Nr. 13/2014 vom 27.03.2014

Marsch für die Würde

Über eine halbe Million Menschen demonstrierten am Wochenende in Madrid gegen Sozialkürzungen, Arbeitslosigkeit und Zwangsräumungen.

Von Dorothea Wuhrer, Sevilla

Sie waren aus dem ganzen Land gekommen, in Bussen, in Zügen oder zu Fuss: andalusische Tagelöhnerinnen, asturische Bergarbeiter, die Iaioflautas aus Barcelona (siehe WOZ Nr. 6/2014) und noch ein paar 100 000 mehr. Viele von ihnen hatten wochenlang auf sechs grossen Marchas de la Dignidad Hunderte von Kilometern zurückgelegt, bis sie sich am vergangenen Samstag in Madrid zur grössten Protestaktion der letzten Jahre trafen. Ihre Forderungen: «Brot, Arbeit und ein Dach über dem Kopf».

Aufgerufen zu dieser konzertierten Aktion hatten die kämpferische Andalusische Arbeitergewerkschaft SAT, die Bürgerinitiative «Wir sind die Mehrheit» sowie über 200 soziale Initiativen, die Empörtenbewegung 15M und kleine linke Parteien. Allein in Andalusien bestiegen Zehntausende insgesamt 500 Busse. Wie die Regierung auf die Zahl von 36 000  TeilnehmerInnen kam (die von den internationalen Medien unhinterfragt übernommen wurde), ist ihr Geheimnis – selbst die Polizei sprach anfangs von 350 000  DemonstrantInnen, korrigierte dann aber offenbar auf Weisung von oben ihre Angabe nach unten.

Initiative aus dem Süden

Dass die Initiative im Süden ergriffen wurde, hat mit den Nöten der Menschen in Andalusien zu tun, wo knapp vierzig Prozent der Erwerbsfähigen – und zwei Drittel aller unter 25-Jährigen – ohne bezahlte Arbeit sind. «Viele Menschen weinen zu Hause hinter verschlossener Tür», sagt der Tagelöhner und Sat-Generalsekretär Diego Cañamero, «aber die Zeit des Lamentierens ist vorbei, jetzt ist es Zeit zu kämpfen.»

Damit meinte er freilich nicht die Scharmützel zwischen der Polizei und einem kleinen Teil der DemonstrantInnen. Diese sind der Stadtverwaltung und der Regionalregierung zuzuschreiben, beide von der rechtskonservativen Volkspartei PP: Die Stadtverwaltung erklärte die Versammlung ab 21 Uhr für illegal, obwohl die Kundgebung erst kurz zuvor endete. Und der regionale Regierungschef Ignacio González heizte die Stimmung auf, indem er die DemonstrantInnen mit der griechischen neofaschistischen Partei Goldene Morgenröte verglich. Vielleicht wollten die Behörden den Medien – die die Märsche wochenlang ignoriert hatten – auch nur die richtigen Bilder liefern: Die Auseinandersetzungen begannen just vor den Hauptnachrichten der TV-Sender.

«Konfrontation eskalieren»

Nach der Kundgebung besetzten einige DemonstrantInnen Madrids zentralen Platz Puerta del Sol, wurden aber bereits am Montagabend wieder vertrieben. Versuche, die Börse zu umzingeln, scheiterten ebenfalls: Seit der Verabschiedung des Knebelgesetzes (siehe WOZ Nr. 51/2013) drohen den Beteiligten an ungenehmigten Protesten hohe Geld- und Gefängnisstrafen. Dafür kam es am Montag zu Demonstrationen vor den Ministerien für Wirtschaft, Finanzen, Arbeit und Soziales, die die Auflagen der Troika umsetzen.

Vor allem die nordspanischen Bergarbeiter wollen nicht einfach wieder nach Hause fahren. Was sollen sie auch dort? Allein im Kohlebergbau gingen in den letzten zwei Jahren 4000 Arbeitsplätze verloren. Und so beraten sie mit den OrganisatorInnen der Sternmärsche über die nächsten Schritte. Ihr Argument: «Eintägige Aktionen haben bloss symbolischen Charakter», jetzt müsse man eine Strategie der «eskalierenden Konfrontation mit der Regierung und der Wirtschaftselite» entwickeln.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch