Nr. 20/2020 vom 14.05.2020

Schlechte Noten am Samstagabend

Die Coronakrise zwingt die Schulen, online zu unterrichten. Kantilehrer Philippe Wampfler beschäftigt sich seit Jahren mit digitalen Fragen. Ein Gespräch über kleine Fortschritte, grosse Techfirmen und neue Freiräume.

Von Alice Galizia (Interview) und Florian Bachmann (Foto)

«Plötzlich musste es sehr schnell gehen – also hat man sich oft für jene Lösungen entschieden, die am einfachsten funktionieren»: Philippe Wampfler in der Kantonsschule Enge in Zürich.

WOZ: Herr Wampfler, nach acht Wochen Fernunterricht – bleiben die Schulen jetzt bei der digitalen Lehre?
Philippe Wampfler: Nur bedingt. Ich habe im Moment den Eindruck, das System zucke ein wenig, werde sich aber wieder stabilisieren. Es gibt zwei Faktoren, die die Weiterentwicklung im digitalen Bereich schwierig machen: Zum einen sind Lehrpersonen dazu ausgebildet, bestimmte Lehrmethoden zu verwenden, also zum Beispiel ganz klassische Arbeitsblätter. Es ist naheliegend, diese dann in digitale Arbeitsblätter umzuwandeln – aber es ergibt sich so keine Entwicklung. Zum anderen hat die Schule auch eine Bewertungsaufgabe – herkömmliche Lehrmethoden kommen oft schon im Prüfungsformat daher, eine valide Note ist einfach auszurechnen. Einen Podcast zu bewerten, den die Schülerinnen produziert haben, ist viel schwieriger.

Aber natürlich gibt es auch Lehrpersonen, die Lust auf neue Lösungen haben und kreativ mit dem digitalen Raum umgehen. Und merken, dass es ihnen Spass macht.

Macht es denn den Schülerinnen und Schülern Spass?
Grundsätzlich empfinden sie die digitale Lehre im Moment als Ersatz. Die einen können damit gut umgehen, sind experimentierfreudig und haben Freude daran. Andere verspüren eher eine Technikfrustration, die wir ja auch alle kennen: Ständig verändern sich die Nutzeroberflächen, oder irgendetwas funktioniert nicht. Da sind jene Schulen am erfolgreichsten, die einfache Tools mit niedrigen Hürden verwenden.

Welche Tools sind das zum Beispiel?
Hier haben wir das grundsätzliche Problem, dass grosse Techfirmen wie Google, Microsoft oder Apple sehr viel in die «user experience», also das Nutzererlebnis, investiert haben. Ihnen gegenüber steht eine Open-Source-Bewegung, die ethisch verantwortbare Tools an Schulen fordert. Aber ein Schulportal sieht nie so aus wie Whatsapp und ist auch nicht so praktisch. Es sind immer Dilemmasituationen: Wenn du einen Schüler über das ethisch verantwortbare Schulportal nicht erreichst, er dir auf Whatsapp aber innert dreissig Sekunden zurückschreibt, dann entscheidest du dich für Whatsapp.

Dann wird wenig Wert auf den Datenschutz gelegt?
Im Moment haben wir sicher eine Prioritätenverschiebung. Als die Schulen geschlossen wurden, musste es sehr schnell gehen – also hat man sich oft für jene Lösungen entschieden, die am einfachsten funktionieren. Ich selbst bin auch pragmatisch: An der Uni zum Beispiel versuche ich seit drei Jahren durchzusetzen, dass wir mit Teams, einem Microsoft-Produkt, arbeiten können, und war wegen Datenschutzbedenken nicht erfolgreich – gerade im Bereich der Psychologie oder Medizin arbeiten Forschende an der Uni oft mit heiklen Daten. Jetzt hat der Datenschützer der Uni Zürich, wohl einer der strengsten im Land, die Einführung einfach durchgewinkt.

Was halten Sie von solchen Kompromisslösungen?
Die Abhängigkeit von diesen Firmen ist ja nicht auf die Schulen beschränkt, sondern betrifft die gesamte Gesellschaft. Natürlich können wir versuchen, dem möglichst aus dem Weg zu gehen – aber das ist ein ständiger Kampf, der viele Ressourcen verschlingt. Eine kleine Gemeinde kann nicht einfach eine Informatikabteilung erschaffen, die eine funktionierende Open-Source-Lösung für die Schule entwickelt.

