In Innerrhoden hiess der Mittwoch «Bauernsonntag»: Zumindest die Männer gingen nach den Stallarbeiten nach Appenzell auf den Markt und anschliessend ins Wirtshaus. Arbeit war nicht alles, und die Welt wurde nicht nur nach Nützlichkeit beurteilt. Hersche führt dafür ein berührendes Beispiel an: Kühe, die verkauft wurden oder auf die Alp gingen, bekamen geweihte «Agathabrötli» gegen Heimweh.

Peter Hersche verschweigt die negativen Seiten der katholischen Welt nicht: die lebensfeindliche Sexualmoral, das öffentliche Blossstellen von jungen Frauen, die beim unerlaubten Tanzen erwischt wurden. Diese Prüderie habe viel zur Entfremdung von der Kirche beigetragen, sagen mehrere von Hersches InterviewpartnerInnen.

Um 1960 erreichte der «Fortschritt» auch die hintersten Winkel der Schweiz. Mit der Mechanisierung veränderte sich die bäuerliche Arbeit radikal. Die protestantische Arbeitsethik steckte auch die KatholikInnen an, die katholische Kirche zog sich ins Reduit zurück. Wäre eine andere Entwicklung möglich gewesen, die die positiven Seiten dieser Welt – gerade das Misstrauen gegen die «Überwerker» – bewahrt hätte? Wahrscheinlich nicht. Aber Peter Hersches Buch zeigt, dass die Aufteilung in eine gute, progressiv-liberale, protestantische Schweiz und eine reaktionäre, katholische, ländliche Schweiz – beliebt gerade nach der Abstimmung vom 9. Februar – historisch zu kurz greift. Die Geschichte war etwas komplizierter.

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