Nr. 15/2014 vom 10.04.2014

Die einzige Linke im ganzen Dorf

Seit drei Monaten ist die 27-jährige Priska Lorenz Präsidentin der SP/Juso-Fraktion im Luzerner Kantonsrat. Sie kommt vom Land, und das hilft ihr jetzt in den politischen Debatten.

Von Robert Müller (Text und Foto)

Priska Lorenz in Grosswangen: «Es braucht Mut, hier linke Anliegen zu vertreten. Aber es spornt auch an.»

Restaurant Ochsen in Grosswangen. Eine alte Dorfbeiz, gepflegt renoviert und traditionell ein CVP-Stammlokal. Man kennt sich und grüsst sich mit Vornamen. «Ich bin hier verwurzelt», sagt Priska Lorenz, «und wenn immer möglich fahre ich nach Hause nach Grosswangen.»

Zwei Wohnorte hat Priska Lorenz im Moment. Heute ist sie aus Bern angereist. Dort ist sie Wochenaufenthalterin, weil sie am Geographischen Institut über die Auswirkungen von Tourismusresorts auf die Landschaft arbeitet. Und eben Grosswangen, 3000 EinwohnerInnen, ein Dorf mitten in grünen Hügeln zwischen Sursee und Willisau am Fuss des Napfs. Hier ist die schmale junge Frau mit den energischen Bewegungen aufgewachsen, hier leben ihre Eltern.

Heute ist die Heimkehr nach Grosswangen Pflicht. Denn später am Abend ist Probe der Brass Band Frohsinn. Jetzt, kurz vor den Jahreskonzerten im «Ochsen»-Saal, darf Priska Lorenz nicht fehlen. Da spielt die Politikerin Xylofon, Schlagzeug, und manchmal haut sie auch auf die Kesselpauke.

Fraktionspräsidentin mit Biss

Seit drei Monaten ist sie Präsidentin der SP/Juso-Fraktion im Luzerner Kantonsrat. Die Partei schickt nur sechzehn VertreterInnen ins 120-köpfige Parlament. Gegen die massive Übermacht von CVP, SVP und FDP kann die Partei kaum je linke Anliegen durchbringen.

Gerade deshalb gibt die SP den schwierigen Job der jungen Frau. Sie braucht eine Fraktionspräsidentin mit Biss. «Priska Lorenz geht auf die Leute zu, aber sie lässt sich nicht über den Tisch ziehen, wenn sie mit den bürgerlichen Fraktionspräsidenten verhandeln muss», sagt SP-Kantonalpräsidentin Felicitas Zopfi. «Sie ist eine starke Frau mit einer klaren Meinung.»

«Ich will eine andere Politik in diesem Kanton», sagt Priska Lorenz. Im Auge hat sie etwa die Steuerpolitik, das heisseste Thema im Kanton Luzern. Mehrfach hat der Kanton die Steuern gesenkt, zuletzt hat er die Vermögens- und die Unternehmenssteuern halbiert.

Das Resultat sind leere Kassen und Verteilkämpfe. Vergebens hat die SP im Kantonsrat opponiert. Jetzt geht die Partei, angetrieben von den forschen JungsozialistInnen, den ausserparlamentarischen Weg. Sie startet eine kantonale Volksinitiative. Die Tiefsteuerpolitik soll korrigiert werden. «Wir lancieren jetzt die richtigen Debatten. Da stehe ich hundertprozentig dahinter», sagt Priska Lorenz. «Ich will eine gerechtere und solidarischere Gesellschaft, das ist seit jeher mein Anliegen.»

Bisher hat sie im Kantonsrat vor allem Bildungspolitik gemacht und sich dabei einen guten Ruf erworben. Sie sei exzellent vorbereitet und hoch motiviert, heisst es bei Freund und Feind. Doch jetzt muss sie ihr politisches Profil ausweiten, sich zum Beispiel in die komplexen Finanzthemen einarbeiten.

Harte Auseinandersetzungen ist Priska Lorenz aber gewohnt. Anders als etwa die JungsozialistInnen, die sich vorwiegend im urbanen linken Biotop der Stadt Luzern bewegen, lebt sie in einem anderen Umfeld. «Ich bin die einzige bekennende Linke im Dorf», sagt sie.

Das hat sie zu spüren bekommen. Immer wieder musste sie sich böse Sprüche anhören. Besonders als sie, mit 21 Jahren, als Jungsozialistin in den Kantonsrat nachrutschte. «Da muss man halt zurückgeben. Und das kann ich gut.» Sie lacht.

Später wurde sie, inzwischen als Mitglied der SP, glanzvoll wiedergewählt, auch mit Stimmen aus Grosswangen. «Heute sagen die Leute im Dorf: Du bist zwar in der falschen Partei, aber ich wähle dich trotzdem, weil ich dich gut finde.»

Politisiert wurde Priska Lorenz als Mittelschülerin in der Kantonsschule Willisau. 2004 wurde hier gespart, es wurden Lektionen gestrichen. Sie ist empört und beteiligt sich am Protest. Der Krieg im Irak beschäftigt sie, und im Elternhaus wird viel über gesellschaftliche Werte diskutiert. «Das hat mich geprägt», sagt sie.

Plädoyer für jugendliche Frechheit

Jahre später kehrte Priska Lorenz an die Schule zurück. Als Ehemalige und als Kantonsrätin sprach sie an einer Maturfeier. «Bleischwere Ungewissheit, federleichte Freiheit – steigt ein, in den Nachtzug nach Lissabon» ist ihre Rede übertitelt. Sie spielte damit auf den Roman «Nachtzug nach Lissabon» des Schweizer Autors Pascal Mercier an. Die Rede ist ein Plädoyer für jugendliche Frechheit. «Die Welt wartet auf euch, nehmt sie euch und verändert sie!»

«Und übrigens», sagt sie, bevor sie zur Probe mit der Brass Band Frohsinn aufbricht, «ich bin mit dem Nachtzug nach Lissabon gefahren! Kürzlich, ganz allein, mit dem Rucksack, wie mit zwanzig Jahren.» Sie habe im Zug gesessen, aus dem Fenster geschaut, gelesen, geschrieben und nachgedacht.

«Ich bin neugierig. Ich lasse mich gerne auf Neues ein. Eigentlich ist auch das neue Amt als Fraktionspräsidentin wie ein Einstieg in den Nachtzug nach Lissabon.»

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch