Nr. 13/2014 vom 27.03.2014

Kinder stärken geht anders

Von Bettina Dyttrich

Es klingt so einfach, so einleuchtend. «Pädophile sollen nicht mehr mit Kindern arbeiten dürfen.» Wer kann da schon dagegen sein?

Die Initiative, über die wir am 18. Mai abstimmen, will einen Automatismus einführen: «Personen, die verurteilt werden, weil sie die sexuelle Unversehrtheit eines Kindes oder einer abhängigen Person beeinträchtigt haben, verlieren endgültig das Recht, eine berufliche oder ehrenamtliche Tätigkeit mit Minderjährigen oder Abhängigen auszuüben.» Zwingend und immer, unabhängig von der Schwere des Delikts, ungeachtet der Umstände. Ein Neunzehnjähriger, der mit einer oder einem Fünfzehnjährigen in gegenseitigem Einvernehmen ins Bett geht, Pech hat und verurteilt wird, würde gleich behandelt wie der Vergewaltiger eines Kleinkinds. Differenzierungen – wie jene zwischen harmlosen Strandbildern und Pornos, für die Kinder gequält werden – interessieren in dieser aufgeheizten Debatte kaum. Am Samstag wollten Rechte in Bern «gegen Kuscheljustiz» demonstrieren (vgl. «Werwölfe trollen sich»).

Die «Pädophilie-Initiative» hat gute Chancen – obwohl sie die Umsetzung einer Gesetzesänderung erschwert, die Kinder besser schützen soll und die das Parlament bereits beschlossen hat. Auch die neuen Gesetzesartikel sehen Tätigkeitsverbote vor für Menschen, die sich wegen sexueller Übergriffe auf Minderjährige strafbar gemacht haben. Aber sie vermeiden einen Automatismus: Dauer und allfällige Verlängerungen des Tätigkeitsverbots sind von der Schwere des Delikts und der Rückfallgefahr abhängig. Ausserdem sind Tätigkeitsverbote nicht nur bei Sexualstraftaten möglich, sondern auch bei körperlicher oder psychischer Gewalt, die ein Kind genauso schwer traumatisieren kann. Und mit der Gesetzesänderung können Gerichte möglichen WiederholungstäterInnen ein Kontakt- oder Rayonverbot auferlegen. Denn Übergriffe gibt es nicht nur in der Schule, in der Pfadi oder im Fussballklub, sondern noch häufiger in der Familie.

Es ist wohl kein Zufall, dass gerade dieser Bereich in der Initiative nicht vorkommt. Wer wie die SVP die Familie verherrlicht, will nicht sehen, dass sie objektiv der gefährlichste Ort für Kinder ist. In diesem Weltbild kann das Böse nur von aussen kommen, aus der Schule etwa: Sieben PolitikerInnen aus dem Komitee der «Pädophilie-Initiative» sitzen auch im Komitee der Initiative «zum Schutz vor Sexualisierung in Kindergarten und Primarschule», die Kinder vor Sexualaufklärung «schützen» soll: aus der SVP Toni Bortoluzzi, Peter Föhn, Sebastian Frehner, Oskar Freysinger und Andrea Geissbühler, aus der CVP Jakob Büchler, aus der Lega die Ticinesi Roberta Pantani. Im Dezember wurden 110 000 beglaubigte Unterschriften eingereicht.

Doch gerade Aufklärung braucht es, um Kinder zu stärken und vor Übergriffen zu schützen. Ein Kind, das nicht weiss, wie seine Körperteile heissen, weil die Eltern verschämt schweigen und die Lehrerin nichts sagen darf, kann auch nicht über einen Übergriff sprechen. Ein Kind hingegen, das gelernt hat, dass sein Körper kostbar und Sex etwas Schönes ist, wenn er einvernehmlich geschieht, ist eher zu Widerstand fähig.

Lange nicht alle TäterInnen sind pädophil. Bei vielen Übergriffen auf Kinder geht es weniger um Sex als um Macht. Nicht zuletzt deshalb bedeutet Prävention nicht nur Sexualaufklärung, sondern eine Pädagogik, die Kindern vermittelt, dass sie Nein sagen dürfen. Das ist nicht gerade die Pädagogik, die die «KinderschützerInnen» aus SVP-Kreisen propagieren. Zur Prävention würde auch ein grösseres Therapieangebot für potenzielle TäterInnen gehören genauso wie eine verstärkte Sensibilisierung der MitarbeiterInnen von Schulen und Heimen. Doch Prävention ist teuer, komplex und eignet sich nicht als Wahlkampfthema.

Nachdem die GegnerInnen der Initiative lange wie gelähmt wirkten, formiert sich nun endlich ein Gegenkomitee. Und langsam melden sich auch Fachorganisationen gegen die Initiative zu Wort. «Wir berufen uns auf die Verfassung und auf die Uno-Kinderrechtskonvention», sagt Flavia Frei von der Stiftung Kinderschutz Schweiz. «Die Menschenrechte sind kein Selbstbedienungsladen. Wenn man anfängt, an den Rechten der Erwachsenen zu kratzen, wird es auch für Kinder brenzlig.»

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