Aber natürlich muss man eine Haltung haben, welche Anforderungen man etwa im Bereich des Datenschutzes an die Produkte hat. Sonst ist man gegenüber den Techfirmen nicht in einer Verhandlungsposition, sondern konsumiert nur noch. Um Forderungen wirklich durchsetzen zu können, müssten sich die Kantone für diese Verhandlungen eigentlich zusammenschliessen. Der föderale Weg ist im digitalen Bereich veraltet.

Besteht durch die digitale Lehre die Gefahr, dass die Schülerinnen und Schüler auf einmal ständig in der Schule sind – weil Sie als Lehrer sie ständig erreichen können?
Ja, das ist ein Problem. Etwa, wenn Noten online erfasst werden und die Lehrperson sie einträgt, sobald sie die Prüfungen korrigiert hat. Dann passiert das unter Umständen an einem Samstagabend – kein Zeitpunkt, zu dem du als Schülerin erfahren willst, dass du in der Mathematikprüfung eine 2,5 geschrieben hast. Die Bewertung wird nicht eingeordnet und ist völlig vom Schulraum gelöst; die räumliche Entgrenzung wird zu einer zeitlichen.

Die Schülerinnen sind aber gut darin, Filter zu entwickeln. Die digitale Kultur kann nicht nur zu Kontrollverlust führen, sondern auch zu Filtersouveränität. Ich kann zwar nicht kontrollieren, was mit meinen Daten passiert, also ob mein Lehrer samstags um zehn Uhr abends meine Noten einträgt, aber ich kann steuern, ob ich das sehen will. Einige Schüler schalten die Schul-Apps übers Wochenende einfach aus.

Mehr Kontrolle gibt es aber auch in einem anderen Bereich: Mit manchen Programmen kann man die jeweilige Sprechzeit messen oder auswerten, wer sich wie oft meldet. Nutzen Sie solche Daten?
Nein. Wenn ich einfach die Sprechzeiten auswerte, weiss ich noch gar nicht so viel. Es geht ja zum Beispiel auch darum, wie gut jemand zuhört. Ausserdem will ich nicht, dass die Schüler einfach irgendetwas sagen, um ihre Redezeit zu erhöhen.

Natürlich haben solche Auswertungen auch Potenzial – weil ich als Lehrer nie neutral bin. Es gibt immer Schüler, die ich weniger wahrnehme und zum Beispiel gar nicht aufrufe. Die Gefahr, dass sie zu Überwachung führen, ist aber zu gross. Sobald wir Überwachungssysteme einsetzen, definieren wir die Schüler und Schülerinnen sozusagen als Betrüger. Statt eines Vertrauensvorsprungs geben wir ihnen einen Misstrauensvorsprung: Die Schülerin muss zuerst beweisen, dass sie keine Betrügerin ist. Es sollte in der Schule aber nicht nur darum gehen, möglichst gute Leistungen zu erzielen, sondern auch darum, den Schülerinnen und Schülern ihre Autonomie und ihren Freiraum zu lassen.

Dazu ist die Schule auch ein sozialer Raum. Was passiert, wenn alle zu Hause sind – und dieser darum wegfällt?
Homeschooling und auch Privatschulen sind immer nur aus einer sehr engen Perspektive gesehen eine Lösung. Aus einer gesellschaftlichen Perspektive ist der Raum der Schule wichtig für Diversität und Austausch. Durch die Schulschliessungen wird die Bildungsungerechtigkeit verschärft, weil Ungleichheiten weniger sichtbar sind. Nicht alle haben eine Sprache, um über Bildung zu reden, und nicht alle haben die Zeit und die Ressourcen dazu. Deswegen kommen vor allem die Bedürfnisse der privilegierten Eltern und Kinder zur Sprache – dass das nicht die Einzigen sind, geht da oft vergessen.

Am Montag hat die Schule wieder angefangen. Was bleibt vom digitalen Unterricht?
Ich befürchte, dass es vor allem die effizienten Kontroll- und Bewertungstools sein werden, die überleben, und das Misstrauen grösser wird. Ich hoffe sehr, dass wir eine Balance finden. Denn was ich im Gegensatz dazu sehr befreiend fand, war die Arbeit ohne Prüfungen und Noten – zu merken, dass meine Klassen auch ohne Druck bereit sind, zu arbeiten und kreativ zu sein. Das würde ich gerne mitnehmen. Für mich wäre das der bessere Weg: dass digitale Technologie dazu dient, den Freiraum zu vergrössern.

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